Was ist Armut? (Philosophie) – Und warum ist sie ein Problem?
Armut ist nicht nur ein Defizit an materiellen Ressourcen, sondern auch ein Mangel an existenziellen Möglichkeiten, darunter Selbstbestimmung, soziale Teilhabe, politisches Engagement u. v. m.
Dieser Artikel erschien im Rahmen meiner Arbeit bei der Kinder- und Jugendhilfsorganisation Deutsche Lebensbrücke
Der Mangel als Lebensgefühl
Armut ist ein komplexes und facettenreiches Phänomen, für das es keine allgemein anerkannte Definition gibt. Stattdessen bleibt der Begriff Armut kontrovers diskutiert und wird in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich verstanden.
Trotz aller Unterschiede zeichnet sich im Kern ab, dass es sich um einen existenziellen Mangel handelt. Armut ist stets ein Mangel an etwas Fundamentalem und negativ bewertet. Das bedeutet auch, dass Betroffenen etwas Wichtiges fehlt, das vorhanden sein sollte bzw. ihnen als Menschenrecht zusteht.
Vgl.: Was Armut mit Kindern macht: Armut & Selbstbild
Offizielle Definition von Armut
„Der Entwicklungsausschuss der OECD (DAC) versteht unter Armut die Unfähigkeit, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen. Zu diesen Bedürfnissen gehören vor allem der Konsum und die Sicherheit von Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung, Bildung, Ausübung von Rechten, Mitsprache, Sicherheit und Würde sowie menschenwürdige Arbeit. Armut ist ein dynamischer Prozess und keine Eigenschaft.“ (2)
Was bedeutet Armut?
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Der Wortstamm des Alt- und Mittelhochdeutschen arm ist mit erben und arbeiten verwandt. Ursprünglich bedeutete das Adjektiv: einsam, bedauerlich und unglücklich. In dieser Hinsicht umfasst die buchstäbliche Bedeutung soziale Isolation und somit eine existenzielle Gefahr. Erst später wurde das Wort arm auf einen materiellen Mangelzustand übertragen.
Armut bezeichnet je nach Kontext 1) einen Mangel an lebensnotwendigen Ressourcen (Nahrung, sauberem Wasser, Unterkunft, Gesundheitsversorgung) sowie 2) das Fehlen von Chancen und Möglichkeiten der Selbstbestimmung und Einflussnahme.
Menschen in Armut haben oft keinen Zugang zu (qualitativer) Bildung, Beschäftigung oder politischer Macht. Armut ist daher nicht nur ein ökonomischer Zustand, sondern auch ein sozialer, politischer und psychologischer.
Vgl. auch Bildungsexpansion ist keine Lösung + Klassismus in Deutschland
1) Armut ist deskriptiv & normativ
Wenn man eine Person als arm bezeichnet, werden ihr damit spezifische soziale Merkmale zugeschrieben, die durch diese Kennzeichnung selbst bereits als unerwünscht und negativ charakterisiert sind.
Armut verweist also auf ein moralisches Problem: Ungerechtigkeit. Bei der Kategorisierung von Armut fließen stets normative Überlegungen und moralische Werturteile ein, die prägen, was Menschen benötigen und was ihnen zusteht.
Echte Armut vs. unechte Armut
Moralische Probleme sind unangenehm. Daher ist es eine übliche Taktik in öffentlichen Debatten und Diskussionen zu behaupten, bei den betroffenen Menschen in westlichen Wohlfahrtsstaaten handle es sich nicht um „wirkliche“ Armut.
Diejenigen, die als „nicht wirklich arm“ klassifiziert werden, haben oft eine Unterkunft, ausreichend Nahrung und sogar Zugang zu Unterhaltungselektronik oder Mobiltelefonen. Im Kontrast dazu werden „wirklich Arme“ oft als ausgemergelte Körper dargestellt, die in spärlichen Hütten leben und deren Elend offensichtlich ist.
2) Armut ist relativ
Trotz des scheinbaren Unterschieds zwischen relativer und absoluter Armut, kann man nur durch einen bestimmten Bezugspunkt verstehen, was Armut bedeutet.
Das Konzept der relativen Armut wird hauptsächlich in Wohlfahrtsstaaten verwendet und definiert sich in Abhängigkeit vom allgemeinen Wohlstandsniveau. Ein Beispiel hierfür ist die Methode zur Armutsbestimmung der EU, die sich am mittleren Einkommen orientiert.
Neben dieser gibt es das Prinzip der materiellen Deprivation (Entbehrung), das den Fokus auf die Konsumgüter und Dienstleistungen legt, die sich ein Haushalt nicht leisten kann.
Das Konzept der absoluten Armut bezieht sich dagegen auf einen anderen Kontext und Grundgüter. Nach dieser Definition wird jeder Mensch weltweit, dessen täglicher Konsum von Gütern einen Wert von weniger als 9 US-Dollar aufweist, als absolut arm betrachtet.
Auch absolute Armut ist relativ
Die Debatte über echte und unechte Armut ignoriert meist den Umstand, dass Armutskonzepte immer relativ sind. (Vgl. auch Teufelskreis der Armut)
Welche Grundgüter für einen Menschen lebenswichtig sind, unterscheidet sich je nach Kontext und gegebenen Bedingungen. Zum Beispiel unterscheiden sich die Grundbedürfnisse einer schwangeren Frau von denen eines Mannes. Ebenso benötigen Familien, die in einem warmen Klima leben, andere Kleidungsstücke als solche, die in der Polarregion wohnen. Auch haben Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen andere Bedürfnisse als gesunde Individuen.
