Sich hineinversetzen. Von Empathie, Spiegelneuronen und der Goldenen Regel

Wer erinnert sich nicht? An das legendäre ZDF-Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker nach dem WM-Achtelfinale Deutschland gegen Algerien (2:1 n.V.) am 30. Juni 2014, also vor zehn Jahren. Der Reporter Büchler nimmt den sichtlich erschöpften Spieler Mertesacker hart ran, sucht trotz des Sieges nach Kritikpunkten. Mertesacker reagiert gereizt, Büchler lässt nicht locker.

Das Ganze schaukelt sich hoch, die Kontrahenten überbieten sich in Sachen Sticheleien und Pampigkeit, lassen Fingerspitzengefühl und Professionalität vermissen. Gerade deswegen ist dieser Schlagabtausch so legendär: Boris Büchler und Per Mertesacker sind offen und ehrlich. Ein Interview ohne Filter.

Danach versuchen Moderator Oliver Welke und Experte Oliver Kahn die Wogen zu glätten, ergreifen jedoch für die jeweils eigene Seite Partei. Kahn verteidigt Mertesacker mit den Worten „Man muss sich aber auch mal ein bisschen in den Spieler reindenken“.

Welke kontert: „Man muss sich auch mal in den Reporter reindenken“. Unentschieden. Und doch gibt es einen Sieger dieses Schlagabtauschs: die Empathie, das Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, sich in Andere hineinzuversetzen. Doch was ist das eigentlich: Mitgefühl?

 

Die Biologie des Einfühlungsvermögens

Zunächst ist es die Fähigkeit, den Anderen mit seinen Bedürfnissen wahrzunehmen. Hierzu erkannte die Hirnforschung, dass es eine neuronale Anlage von Einfühlungsvermögen gibt. Die Entdeckung der Spiegelneuronen durch den Italiener Giacomo Rizzolatti und sein Team,* die insbesondere Joachim Bauer im deutschen Sprachraum popularisiert hat, geben Aufschluss über die neurobiologischen Korrelate eines grundlegenden moralischen Phänomens.

Kernkonzepte sind dabei die „Ähnlichkeit“ und die „Absicht“: Wir reagieren auf das, was uns bekannt vorkommt und von dem wir ahnen, wie es sich entwickeln wird, qua natura empathisch, das heißt, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, feuern die Spiegelneuronen automatisch. Damit wird, so könnte man etwas lax sagen, unkontrolliert Empathie freigesetzt. Die Bildung von Spiegelneuronen erfolgt, auch das ist ein Befund der Empathieforschung, in den ersten drei Lebensjahren im Rahmen der Mutter-Kind-Beziehung, die damit grundlegend für die Ausbildung moralischen Verhaltens ist.

Das heißt: Gibt es in dieser Beziehung Probleme, so gibt es später Probleme mit der Empathie, denn es fehlt schlicht die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Dass diese Erkenntnis von Rizzolatti nicht viel breiter rezipiert wird, mag auch daran liegen, dass die besondere Bedeutung der Mutterrolle aktuellen Familienkonzepten querliegt.

 

Der Wille zur Perspektivenübernahme

Die Frage, die sich weiterhin stellt, wenn man denn von der Bedeutung der Spiegelneuronen für unser Verhalten überzeugt ist, lautet wie folgt: Wie kann dieser Vorgang des Sich-Hineinversetzens „gesteuert“ werden, um unsere Einfühlung sinnvoll zu kanalisieren?

Eine Antwort könnte, vor allem in komplexen Situationen, die über eine spontane Mitleid-Hilfe-Reaktion hinausgehen, in der Bereitschaft liegen, den Anderen mit seinen Bedürfnissen wahrzunehmen, sich auf ihn tiefer einzulassen.

Das Stichwort, das uns hier weiterbringt, ist die Perspektivenübernahme, ein Begriff aus der Psychologie, der allerdings auch für die Agape-Ethik Jesu maßgebend ist. Wir sollen aus dem Blickwinkel des Nächsten schauen, seine Perspektive einnehmen und so erkennen, welcher Unterstützung er bedarf. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37), unmittelbar im Anschluss an das Liebesgebot überliefert, erläutert diesen Umstand und zeigt uns damit das Wesen der Liebe: Handeln aus Mitgefühl, das am Notleidenden Maß nimmt, empathisches Handeln.

 

Agape – der Andere sagt „Stopp!“

Jesus berichtet in dem Gleichnis von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden. Er erzählt die Gegebenheit zunächst aus Sicht des Opfers und sprengt damit die „legalistische Enge der Gesetzeskasuistik“ (Schockenhoff), auf die der Gesetzeslehrer mit der Frage „Wer ist mein Nächster?“ (Lk 10,29) abzielt.

Der Gesetzeslehrer möchte eine Antwort, die als Definition, also Abgrenzung, dienen kann und so die Handlungssphäre des Einzelnen prinzipiell limitiert. Jesus macht durch den Perspektivenwechsel aber deutlich, dass sich die Agape – die als Handlungsdisposition grundsätzlich grenzenlos ist – im konkreten Fall nur an dem zu Liebenden bemessen lässt.

Erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt.

So sagt der barmherzige Samariter zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (Lk 10,35).

Das ist der Clou der Agape-Ethik Jesu, der als „supererogatorischer Ansatz“ bekannt wurde: Es gibt kein: „Genug!“ aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserem Mitgefühl prinzipiell ausgenommen ist. Und die Bereitschaft zu dieser Haltung des Einfühlens, die in der tätigen Liebe mündet, erwächst mit der Perspektivenübernahme.

 

Die Goldene Regel als empathische Norm

Die Goldene Regel muss in dieser Weise gelesen werden. Nicht: „Behandele den Anderen so, wie er Dich behandelt hat“ oder „Behandele den Anderen so, wie Du gerne vom Anderen behandelt werden möchtest“, sondern „Versetze Dich in den Anderen hinein und behandele ihn dann so, wie Du an seiner Stelle, mit seinen Eigenschaften und mit seinen Bedürfnissen wünschtest behandelt zu werden.“

Um dem Anderen gerecht zu werden, muss man zunächst einmal von sich absehen und den Anderen in seiner Andersartigkeit in den Blick nehmen. Man muss sich als Reporter also mal in einen Spieler hineinversetzen, nach so einem Spiel. Und man muss sich mal in den Reporter hineinversetzen, als Spieler.


Anmerkung:

* Giacomo Rizzolatti: / Corrado Sinigaglia: So Quel che fai. Il cervello che agisce e i neuroni specchi. Milano 2006 (deutsch: Empathie und Spiegelneurone. Die biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt a.M. 2008).

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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