Von der Vergänglichkeit – wie die Angst vor dem Tod uns erlösen kann
Möglicherweise ging es Ihnen wie einigen der anderen Leser:innen und die letzten drei Texte erschienen Ihnen ernst und teilweise schwer verdaulich..?
Alle drei Geschichten – Herr Liepnitz, Herr Jezioro und Frau Gorin – eint, dass sie von der Vergänglichkeit des Seins handeln. Entweder offensichtlich oder verborgen im Subtext.
Eine der Kernfragen der Geschichten lautet:
„Womit wollen wir unser Leben füllen? Wie wollen wir es gestalten?“
Gespräche über den Tod fallen uns kulturell bedingt schwer. Wo in unserer Gesellschaft werden noch Tod und Trauer kultiviert [1]?
[1] Andere Kulturen, andere Sitten: In Japan gibt es den Butsudan, einen Ahnenschrein, in Mexico wird der Día de los muertos gefeiert.
Es ist eher so, dass diese Dinge hinter verschlossenen Türen gelebt und erlebt werden, während im Gegenzug dazu die wahrgenommene „wahre Welt“ voll Sonnenschein und sogenanntem Perfektionismus ist – für anderes bleibt wenig Raum.
Die Art, wie wir sozio-kulturell mit dem Thema Vergänglichkeit umgehen, schadet uns meiner Meinung nach. Denn dadurch schneiden wir uns von einem wichtigen Aspekt des Lebens ab.
Je mehr der Tod mystifiziert wird, je mehr er Anklang des personifizierten Bösen bekommt, und als ein Abgrund dargestellt wird, der uns alle mitreißt, desto größer wird die Kluft der Angst.
Es fällt uns schwer, dem Leben und seiner Endlichkeit ins Antlitz zu sehen: Wir alle sind nur ein kurzer Funke auf dieser Erde. Ein flüchtiger Augenblick an Leben. Mit der Geburt ist der Tod unausweichlich.
Wer sich weder mit dem Beginn noch mit dem Ende beschäftigt, läuft Gefahr, das Leben im Hier und Jetzt zu verpassen.
Diese klare Abspaltung der Vergänglichkeit von unserem alltäglichen Leben äußert sich teilweise im Kleinen: Ab und an erwische ich mich bei dem Gedanken: „Zum Glück ist diese Woche vorbei…!“. Hinterher überkommt mich meist eine große Scham:
Es ist eine Woche, die ich als „Überstehens-würdig“ betrachte und nicht als lebenswürdig. Eine Woche meines Lebens, die ich „nur überstanden habe“. Ist das nicht eine fürchterliche Vorstellung?
Meist, wenn ich dann in mich gehe und reflektiere, erscheint die Woche gar nicht mehr so schlimm wie meine Gedanken sie mir malen.
Ich revidiere dann: „Es war eine stressige, anstrengende, nervige (oder vielleicht traurige) Woche. Aber sie hatte auch wunderschöne und einmalige Augenblicke“ und übe mich in Dankbarkeit für diese schönen Momente. Ich möchte keine Woche meines Lebens verschenken oder vergeuden. Denn ich weiß nicht, wie viel Zeit mir vergönnt ist.
…wie viel Zeit bleibt mir..?
Diese Frage kann aus heiterem Himmel lebensbedeutsam sein. Eine schwere Diagnose, ein Unfall, ein Schicksalsschlag. Und plötzlich wird man aus dem Leben gerissen, die Welt verschwindet hinter schrecklich-stummen Schleiern, und man ist vollkommen allein mit dieser Frage: Wie viel Zeit bleibt mir (noch)?
Irvin D. Yalom, einer Amerikas bekanntester Psychotherapeuten, schreibt in seinem Buch „Die Liebe und ihr Henker“:
„Die Idee des Todes kann uns retten, auch wenn die Tatsache des Todes uns physisch zerstört.“
IRVIN D. YALOM
Mit anderen Worten, das Bewusstsein des Todes kann uns helfen, eine neue Lebensperspektive zu entwickeln und neue Prioritäten zu setzen. Die dahinterstehende Philosophie besagt, dass ein reiches und erfüllendes Leben die Angst vor dem Vergehen, dem Tod und dem damit verbundenem Nichts nimmt.