Nicht nur das Was, sondern auch das Wie zählt
Die Frage, was ein Mensch zum Überleben braucht, ist keine rein biologische oder medizinische Angelegenheit, sondern weitaus komplexer und nur aus interdisziplinärer Sicht zu klären. Selbst wenn es um das rein physische Überleben geht, sind Aussagen aus der Biostatistik ungenau, da sie sich auf Populationen und kollektive Gruppen beziehen, nicht auf einzelne Individuen.
Darum ist es humanwissenschaftlicher Konsens, dass eine reine wissenschaftliche Beschreibung nicht ausreicht, um die Bewertung und Hierarchie von Grundbedürfnissen zu bestimmen.
Ein Beispiel: Bei der Ernährung geht es nicht nur um objektiv messbare Faktoren wie Kalorien, Vitamine und Mineralstoffe, sondern auch um die Art ihrer Bereitstellung. Es macht einen großen Unterschied, ob ich Lebensmittel frei wählen darf oder mir bestimmte Nahrungsmittel vorgeschrieben werden; auch ob sie mit den Händen gegessen werden müssen oder Besteck zum Verzehr bereitsteht.
Übertragen auf weitere existenzielle Lebensbereiche in Wohlfahrtsstaaten bedeutet das, zahlreiche grundlegende Bedürfnisse (Bildung, gesellschaftliche Beteiligung, Hygiene, Privatsphäre), sind nicht ohne Weiteres spezifizierbar und messbar, da sie immer und ohne Ausnahme mit gesellschaftlichen Werten und subjektiven Perspektiven verknüpft sind.
3) Armut ist ein politischer Begriff
Armut ist innerhalb politischer Kontexte eng an Macht- und Gewaltverhältnissen gebunden. Grundsätzlich werden politische Armutskonzepte in doppelter Hinsicht genutzt – um Politik gegen arme Menschen als auch Politik für Arme zu betreiben.
Politik gegen Arme zeigt sich beispielsweise in Maßnahmen, wie Kürzungen von Sozialleistungen oder die Verdrängung armer Bevölkerungsgruppen aus bestimmten Stadtteilen. Solche Methoden haben eine deutliche Signalwirkung für die übrige Bevölkerung: Bürger, die befürchten, eines Tages selbst auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein, werden in Stress, Angst und Unsicherheit versetzt.
Vgl. Klassismus in Deutschland – Kampf gegen Arme statt Armut
4) Armut ist ein wissenschaftlicher Begriff
Armut ist ein Begriff in der Wissenschaft, über dessen Definitionen heftig debattiert wird. Es existieren viele unterschiedliche Interpretationen und Erklärungen für Armut. Die wichtigsten Aspekte dabei sind:
Geld, Einkommen
Güter und Dienstleistungen
Grundbedürfnisse
Soziale Teilhabe
Freiheit
Je nach Disziplinen kommen unterschiedliche Definitionen und Messmethoden zur Anwendung
In der Wirtschaftswissenschaft bezieht sich Armut auf einen Mangel an finanziellen Ressourcen und wird quantitativ gemessen, beispielsweise durch das Einkommen einer Person.
In den Sozialwissenschaften wird Armut oft breiter definiert und umfasst Aspekte wie mangelnde Bildung, unzureichende Gesundheitsversorgung, soziale Ausgrenzung und mangelnden Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen.
Die psychologische Perspektive konzentriert sich auf die Auswirkungen von Armut auf die psychische Gesundheit (Stress, Depressionen).
Armut ist daher ein multidimensionaler Begriff, der Aspekte des wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und psychologischen Wohlbefindens gleichermaßen beinhaltet.
Armut ist ein soziales Phänomen
Das moralische Dilemma der Armut besteht nicht nur darin, dass so viele Menschen betroffen sind oder das Leid so tief ist. Vielmehr liegt das Problem auch darin, dass Armut schlichtweg ein soziales Phänomen ist – ein Resultat sozialer, ökonomischer, politischer und kultureller Prozesse.
In erster Linie ist es die Würde der Betroffenen, die leidet. In einer Gesellschaft, die stark auf Konsum und materiellen Besitz ausgerichtet ist, werden Menschen, die sich bestimmte Dinge nicht leisten können, als weniger wertvoll betrachtet.
Armut verhindert nachweislich soziale Teilhabe, gesellschaftliche Anerkennung und Einflussnahme.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die starke Fremdbestimmung: Durch Armut können Menschen nicht ihr volles Potenzial entfalten. Sie sind damit beschäftigt, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen, sodass ihnen nicht die notwendigen Ressourcen für die Bewältigung von Krisen, eine höhere Bildung oder persönliche Weiterentwicklung zur Verfügung stehen.
Fazit: Armut ist im Wesentlichen ein Verteilungsproblem
Armut ist nicht einfach ein natürlich auftretendes Phänomen – sie ist menschengemacht und könnte verändert werden. Das ist ein zentraler Aspekt der Kritik, sowohl in Bezug auf die relative Armut in Deutschland als auch auf die globale Armut. Die Tatsache, dass Armut in all ihren Formen unnötig und veränderbar ist, untermauert ihre Ungerechtigkeit.
Quellen:
1) Gottfried Schweiger, Clemens Sedmak (Hrsg.): Handbuch Philosophie der Armut, Metzler Verlag, 2021
2) BMZ: Armut (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)
3) Duden Herkunftswörterbuch des Deutschen