Vorgetäuschte Depression erkennen – Was ist fake depression?
Lassen sich Depressionen vortäuschen? Die Symptome von Depressionen sind oft unspezifisch und werden von anderen Menschen häufig missverstanden. Woher kommt die Vorstellung einer fake depression?
Gibt es wirklich so viele Menschen, die aus niederen Beweggründen so tun, als wären sie depressiv? Genau diese Interpretation legt ein Verb wie “vortäuschen” nahe.
Was ist eine vorgetäuschte Depression?
Der Neurologe Dr. Pastushenko schreibt: “Vorgetäuschte Depression bezieht sich auf das Nachahmen oder Überbetonen von depressiven Symptomen, ohne tatsächlich unter einer klinisch diagnostizierten Depression zu leiden. Dieses Verhalten kann aus verschiedenen Gründen auftreten…” (2)
Hm, da werden mehrere unreflektierte Vorannahmen gesetzt (… einmal davon abgesehen, dass der zitierte Text verdächtig nach KI klingt).
Kritik der fake depression
1) Es wird impliziert, vorgetäuschte und echte Depressionen ließen sich klar voneinander unterscheiden. Tatsächlich ist die Diagnose einer Depression sehr kompliziert und von der subjektiven Einschätzung des Arztes abhängig. Darüber hinaus sind die Grenzen zur psychischen Gesundheit fließend.
Wenn also eine Depression schon schwer zu klassifizieren ist, an welchen Kriterien, Schweregraden, Erscheinungsweisen soll sich dann eine simulierte Depression messen lassen?
2) Vorsicht: Stigmatisierungsgefahr! Mit der Gegenüberstellung von echter & unechter Depression wird gleichzeitig suggeriert, es gäbe legitime menschliche Leiden, die Unterstützung und Anerkennung verdienen, und es gäbe illegitimes Leid, das keine Berechtigung hätte.
3) Immerhin betont der Schlusssatz, dass hinter vorgetäuschten Depressionen auch andere psychische Leiden stecken könnten. Das ist aber nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, wenn sich ein Mensch solcher drastischen Methoden bedient, um Aufmerksamkeit zu erhalten oder Verantwortung zu vermeiden.
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Betrachten wir einen hypothetischen Fall, frei erfunden: Hannah hat immer das Gefühl, sie würde von ihren Mitmenschen übersehen. Sie fühlt sich einsam und unverstanden, findet jedoch keine Möglichkeit, ihre Gefühle in Worte zu fassen. In ihrer Verzweiflung beginnt Hannah, Symptome einer schweren Depression vorzutäuschen, in der Hoffnung, endlich die Aufmerksamkeit und Hilfe zu bekommen, die sie braucht.
Sie spricht mit ihren Freunden und Angehörigen über ihre Depression, weint viel und klagt über ihre Symptome. Obwohl Hannah nicht an einer klinischen Depression leidet, spiegeln ihre Aktionen ein tiefgreifendes Leid und eine Notwendigkeit nach Unterstützung wider.
Trotz der Täuschung ist Hannahs psychisches Leiden real. Sie könnte zum Beispiel an einer Anpassungsstörung oder Angst-Erkrankung leiden, die ihre Probleme bei der Kommunikation ihrer Gefühle und Bedürfnisse erklären. Was auch immer dahintersteckt – Hannah hat echte Beschwerden und braucht Hilfe.
Woher kommt die Idee der fake depression?
Depressionen sind eine schwerwiegende Erkrankung, die oft missverstanden wird. Bei psychischen Krankheiten gibt es keinen stringenten oder universellen Katalog von Merkmalen – Symptomlisten in Handbüchern sind keine objektiven Größen, sondern grobe Kategorien zur Orientierung, die interpretiert werden müssen. » Vom Symptom zur Diagnose – Checkliste Depression.
Jeder Mensch erlebt Depressionen auf individuelle Weise, und das macht ihre Diagnose und Behandlung oft zu einer enormen Herausforderung.
