Raus aus den Federn

Von Selman K.: Du knackst nach zwei Stunden Schlaf mit jeder aufwachenden Bewegung überall wie ein unbündig geschweißter Roboter.

In der Schulter, in den Fingern, im linken arthritischen Kniegelenk, im Nacken.

Die Beine starr und splittrig wie die zwei hölzernen Bettpfosten daneben.

 

Du wirfst mit einem genervten seitlichen Zug der Bettdecke mit der linken Hand den Hypnos aus dem Bett, der wieder mal so einen grottenschlechten Job gemacht hat, während du mit einer müden Ohrfeige den ihn auslachenden Thanatos zum Schweigen bringst.

Zunächst stellt sich der Oberkörper auf und räkelt sich bis auf die andere Seite des Klappkörpers, natürlich soweit das angefressene Fett es erlaubt, dann fällt er zurück.

Fast haben wir es geschafft aus der Dunkelheit. Würde man jedoch jetzt das Licht anmachen, müsste man annehmen, dass Dr. Frankenstein hier seinen Schraubenkasten vergessen hat.

 

Zwischen der Zeit des ersten verklebten Lidschlags, des unmittelbar darauffolgenden Sichindenschädelschießenwollens und der Ausgangsstellung eines hochfunktionalen Hominiden gehört man nicht zur Welt, weil der Aufwachprozess nicht einmal von den liebsten der Allerliebsten gestört werden wollte.

Der Zeitraum hat wie drei Worte vorher erwähnt einen Raum für sich, einen Raum der Träume, auf der aber eine etwas merkwürdig sitzende orthogonale Zeit ein beständig nörgelndes Gefühl erwachen lässt, etwa ob man den Tag davor überhaupt wirklich erlebt hat oder ob man nicht dauernd in diesem bizarren Zeitraum festsitzt, während man mit der rechten Hand die klobigen Klöten oder die laschen Lippen in ihre Plätze zurechtrückt und mit der linken Hand sich wie ein dekrepiter Greis an der Bettkante abstützend die Geworfenheit deines Trostpreises Leben hier in dieser ungemütlichen Situation in Dauerschleife anseufzt.

 

Als Nächstes sitzt du brav aufrecht wie ein Schüler aus 1938 am Bettanschlag, kurz davor das Licht der Welt nur noch ein letztes Mal zu erblicken, so lallst du dir das jedenfalls abermals schlaftrunken zu, während die Bandscheiben jetzt schon zu drücken beginnen, während man diese weißen, den Tergitplatten einer gebleichten Zikade ähnelnden, brachytrophen Knorpelfragmente eines einst von Jungfleisch und aktiven Nervensträngen umgebenen Körpers zurechtrücken muss.

 

Vom Sitz der Seele aufwärts bewegst du nun den Oberkörper in Richtungen, die man nur in einer dunklen Welt wie Kadath für möglich hielt, als würde jemand eine geheimnisvolle Eurythmie für unsichtbare Zuschauer veranstalten und mit den komischen, kreisenden, plötzlich wellig, dann doch wieder stockenden Bewegungen eine Massage, nein, eine Message überbringen wollen, etwa ich stecke fest oder vielleicht doch nur ein Fünkchen der Lebenskraft versuchen heraufzubeschwören, besser, sie herauszukitzeln und herauszuschütteln, als wäre sie irgendwo fest wie ein stechendes Dörnchen zwischen den Haaren der Haut versteckt.

 

Am Ende schaffst du es, den Lichtschalter gegenüber zu erreichen.

Mit einem Mal blinzeln die Augen reizüberflutet wie die einer Frühgeburt, welcher noch nicht wirklich die Lust überkam, das Licht der Welt zu sehen.

Die Augen öffnen sich mit der Geschwindigkeit und Bewegung einer blühenden Knospe. Das Blut rauscht durch die Schläuche, Vestibülen und Kammern des auf Hochdruck arbeitenden Herzens wie das exaltierte Wasser durch die Zellenräder einer Wassermühle.

Du fühlst dich beim Anblick des Lichts wieder zwei Jahrzehnte zurückkatapultiert, als das erste, was du mit deinen unschuldigen Augen sehen musstest, erst das Licht des Operationssaals war.

