Neues Schulfach „Depression“? – Unterricht löst keine sozialen Probleme

Jedes Jahr werden Forderungen nach neuen Schulfächern laut. Diesmal initiierte der Jugendbeirat der Deutschen Depressionshilfe eine Petition, um das Thema „Depression“ in den Lehrplan aufzunehmen. Doch wie sinnvoll ist dieses neue Schulfach wirklich?

Depressionen als neues Schulfach

Hintergrund: viele Jugendliche erkranken an Depressionen

Die Idee für das neue Schulfach stammt nicht von ungefähr. In Deutschland sind etwa 6 % der Jugendlichen von Depressionen betroffen, was diese Erkrankung zu einer der häufigsten psychischen Störungen in dieser Altersgruppe macht.

Der Jugendbeirat plädiert daher dafür, das Thema in die Lehrpläne weiterführender Schulen aufzunehmen (2).

Stiftungsvorsitzender Ulrich Hegerl sagt: „Fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit Depression in Berührung kommen – sei es durch eine eigene Erkrankung oder als Angehöriger im Familien- oder Freundeskreis.

Wegen dieser Häufigkeit und Schwere der Erkrankung gehört das Thema Depression in die Lehrpläne von Schulen, ähnlich wie Suchterkrankungen.“ (2)

Jugendliche sollen lernen, wie sie Depressionen erkennen und rechtzeitig Unterstützung finden können, sowohl für sich selbst als auch für andere. Gleichzeitig sollten Lehrkräfte, Lehramtsstudierende und Schulsozialarbeiter im Bereich Mental Health und Depressionen geschult werden.

Ziel ist es, das gesellschaftliche Bewusstsein für psychische Gesundheit zu fördern und Depressionen zu entstigmatisieren, damit betroffene Jugendliche vorurteilsfrei Unterstützung erhalten. (1) Diese Idee der Stiftung ist übrigens nicht neu, bereits 2021 wurden entsprechende Postulate in den Zeitungen abgedruckt.

 

Brauchen wir neue Schulfächer?

Alle Jahre wieder: Diskussionen über neue Schulfächer erscheinen jedes Jahr in Medien und Zeitungen. Die Vorschläge reichen von Demokratieförderung über mentale Gesundheit, Medien und Alltagskompetenzen bis hin zu Ernährungsbildung, Steuern und Informatik. Wir sehen, an Ideen fehlt es nicht. Doch welche Fächer tatsächlich lebenspraktische Relevanz besitzen, hängt stark von der jeweiligen Perspektive ab.

Gleichzeitig sind die Strukturen unseres Bildungssystems ziemlich verkrustet. Ist es da nicht sinnvoller, das marode System durch ein besseres zu ersetzen, anstatt immer mehr Flicken anzubringen, die kaum in der Lage sind, die vielen Löcher zu stopfen?

Vgl. auch Bildungsexpansion – Mehr Bildung ist nicht die Lösung

Das Bildungssystem hat große Probleme im Hinblick auf Qualität und fachübergreifendem Denken. Die Verantwortung auf die einzelnen Schüler:innen abzuschieben, wird diese Probleme garantiert nicht lösen.

 

Individualisierung sozialer Probleme

Die Zahl junger Menschen, die an Depressionen leiden, steigt rapide an. Doch liegt die Verbreitung dieser Erkrankung wirklich daran, dass frühere Generationen zu wenig über psychische Gesundheit in der Schule gelernt haben?

Mehr erfahren » Depression: Gesellschaftliche Ursachen

Depressionen sind aufgrund ihres gehäuften Auftretens längst ein soziales Phänomen geworden. Es ist weder fair noch klug, gesellschaftliche Probleme auf Kinder und Jugendliche abzuwälzen und ihnen die Verantwortung aufzubürden.

Die Forderung nach dem Schulfach „Depression“ ignoriert die Tatsache, dass unser gesellschaftliches und schulisches Umfeld so gestaltet sein muss, dass Kinder erst gar nicht in eine Krise geraten. Das Schulsystem selbst ist jedoch viel zu oft die Quelle von Stress und Überlastung für Schüler und Lehrkräfte.