Ich nehme an, dass viele PartnerInnen oder Versicherer sich für vorgetäuschte Depressionssymptome interessieren und einen Betrug vermuten.
Für den Arbeits- oder Versicherungskontext möchte ich auf den Artikel des Vereins Surprise verweisen (3): “Um zu erkennen, ob jemand an einer Depression oder Schmerzkrankheit leidet, greifen Gutachter*innen der Invalidenversicherung zu angeblich objektiven Tests. Dabei bestätigen diese vor allem ihre eigene Voreingenommenheit.” » Zum Artikel
Mit einiger Sicherheit geht dieser Umstand auf verbreitete Vorurteile über Depressionen zurück. Um es noch einmal zu betonen: Depressionen sind eine Krankheit, die sich in körperlichen und psychischen Leiden zeigt (psychosomatisch). Sie hat nichts mit einfacher Traurigkeit, Motivationslosigkeit oder einer falschen Lebenseinstellung zu tun.
Wie oft werden Depressionen vorgetäuscht?
Es ist schwer zu sagen, wie häufig es vorkommt, dass Menschen Depressionen oder andere psychische Erkrankungen vortäuschen.
In einer Studie, die sich mit Angeklagten befasste, die eine psychische Erkrankung behaupteten, wurden 18 % offiziell als Simulanten klassifiziert (6).
In sozialen Kontexten kann es zum Verdacht kommen, dass die Person ihre Krankheit vortäuscht, wenn sie lächelt oder sich unauffällig benehmen kann. Sich allein auf den äußeren Eindruck zu verlassen, ist bei psychischen Erkrankungen allerdings nicht möglich. Zu denken gibt mir eine Studie von 2021 (5) mit Reddit-Nutzern, in der die Forscher zum Ergebnis kamen:
„Jugendliche stellten eine Dichotomie zwischen sogenannter „echter“ und „vorgetäuschter Depression“ dar, wobei sich die Feindseligkeit gegen Gleichaltrige richtete, die als „vorgetäuscht depressiv“ wahrgenommen wurden.
Die Wahrnehmung der Unechtheit einer Depression war verwirrend und widersprüchlich. Die öffentliche Stigmatisierung und die Selbststigmatisierung gegenüber depressiver Unechtheit erschwerten die Suche nach Hilfe.
Während zukünftige Forschung untersuchen sollte, inwieweit diese auf Online-Foren basierenden Beobachtungen Stigmatisierung in realen Situationen nachahmen, haben unsere Ergebnisse die Notwendigkeit hervorgehoben, der Stigmatisierung einer ‚falschen Depression‘ durch Depressionskompetenz bei Jugendlichen und Stigmatisierungsinterventionen entgegenzuwirken.“
Kann man Depressionen vortäuschen?
Eine Depression ist eine komplexe Erkrankung, die nicht einfach durch das Nachahmen von Symptomen simuliert werden kann. Eine Depression beeinflusst das gesamte Leben einer Person, das veränderte Verhalten wird meist vom Umfeld bemerkt.
Eine Person, die versucht, eine Depression vorzutäuschen, müsste in der Lage sein, eine breite Palette von Symptomen authentisch darzustellen und gleichzeitig die langfristigen Auswirkungen auf das tägliche Leben zu reflektieren.
Ja, man kann also eine Depression vortäuschen. Das ist aber in der Regel schwierig, wenn man Depressionen nicht selbst erlebt hat.
Kann man Depressionen haben, ohne es zu wissen?
Ja und ich würde sogar behaupten, das ist häufiger der Fall, als die meisten glauben. Viele Menschen mit einer Depression erkennen ihre Symptome nicht als Anzeichen für eine Erkrankung.
Wie sollten sie auch, wenn sie nichts oder wenig darüber wissen?
