Haut und Knochen – von Dr. med. Maren Buhl
Berlin: Neuaufnahme. Unbekannte Patientin. Julia ist 15 Jahre alt. Julia besteht aus Haut und Kochen. Julia braucht Hilfe – und wünscht sie sich von mir.
Sie sitzt mir gegenüber und wirkt wie ein kleines Vögelchen.
Viel zu große, schwarzen Klamotten verhüllen sie. Strumpfhose, Leggins und Jeans verstecken ihre knotigen Knie, der strähnige Pony bedeckt ihre Augen.
Den Pullover hat sie über die Hände gezogen, stopft die Enden in ihre Fäuste und knetet darauf herum.
Als sie das Sprechzimmer betrat, hatte ich instinktiv die grausamen Bilder aus den Konzentrationslagern im Kopf: Menschen auf schwarz-weiß Fotografien mit kahl geschorenen Köpfen, tiefliegenden Augen und trockenen Lippen.
Lebende Skelette, ohne jedes Funkeln in den Augen, missbraucht und misshandelt – lebende Ressourcen, ausgenommen wie Weihnachtsgänse.
Mir fällt es schwer, die aufkommende Betroffenheit hinunterzuschlucken, mir bleibt alles im Halse stecken und nur mit Zwang gelingt es mir, tief einzuatmen und mich in das Sprechzimmer zurückzuholen.
Julia kommt auf Empfehlung. Ich hätte einer Freundin von ihr geholfen. So sehr mir das Lob schmeichelt, so unsicher bin ich mir, ob ich ihr wirklich helfen kann.
Es geht um das Offensichtliche – ihre Anorexie – und das nicht Sichtbare: Julias Bedürfnisse.
Kaum dass sie sitzt, sprudeln die Worte aus ihr heraus. Ohne Punkt und Komma spricht sie los.
Diese differenzierte Offenheit verwundert mich. Woran mag ihr Mitteilungsbedürfnis liegen? Sind es Vorschusslorbeeren oder überhöhte Erwartungen an mich? Idealisierung oder schiere Not?
„Ich habe schon alles durch, Frau Doktor!“ Ihr Tonfall ist aufgebracht, echauffiert, die Sätze kommen stakkatoartig aus ihrem Mund.
“Ich war in 3 Kliniken, bin drei Mal auf 45 kg gefüttert worden, einmal wurde ich gestopft wie eine Weihnachtsgans, und das droht mir wieder. Sie brauchen mir gar nicht erst die Vorteile von Psychotherapie aufzählen und auch keine Medikamente verschreiben… Glauben Sie mir: Ich habe es alles durch. Alles. Und schauen Sie mich an: Sieht das hier nach Heilung aus??!“
Mit ihren Fingern deutet sie von Kopf bis Fuß und zurück. Ein überaus eindrückliches Fingerwedeln, das ihre Botschaft untermalt.
Meine Unfähigkeit spontan zu antworten, feuert sie zusätzlich an. Was soll man da auch sagen..?
„Mir ist klar, dass Sie Hausärztin sind und keine Klinik.“, schiebt sie etwas weniger erbost nach.
„Was kann ich dann für Sie tun?“, frage ich nach.
Die Situation fühlt sich verquer an, irgendwie unnatürlich.
Hinter ihren Worten erahne ich eine unfassbare mentale Stärke, die im krassen Widerspruch zu ihrer körperlichen Verfassung steht. Wie kann ein so starker Geist in so einem zerbrechlichen Körper wohnen..?
Diese junge Frau erscheint mir wie ein Oxymoron.
Gleichzeitig ist es ebendiese Spannung, die sie faszinierend macht. Der Kontrast zwischen den Augenringen und der lebhaften Mimik. Ihre Körperspannung und Ausstrahlung trotz der Physis.
Julia ist einnehmend, Raum fordernd, fast schon hypnotisierend. Und gleichzeitig bedürftig, Hilfe suchend, Mitgefühl erregend.
Meine Gedanken und mein Instinkt können sie kaum fassen, in meinem Kopf gehen Schubladen auf und wieder zu – nichts passt. Keines meiner vorgefertigten Behandlungsschemata fühlt sich richtig an.
Sofort springt mich ein Gedanke an: Persönlichkeitsstörung?
