73 % der Kinder & Jugendlichen psychisch belastet (in Deutschland)

Heute ist es wahrscheinlicher, dass ein Kind psychisch belastet ist, als dass es ihm gut geht. Die Gründe liegen nicht ausschließlich in der Corona-Pandemie, denn Kinder & Jugendliche sind seit langem Überlastung und Stress ausgesetzt. Doch was die Pandemie ins Bewusstsein gerufen hat, ist das Wissen, wie schutzbedürftig Kinder sind, dass ihre Bedürfnisse lange Zeit ignoriert wurden und wir mit psychischen Krankheiten nicht den selben Fehler machen dürfen.

Dieser Artikel erschien im Rahmen meiner Arbeit bei der Kinder- und Jugendhilfsorganisation Deutsche Lebensbrücke.

Kinder sind stark belastet

An Kindern und Jugendlichen gingen die Krisen der letzten Jahre nicht spurlos vorbei

 

Die Corona-Pandemie war eine emotionale Herausforderung

Während der Pandemie wurden zahlreiche Studien durchgeführt, die zeigten, wie sehr Kinder und Jugendliche in jener Zeit belastet waren und mit psychischen Auffälligkeiten zu kämpfen hatten. Mittlerweile geht die Krise langsam zu Ende, doch trotzdem hat sich die Zahl der psychischen Probleme bei Kindern kaum verringert.

"73 Prozent der jungen Menschen sind auch durch die Einschränkungen während der Pandemie bis heute enorm gestresst", erklärte die Bundesministerien für Familie und Gesundheit, Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen).

Wie so oft trifft es Kinder aus ärmeren Familien besonders hart: Kinder von Alleinerziehenden, aus Familien mit Migrationshintergrund, diejenigen, die in beengten Wohnverhältnissen leben oder psychisch belastete Eltern haben.
— ZDF heute (4)

Eigentlich keine Überraschung, wenn wir einen Rückblick auf die vergangenen Jahre werfen. Im Frühling 2019 breitete sich das Corona-Virus rasend schnell auf der ganzen Welt aus. Schulen und Bildungsinstitute wurden geschlossen und sogar Spielplätze abgesperrt. Der Unterricht war oft nur noch über Distanzunterricht möglich.

Nicht nur Erwachsene, auch die Kinder und Jugendlichen in Deutschland hatten mit massiven Beeinträchtigungen, Veränderungen und Problemen zu kämpfen.

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Deutsche Jugend in der Dauerkrise

Kinder und Jugendliche in Deutschland sind aber nicht erst seit der Corona-Pandemie mit kritischen Problemen konfrontiert.

  • In der Jugendforschung gelten Kinder in Deutschland längst als eine soziale Gruppe, die sich permanent im Krisenmodus befindet:

  • 2019 machten sich viele Jugendliche noch über die Klimakrise große Sorgen

  • 2020 trat dann die Covid-19-Pandemie auf den Plan und verängstigte die Jugend

  • 2022 zog die Ukraine-Krise alle Aufmerksamkeit auf sich

  • Seit Kurzem scheint es die Energiekrise zu sein, die der Jugend größte Sorgen bereitet

 

Diese kleine Auflistung zeigt: Kinder und Jugendliche sind nie außen vor, sondern sind bei politischen, gesellschaftlichen und globalen Veränderungen mitten drin im Geschehen.

 

Lernrückstände sind ein riesiges Problem

Die Schulschließungen während der Pandemie haben nachweislich zu enormen Lernrückständen bei vielen Schülern und Schülerinnen geführt. So zeigt das Schulbarometer 2023 der Robert Bosch Stiftung:

35 % der Schüler in ganz Deutschland sind von erheblichen Lernrückständen betroffen.

Noch schlimmer ist das Bild an Schulen, die viele Kinder aus einkommensschwachen Familien unterrichten:

hier sind satte 65 % durch Lernrückstände gefährdet, das notwendige Bildungsniveau zu erreichen.

 

Der Großteil der Schulleitungen gibt außerdem an, keinerlei Möglichkeiten der Unterstützung vermitteln zu können, um Schülern mit Lernrückständen zu helfen.

Offenbar reichten die 2 Milliarden der Bundesregierung für 2021 und 2022 bei Weitem nicht aus, um die Situation an den Schulen zu verbessern.

 

Schulischer Druck ohne Pause

Inzwischen ist in den Schulen Normalität eingekehrt. Das heißt, der Unterricht geht weiter, Prüfungen müssen geschrieben werde, Noten vergeben.