Angehörige und Freunde sollten daher besonders aufmerksam sein und mögliche Frühanzeichen einer Depression beachten. Dazu gehören unter anderem anhaltende Traurigkeit, Schlafstörungen, Appetitverlust oder Gewichtsveränderungen sowie ein Interessenverlust an Aktivitäten, die früher Freude bereitet haben.
Wie erkennt man versteckte Depressionen?
Bei vielen Menschen zeigt sich eine Depression durch unerklärliche körperliche Beschwerden, zum Beispiel:
starke Müdigkeit,
anhaltende Schlafstörungen
Magenschmerzen, Durchfall
Augenflimmern, Sehprobleme
Schwindelattacken, Herzklopfen
diffuse Schmerzen (Beine, Rücken, Kopf)
Beispiele für Anzeichen einer Depression
Depressionen beeinflussen nicht nur Gefühle, sondern auch kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Lern- und Merkfähigkeit. Zudem sind die sogenannten exekutiven Funktionen betroffen.
Diese sind für höhere kognitive Prozesse verantwortlich, die unter anderem die Fähigkeiten betreffen, Handlungen zu planen und durchzuführen, Multitasking zu betreiben oder Kopfrechnen zu können.
Betroffene Menschen haben Schwierigkeiten bei alltäglichen Aktivitäten (wie Lesen oder Schreiben), die normalerweise keinerlei Mühe bereiten. Übrigens sind auch Gereiztheit, Aggressionen und starke Vergesslichkeit mögliche Symptome.
Depressionen sind wie ein Leben mit Behinderung
Eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ergeben, dass Depressionen zusammen mit Herzkreislaufkrankheiten weltweit die Hauptgründe für reduzierte Lebenserwartungen sind (durch Behinderung). Erschwerend kommt hinzu, dass Depressionen ein Risikofaktor für körperliche Krankheiten unterschiedlichster Art darstellen.
Experten fordern daher, sowohl der Prävention als auch der Behandlung einen höheren Stellenwert in der Gesundheitspolitik einzuräumen. Dazu gehört auch eine bessere Integration von psychischer und körperlicher Gesundheitsversorgung sowie eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit über psychische Gesundheit.
Fazit: vorgetäuschte Depression
Viele Depressionssymptome sind für den zufälligen Beobachter nicht offensichtlich. Menschen mit Depressionen können lange vortäuschen, es wäre alles in Ordnung. Erst, wenn sie ganz allein sind, fällt die Maske. Vgl. Smiling Depression – Die Lächelnde Depression
Psychische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert. Die Vorstellung, dass Menschen Depressivität vortäuschen oder ihre Symptome wären nicht so schlimm, trägt dazu bei, dieses Stigma aufrechtzuerhalten (8).
Mehr erfahren » Depression: Gesellschaftliche Ursachen & Determinanten
Quellen:
1) Barbara Bückmann: Das sind untrügliche Anzeichen für eine echte Depression
2) Pastushenko: Vorgetäuschte Depressionen erkennen
3) Andreas Eberhard: IV-Serie: Wie Kranke zu Simulanten werden (Surprise)
4) Prerna Kohli: 7 Was to decide if someone is faking depression
5) Dixon-Ward KC, Chan SWY. 'Faking it': Exploring adolescent perceptions of depression (in)authenticity and 'attention seeking'. Br J Clin Psychol. 2022 Jun;61(2):177-196. doi: 10.1111/bjc.12339. Epub 2021 Oct 29. PMID: 34716598.
6) Cochrane R.E., Grisso T, Frederick R.I.: The relationship between criminal charges, diagnoses, and psycholegal opinions among federal pretrial defendants, 2001;19(4):565-82. doi:10.1002/bsl.454
7) Bass C, Halligan P.: Factitious disorders and malingering: challenges for clinical assessment and management Lanzette. 2014;383(9926):1422-32. doi:10.1016/S0140-6736(13)62186-8
8) Rössler W.: The stigma of mental disorders. A millennia-long history of social exclusion and prejudices. 2016;17(9):1250-1253. doi:10.15252/embr.201643041