Darauf folgte die Zange des Doktors, der dich mit medizinischer Gewalt an der Schädeldecke aus dem Loch deiner Erzeugerin herauszog.

Als du draußen warst, täuschte sie zwar müde Freude vor, doch die Augen bekundeten ihre Abscheu und Fassungslosigkeit beim Anblick der hässlichen matschigen Kartoffel, die sie soeben qualvoll ausgepresst hatte. Die überarbeitete Krankenschwester verfehlt mit dem Schlauchansatz den Mund in der Neonatalbeatmungsmaschine.

Du erstickst dort fast, du erstickst auch heute noch fast daran, immer wenn du aufwachst. Dir wird schwindlig, du bist verwirrt. Wie wenn man etwa mit langsamerer Geschwindigkeit fährt als die dicken, schrägen Schneeflocken, die deiner Windschutzscheibe entgegenfliegen.

Erst als du maximal verwirrt bist und dich von den Früchten der Alvernon- und Oxyconbäumen verköstigt hast, kannst du dich wieder wach nennen.

 

Wohin

Aus dem rühmlichen Frust des Lebens in die Todeslust.

Ich kann an nichts anderes mehr denken als an den Tod, die Neugier danach martert mich ohne Ende. Wenn aus dem Salzstreuer Zucker rieselt, mag das wohl eine süße Überraschung sein, aber das Gericht wollte gesalzt werden.

Diese lang gedachten Gedanken werden im längst auswendiggelernten Rekurs immer schärfer, wie wenn man einen Dolch immer wieder zwischen die Schleifsteine zieht.

Und mit dem letzten Gedanken, der sich gewiss keines Schreckens mehr verzagt, stößt der Dolch hindurch, schneidet das Herz auf, wie ein zartes, gesalztes Filet, lässt es beschwingt auszucken und ausbluten.

 

Das Windei

Verfrühter Auswurf in eine fehlentwickelte Welt.

Man konnte nicht noch einige Generationen warten, sowieso ist nie der richtige Zeitpunkt. So haben wir das Ei ohne Schale, seines Sinns beraubt, in das Sein verstoßen vom Nichtsein, sobald man ist, isst man sich.

Die Freiheit soll also zwischen den Fesseln der Gelenke aufzuspüren sein, dort wo der Nutzen, das an der Lust gebundene Glück, die Schmerzfreiheit und die Wiederbelebung die Segel strichen?

Die schöne Diätetik des Lebens, wie der große Verfechter der Genussverneinung, Kant, einst sagte, sei nur um der Lebensverlängerung willen aufrecht zu erhalten, wonach man Körperlichkeit und Gesundheit strebt, denn sobald man dem Brechmittel der Lust unterliegt, verlangt man nach zerbrechlichem Ausgleich – und das zu jedem Preis.

 

Unter dieser Voraussetzung kann sich das Windei, nein, es wird sich nicht entwickeln. Falls doch, dann als indoktrinierte Missbildung, wie es sein soll, ohne Trophoblast, ohne Rückgrat.

Ein nettes Nachplappern wie einem der Schnabel gebrochen wurde, bei der in jeder Silbe die angenommene Untergebenheit nachhallt. Ein riskantes Unterfangen wird es, das geregelte Leben, die verkörperte Gesundheit, wenn die Henne, selbst eine zukünftige, kapaunische Schmackhaftigkeit für einen noch unverhohlen und im Hinterhalt bleckenden Connaisseur, von einer dunklen Hoffnungslosigkeit bis hin zum infantilen Ekel vereinnahmt dieses Windei auszuglucken versucht und sich, um viel Wärme zu spenden, so stark daraufsetzt, dass dieses Ei ohne Schale aus beiden Arschbacken abfließt.

Immer noch will es nicht wahrhaben, was es gezeugt hat. Eine missgeborene Frühgeburt und eine frühtote Missgeburt.

Öffne und sieh hinein, was uns plagt, aber bedenke, was gesagt werden möchte, bleibt ungesagt.

Knut Calmund

K. C. ist Philosoph, selbst von Depressionen betroffen und verarbeitet seine Erfahrungswelt unter dem Pseudonym Knut Calmund in besonders eindrücklichen Worten. Er ist Autor des Buches: Die Vögel singen sowieso

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