Ich möchte fragen:
Wieso warten, bis das Leben ein Ultimatum stellt?
Brauchen wir wirklich einen Auslöser, eine schwere Diagnose, einen Schicksalsschlag, um unser Leben so zu leben, wie es für uns richtig ist?
Wagen Sie den Versuch: Nehmen Sie ein Blatt Papier und zeichnen Sie eine Linie. Das eine Ende symbolisiert Ihre Geburt und das andere Ende Ihren Tod. Wo auf dieser Linie befinden Sie sich gerade?
Möglicherweise schockiert Sie die Einfachheit der Übung [2] und möglicherweise schockiert Sie die Aussage, die darin liegt: Alles ist vergänglich.
[2] Aus dem Film „Anleitung um Glücklichsein“. Von, mit und über Irvin D. Yalom.
Die Angst vor der Vergänglichkeit birgt die Chance des Lichtes und eines Neubeginns. Wenn wir jedoch den Blick verschließen und das Thema Tod umgehen, geht uns diese Chance verloren.
Ob wir die Angst vor der Vergänglichkeit jemals werden ablegen können?
Ob wir uns jemals von der Angst vor dem Nichts lossagen können?
Vermutlich nicht.
Diese Angst ist so existenziell, dass es schwer ist, sie vollkommen abzulegen. Manche – wenige – schaffen es. Die meisten jedoch nicht. Und daran finde ich nichts Schlimmes!
Mehr noch: Die Angst vor dem Tod, dem Dahinscheiden, dem Leid und dem Ende betont unser Glück im gegenwärtigen Leben. Sie betont unser Glück, die Gesundheit und die Freude am Leben, dem puren Am-Leben-Sein.
Welche Gefühle beschäftigen uns, wenn wir auf unser bisheriges Leben zurückblicken?
Wie fühlt sich dieses zurückliegende Leben für uns an?
Ist dort Reue oder Stolz? Glück oder Elend? Zufriedenheit oder Isolation?
Vermutlich ist es eine Mischung aus vielen Emotionen.
Nun möchte ich fragen: Was wollen wir fühlen, wenn wir zurückblicken?
So individuell die erste Frage beantwortet wird, die meisten wollen am Ende ihres Lebens zufrieden auf ihr bisheriges Leben zurückblicken.
Zufriedenheit.
Frieden finden, mit dem was war und dem was ist.
Wenn Zufriedenheit das ist, was sich die meisten Menschen wünschen, wieso ist es dann so schwer, sie zu finden? Und warum hindert uns die Angst vor dem Tod davor, unsere Zufriedenheit zu erreichen?
Die Antwort lautet: Weil der Tod so weit weg erscheint. Er ist nicht nahbar, fassbar, greifbar. Und wir erliegen der Versuchung, den Schatten in der Ecke zu ignorieren – bis zu dem Moment, wo wir die Augen nicht mehr verschließen können.
Schauen wir hin. Schauen wir der Vergänglichkeit ins Gesicht. Und selbst wenn wir die Angst vor dem Tod nur schwerlich überwinden können, so blinzeln wir zumindest zwischen den Wimpern hervor;
Denn dann bietet sich die Möglichkeit in der vermeintlich hässlichen Fratze, dem Totengesicht, eine Chance zu erkennen. Die Chance, etwas zu verändern, Zufriedenheit zu erreichen und am Ende des Lebens nichts zu bereuen.
Diese Chance bietet sich jeden Tag aufs Neue, jedes Jahr aufs Neue.
Irvin Yalom fragt:
„Wenn wir uns in einem Jahr wiedersehen würden, wie müssten Sie in der Zeit leben, um hinterher nichts zu bereuen?“ [2]
[2] Aus dem Film „Anleitung um Glücklichsein“. Von, mit und über Irvin D. Yalom.