Vgl. Psychosoziale Faktoren der Depression sowie Crowding: Lehrer unter chronischem Stress und Überforderung

 

Vereinfachung von Komplexität

Depressionen und psychische Gesundheit sind komplexe Themen. Die Forderung nach einem neuen Schulfach für diese Bereiche banalisiert diese Komplexität. Die Medizin verwendet nicht umsonst deskriptive Definitionen, schließlich ist vieles unklar und nicht ausreichend erforscht. Wie soll aus diesen unsicheren Grundlagen ein Schulfach entwickelt werden? Vgl. auch diese Studie

 

Lehrermangel

Das Schulfach „Depression“ würde spezialisierte Lehrkräfte erfordern, die sowohl fundierte psychologische Kenntnisse als auch pädagogische Fähigkeiten besitzen. Das sind anspruchsvolle Anforderungen, deren Grundlagen und Ausbildung erst einmal geschaffen werden müssten.

 

Stigmatisierung

Trotz guter Absichten stellt das Schulfach „Depression“ die Krankheit zu stark in den Vordergrund und stigmatisiert damit betroffene Schüler:innen. Insbesondere, wenn Depressionen als biologische Gehirnstörung oder persönliches Defizit vermittelt werden.

» Über Depressionen sprechen (Sprache & Wahrnehmung) + Entmenschlichte Menschenbilder: die Grenzen der Naturwissenschaft sowie Geist und Gehirn

Die Folgen wären fatal für Betroffene. V. a. bei denen, die ohnehin mit allerhand sozialen Belastungen kämpfen. Zudem gibt es längst Untersuchungen darüber, dass Aufklärung allein Stigmata nicht abbauen konnte.

» Stigmatisierung: Angst vor psychisch Kranken + Stigmatisierung in der Psychiatrie + Entstigmatisierung

 

Klassismus

Das Schulfach soll in weiterführenden Schulen angeboten werden. Sozial ist das nicht gerade: Insbesondere öffentliche Schulen sind chronisch unterfinanziert und verfügen über weit weniger Ressourcen als ihre wohlhabenden Pendants.

Vgl. Klassismus in Deutschland sowie Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft

Anstatt also für mehr Gesundheit für alle zu sorgen, werden gesundheitliche Ungleichheiten (vgl. Armut & Depression) auf Basis des sozioökonomischen Status noch weiter ausgebaut und verstärkt. Wieder würden diejenigen, die am meisten Hilfe benötigen, komplett auf der Strecke bleiben.

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

 

Pädagogisierung sozialer Ungleichheiten

Diese Phrase bezieht sich auf den Ansatz, soziale Ungleichheiten und gesellschaftliche Probleme primär durch Bildungsmaßnahmen und schulische Interventionen zu adressieren.

Indem man Bildung als Schlüssel zur Bekämpfung von Depressionen (oder Kinderarmut oder Arbeitslosigkeit) darstellt, werden systemische Ursprünge verschleiert. Gesellschaftliche Aspekte wie soziale Exklusion, strukturelle Benachteiligung, schlechte Wohnverhältnisse und unterbezahlte Arbeit im Niedriglohnsektor, die erheblich zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen beitragen, werden überhaupt nicht thematisiert.

Anstatt sozialpolitische Maßnahmen zu ergreifen, um Stressoren innerhalb des schulischen Kontextes wirksam zu verringern, wird die Verantwortung auf pädagogische Fachkräfte und Kinder abgeschoben.

Vgl. Was Armut mit Kindern macht sowie Sozialer Aufstieg durch Bildung

 

Fazit: Warum ein neues Schulfach nichts bringt

Die Forderung des Schulfachs „Depression“ ignoriert die Notwendigkeit umfassender Umstrukturierungen. Nicht nur das, auch werden durch solche Aktionen Geld und Engagement verpulvert, die an anderer Stelle viel dringender gebraucht werden: zum Beispiel im Ausbau der Versorgung. Soziale Ungleichheiten werden nicht allein durch Bildung behoben – es braucht systemische Veränderungen, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Nachhaltige Veränderung braucht den Blick über den Tellerrand, ein Out-of-the-Box-Denken; keine Neuerungen innerhalb bestehender Strukturen, sondern Veränderungen der Strukturen an sich.


Quellen:

1) kna/aerzteblatt.de: Schulen sollen mehr zum Thema Depression aufklären (veröffentlicht am 24.06.2024)
2) Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Jugendbeirat – Team „Stark gegen Depression“

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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