Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft – Klassismus

Klassismus ist keine veraltete, sondern unterschätzte Realität moderner Gesellschaften. Trotz fortschrittlicher Bildung und aufgeklärter Diskurse bleibt die Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft ein gravierendes Problem, das nur wenige erkennen. Klassismus manifestiert sich nicht mehr durch offenen Ausschluss, sondern durch subtile Mechanismen und Barrieren, welche den Zugang zu Bildung, qualitativer Gesundheitsversorgung, anständig bezahlten Jobs und gesellschaftlichem und politischem Einfluss steuern.

Die neue Armut – Working Poor:

Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft: Klassismus

Über Klassismus wurde bis 2020 kaum offen geredet. Viele Menschen denken, diese Form der Diskriminierung existiert nicht mehr, denn heute kann jeder es zu etwas bringen, wenn er oder sie sich nur genug anstrengt. 

Der Mythos der meritokratischen Gesellschaft, in der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, wird durch die Lebenssituation der allermeisten Lohnempfänger ad absurdum geführt. Viele Menschen in Deutschland mühen sich täglich ab und verdienen trotz Arbeit zu wenig, um sich finanziell abzusichern, weiterbilden oder sparen zu können.

Die neue Armut betrifft also nicht nur Arbeitslose, Obdachlose oder andere „Randexistenzen“, sondern einen Großteil der Bevölkerung: die „working poor“, also alle, die als Geringverdiener gelten – zum Beispiel Kassierer, Verkäuferinnen, Kinderpfleger, Reinigungskräfte, Maurerinnen, Altenpfleger, Lieferantinnen, Kellner, Köchinnen, Friseure, Kfz-Mechanikerinnen, Bürokräfte, Maler, Krankenschwestern usw. usf.

Nicht nur die unterschwellige Angst vor Erwerbslosigkeit und Wohnungsverlust gehören hier zum Alltag, sondern noch allerhand weitere Probleme (gesundheitlich, sozial etc.).

Vgl. auch Klassismus in Deutschland: Kampf gegen Arme statt Armut

 

Wenn der Erfolg vom Elternhaus abhängt

Um in Deutschland überhaupt Chancen zu bekommen, um die eigene sozioökonomische Lage zu verbessern, braucht es bestimmte Mittel (Geld, soziales Netzwerk, Bildung). Doch in einkommensarmen Familien bleibt nichts übrig, um genug Rücklagen für schwere Zeiten aufzubauen oder in die Bildung der Kinder zu investieren.

Vgl. Teufelskreis der Armut – Die Armutsspirale in Deutschland

Tatsächlich bemühen sich die meisten betroffenen Jugendlichen direkt nach der Schule um eine Lehrstelle und anschließend wird der erste verfügbare Job genommen. Natürlich aus Gründen der Not oder fehlender Perspektiven.

Oft sind auch die Noten nicht ausreichend. Nicht weil diese Schüler ungeeignet oder faul waren, sondern weil ihnen grundlegende Unterstützungen und Förderungen fehlen, die für Kinder aus mittleren sozialen Schichten völlig selbstverständlich sind.

Bei der beruflichen Orientierung von Menschen aus armutsbetroffenen Familien sind Faktoren wie Sicherheit, mangelndes Selbstbewusstsein, praktische Einschränkungen und finanzielle Not beteiligt. Daher neigen Betroffene auch dazu, sich auf das Naheliegendste zu beschränken.

 

Klassismus im Bildungssystem

Die Aussortierung startet früh. An entscheidenden Wendepunkten wie bereits bei dem Übergang von der Grundschule zu weiterführenden Schulen wird entschieden, wer „aufsteigen“ darf und wer nicht. Unsere Schulen spiegeln gesellschaftliche Schichten wider: Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien selbst bei identischer Leistung oft schlechter bewertet werden.

Diese Kinder tragen vielleicht nicht die „richtigen“ Namen oder Klamotten, sprechen derber, benehmen sich anders, sind trotziger oder schwieriger – so wie Menschen es oft sind, die das Gefühl haben, nie etwas geschenkt zu bekommen und denen man keine Beachtung schenkt.

Vgl. Was Armut mit Kindern macht sowie Bildungsexpansion: mehr Bildung ist nicht die Lösung

 

Die Rolle des Selbstbewusstseins

Selbstbewusstsein ist nicht angeboren. Fehlt es, dann ist das oft eine direkte Reaktion auf das Umfeld. Menschen, die im Job unsicher wirken, können in anderen Lebensbereichen, wie zu Hause, durchaus selbstsicher auftreten.

Diese Unsicherheit im beruflichen Kontext kann zum Beispiel eine Folge ständiger negativer Rückmeldungen seit der Kindheit sein: Du bist nicht gut genug, du bist nicht schlau genug etc. Hinzu kommt das Gefühl, nicht dazuzugehören oder die richtigen Spielregeln nicht zu verstehen.