Angesichts der großen Lernrückstände spüren allerdings viele Jugendliche und Kinder einen starken Leistungsdruck, der sich zunehmend negativ auf ihre Befindlichkeit auswirkt und die Psyche belastet.

Hinzu kommt der Mangel an Personal (Lehrer, Pädagogen, Kinderpfleger), der die genannten Probleme noch weiter verschärft.

Und das vor allem bei Kindern, die ohnehin bereits armutsgefährdet sind bzw. bereits als arm gelten.

 

Seelische Erkrankungen nehmen zu

Gemäß dem Kinder- und Jugendreport der DAK aus dem Jahr 2021 zeichnet sich ein düsteres Bild:

  • Essstörungen haben um 54 % zugenommen, insbesondere bei Mädchen.

  • 24 % mehr Angststörungen wurden diagnostiziert.

  • Bei Jungen wurden 15 % mehr Fälle von Adipositas festgestellt.

  • 45 % der Befragten berichteten von Stress, 35 % von Antriebslosigkeit und 32 % von Erschöpfung.


 

Armut ist ein ausschlaggebender Faktor, der immer wieder klein geredet wird

Psychische Erkrankungen werden uns in Deutschland noch längere Zeit beschäftigen, keine Frage. Doch wichtig ist es jetzt, endlich die sozioökonomischen Faktoren in den Blick zu nehmen, die ein wesentlicher Faktor für die Entstehung psychischer Krankheiten sind.

Laut Armutsforschung stellt Armut tatsächlich die häufigste & weitreichenste Ursache dar, wenn es um die Entstehung von psychischen Störungen geht.

In Deutschland wächst ca. jedes 5. Kind in relativer Armut auf (eigentlich jedes 4. Kind) – konkret sind das 2,8 Millionen Kinder hierzulande.

Trotzdem sperrt sich die FDP gegen die Freigabe einer Kindergrundsicherung.

Vgl. Gesundheitliche Ungleichheit – Armut & Depression

 

Was Armut mit Kindern macht » Wie ein Kind sich selbst sieht, ist erheblich von seinem sozialen Status abhängig. Was Armut dabei mit Kindern macht, zeigt sich früh in einem negativen und unterschätzten Selbstbild. Das schränkt notwendig Chancen und Möglichkeiten von betroffenen Kindern immens ein, überhaupt akademische oder berufliche Erfolge zu erreichen.


 

Bedarf an Kinder- und Jugend-Therapeuten wird nicht untersucht

Zwar gilt Deutschland international in der psychotherapeutischen Versorgung als vorbildlich, trotzdem sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sehr sehr lange. Das betrifft bereits Erwachsene, die dringend professionelle medizinische Hilfe bräuchten.

Doch noch schlimmer und unübersichtlicher ist die Situation der betroffenen Kinder: Aktuell gibt es keine Untersuchung, die den flächendeckenden Bedarf der psychotherapeutischen Versorgung für Kinder und Jugendliche ermittelt und aktuellen Gegebenheiten anpasst.

Gezielte Maßnahmen können so gar nicht erst entwickelt werden. Darüber hinaus erhalten gerade die Kinder, die am schwersten und weitreichendsten von psychischen Problemen betroffen sind, keine psychotherapeutische Behandlung.

 

Fazit: Jugend in der Dauerkrise

Umso dringender wäre eine angemessene Bedarfserfassung und Verbesserung therapeutischer Ressourcen. Wie wichtig dieser Aspekt ist, macht der Abschlussbericht des Gesundheitsministeriums deutlich:

Sonderzulassungen für psychotherapeutische Fachkräfte werden gefordert, um Kinder und Jugendliche behandeln zu können und den enorm gestiegenen Bedarf zu decken. Wie so oft, wird diese Hilfe allerdings für viele Kinder zu spät kommen…

Einen ersten Schritt zu mehr Wissenskompetenz stellt das Internetportal "Ich bin alles" dar, ein Projekt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die dortigen Informationen über Depressionen und psychische Gesundheit sind für Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern konzipiert. Schon vor Corona geplant, ging die Seite im Herbst 2021 online und hilft, Versorgungs-Lücken bei Pandemie-geschädigten Jugendlichen zu füllen.

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Quellen:

1) Robert Bosch Stiftung: Schulbarometer
2) DAK: Kinder- und Jugendreport 2022
3) Bent Freiwald: So schlecht kümmert sich der Staat um die Psyche von Kindern
4) ZDFheute: Bericht zu Folgen der Pandemie 2023

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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