Die Frage verhallt, als ich den Gedanken beiseite schiebe und mich wieder voll auf meine Patientin konzentriere.
Julia blickt mich aus knallgrünen Augen an, bevor sie weiterspricht. „Ich möchte, dass Sie mir zuhören und mir sagen, was sie denken.“
Automatisch kommen in mir Selbstzweifel auf. Was soll das bringen? Wie soll ich ihr damit helfen können, wenn doch schon so viele kompetente andere Menschen mir (und an) ihr gearbeitet haben..?
Nach einem kurzen Atemzug lehne ich mich zurück und bitte meine Patientin, mir zu erzählen, was sie mir erzählen möchte.
„Was glauben Sie, warum ich krank bin?“
ZACK! Kaltes Eisen auf der Haut. Die Pistole auf der Brust.
Bevor ich jedoch eine kompetente Antwort zurechtlegen kann, verstehe ich, dass diese Frage rhetorisch gemeint ist. Julia spricht in schnellem Ton weiter.
„Wissen Sie, dass jeder Therapeut ungefragt eine Theorie entwickelt? Dazu, warum ich krank bin und was ich dagegen machen soll? Wissen Sie, dass man in dem Moment, wo man krank ist, permanent ungefragte Ratschläge erhält? Es gibt keine Normalität mehr – in keinem einzigen Aspekt meines Lebens. Entweder werde ich wie ein kleines Kind behandelt oder wie ein rohes Ei. Die einzige Ausnahme sind meine Eltern, die immer noch nicht verstanden haben, dass es mir nicht gut geht.“
Erneut ein Widerspruch: Wie möchte Julia wahrgenommen werden, als krank oder als gesund?
Julia spricht weiter. „Wissen Sie, was meine Mutter macht, wenn ich ihr sage, ich hätte zugenommen? Sie würdigt mich keines Blickes. Und wissen Sie, was passiert, wenn ich ihr sage, ich hätte abgenommen? Richtig: Sie würdigt mich keines Blickes. Sie. Schaut. Mich. Nicht. An.“ Jedes einzelne Wort spuckt sie aus.
„Und mein Vater zuckt nur mit den Schultern. Die einzige väterliche Kompetenz die er hat: Das Schulterzucken. Es gibt gelangweiltes Schulterzucken, energisches Schulterzucken und irritiertes Schulterzucken. Es ist die einzige Reaktion, die ich je erhalte. “Papa, ich muss wieder ins Krankenhaus“? Schulterzucken.“
Woher bekommt dieser zarte Körper seine Energie, seine Lebendigkeit? Der Ausdruck ihrer Gestik ist intensiv, als die Ärmel des Pullovers über ihre knochigen Handgelenke rutschen.
Ich sitze bewegungslos und fasziniert vor ihr, kaum einer meiner Gedanken passt zum nächsten. Die Eindrücke und Interpretationen überschlagen sich wie eine Lawine, die über mich hinwegrollt.
„Eltern haben doch eigentlich nur eine beknackte Aufgabe, oder? Sie wollen ihre Kinder lieben. Punkt. Mehr erwartet man von Eltern doch eigentlich nicht. Sie müssen weder gut aussehen, noch viel Geld verdienen. Das Familienauto muss nicht groß oder schnell sein. Und es ist auch verf!ckt noch mal vollkommen egal, was die Nachbarn denken. Eltern sollen ihre Kinder lieben. Mehr nicht.“ Es entsteht eine spannungsgeladene Pause in ihrem Monolog.
Langsam beginnen sich meine Gedanken zu ordnen. Die Eindrücke schweben im trüben Wasser langsam zu Boden und machen den Blick frei.
Schaut mich an!, schreit dieser Körper.
Schaut mich an!, schreit ihr Geist.
Schaut mich an!, schreit die Seele.
Seht doch endlich hin…, flüstert das Herz.
Julia seufzt.
Ihr Körper fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus, bröckelt in Einzelteilen zu Boden.
Schlagartig wird mir klar, warum ich zuhören sollte, warum sie zu mir kam.
„Warum können meine Eltern das nicht? Warum können meine Eltern das EINE nicht, was man von Eltern braucht..??“, haucht Julia mir entgegen, halb an mich und halb an sich selbst adressiert.
Julia heißt mit Nachnamen Grimnitz.
Und ich hatte bisher noch nie von ihr gehört.