Sehr viele Erwachsene, die in Armut aufgewachsen sind, leiden unter einem niedrigen Selbstwertgefühl, weil sie das gesellschaftliche Vorurteil, dass Armut selbstverschuldet sei, verinnerlicht haben. Diese Scham ist tiefgreifend und hindert daran, sich gut zu präsentieren, souverän zu agieren, besonnen zu reagieren u.v.m.

Mangelndes Selbstwertgefühl ist allerdings eine normale Reaktion auf eine gesellschaftliche Realität, die Menschen unbewusst aufgrund ihrer sozialen Herkunft abwertet. So unsichtbar diese komplexen Macht-Mechanismen der Abwertung auch sind, Betroffene bekommen sie bitter zu spüren.

 

Das Trugbild der Meritokratie

In den vergangenen Jahrzehnten haben Boulevardmedien so gut wie alles getan, um das Bild vom unmündigen, faulen Armen in der Gesellschaft zu verfestigen. Zu der finanziellen Not kommen also noch öffentlicher Spott und Verachtung – nur werden die Menschen nicht mehr an den Pranger auf den Marktplatz gestellt, sondern in einschlägigen TV-Programmen öffentlich vorgeführt. 

Dennoch hat es in Deutschland lange gedauert, bis sich die Wissenschaft mit dem Thema Klassismus auseinandergesetzt hat. Denn oft wird das Problem der Diskriminierung gerade von denjenigen, die diskriminieren, gar nicht wahrgenommen. 

Das betrifft natürlich auch alle Dimensionen unseres Gesellschaftssystems. Viele weiße Menschen bemerken überhaupt nicht, wie automatisch sie andere aufgrund ihrer Hautfarbe herabwürdigen. Männer übersehen häufig, wie selbstverständlich sie Frauen nicht ernst nehmen.

Und ähnlich verhält es sich mit dem Blick wohlhabender Menschen auf ärmere Schichten, geprägt von dem Glauben, Erfolg sei eine Frage von Hochbegabung und Leistung. Vgl. Sozialer Aufstieg durch Bildung – Die Opfer des Erfolgs

 

Wenn Beziehungen mit Talent verwechselt werden

Die Mitglieder der sogenannten „Mittel- und Oberschichten“ sind sich oft nicht bewusst, dass sie bereits mit Privilegien zur Welt kommen, die anderen Kindern verwehrt bleiben. Dazu gehört natürlich weit mehr als nur das Geld und Eigentum der Eltern. 

Es beginnt mit so grundlegenden Dingen wie einem eigenen Zimmer und dem Kleidungsstil, setzt sich fort über die zahlreichen Kurse oder Freizeitaktivitäten, mit denen Kinder auf den gesellschaftlichen Wettbewerb vorbereitet werden oder durch die sie ihr Potenzial entfalten lernen. Es geht weiter mit Reisen und dem scheinbar selbstverständlichen Netzwerk, das diese Kinder ein Leben lang begleitet – ein Bezugssystem aus Ärztinnen, Lehrern, Juristinnen, Politikern etc., welches Türen öffnet und Wege ebnet.

Das Resultat dieser Ungleichheit ist gravierend. Wer von vornherein keine Gelegenheit erhält, sich emporzuarbeiten, wird selten genug verdienen, um finanzielle Sicherheit zu erlangen oder Vermögen aufzubauen.

Lies auch hier: Randseiter (marginal man) – Ambivalenz des Bildungsaufstiegs

Menschen aus ärmeren Schichten bleiben Positionen wie Professur, Management, Journalismus oder andere höhere Berufe in Deutschland verwehrt – Jobs, für die oft der richtige „Stallgeruch“ und das richtige Beziehungsnetzwerk entscheidend sind. Und so werden Menschen aus den unteren sozioökonomischen Klassen systematisch übersehen, nicht anerkannt und klein gehalten. 

 

Klassismus entsteht im Kopf, so wie alle Vorurteile

In welche gesellschaftliche Schicht Menschen hineingeboren werden, prägt ihr Leben. Die unsichtbaren Barrieren, die in unserem Land die verschiedenen Milieus trennen, sind starr. So bleibt die politische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Elite des Landes eine geschlossene Gesellschaft, die ihre Privilegien durch selektive Netzwerke und Beziehungen aufrechterhält.

Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft beeinflusst aber nicht nur die Bildungschancen und Karrierewege, sondern darüber hinaus auch Gesundheit, Rechtslage, Wohnraum, soziale Beziehungen – eigentlich die gesamte Lebensqualität eines Menschen.

Vgl. Armut & Depression: Die gesundheitliche Ungleichheit – Depression: Gesellschaftliche Ursachen & Determinanten

 

Fazit: Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft

Klassismus ist nicht einfach ein Phänomen unter vielen, sondern eine der fundamentalsten Diskriminierungsformen unserer Gesellschaft. Er ist fest in Strukturen, Regeln und Gesetzen verankert, die sich weitreichend auf einen erheblichen Teil der Menschen in Deutschland auswirken.

Es wird Zeit, dass wir ein Bewusstsein dafür erlangen, dass Klassismus immer noch existiert. Er ist menschengemacht und darum auch veränderbar.

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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