Gelassenheit – Zur Geschichte eines Modeworts
Gelassenheit ist ein Modewort unserer Zeit. Es ist im Trend, locker, ruhig, entspannt, „cool“ zu sein. Wenn wir uns den Gelassenheitsbegriff ansehen, wie er alltagssprachlich Verwendung findet, dann scheint er eine gewisse Unangreifbarkeit zu beinhalten, dann erscheint er wie eine trotzige, fast schon ignorante Treue zur eigenen Position, die unbeeindruckt ist von Welt und Wirklichkeit und damit auch die Zwänge der Zeit zu verkennen droht.
Hier ein Audiobeitrag von Dr. Bordat zum Thema:
Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen angesichts widriger Umstände, das ist nur ein Aspekt des Gelassenheitsbegriffs, wenn auch der, der sich im heutigen Sprachgebrauch des Deutschen durchgesetzt hat. Ich möchte nun aber die Geschichte dieses Begriffs nachzeichnen und wenn ich sage, dass sie eng mit Meister Eckhart verbunden ist, dann ist klar, dass es nicht nur um Coolness geht, sondern um tiefe Religiosität, um Spiritualität. Zunächst aber ein Blick auf ähnliche Konzepte der Antike.
Bedeutungsnuancen verwandter Begriffe
Demokrits euthymia (gutes Gemüt)
Der griechische Philosoph Demokrit (460-371 v. Chr.) gilt als Vertreter eines atomistischen Materialismus. Er vertrat die Ansicht, daß die Materie aus kleinsten, unteilbaren Teilchen, den Atomen, zusammengesetzt sei. Jedes dieser Atome sollte fest und massiv, aber nicht gleich sein, weil die Dinge auch nicht gleich sind. Aus diesen Verschiedenheiten ließen sich alle Mannigfaltigkeiten der Erscheinungswelt erklären. Entscheidend ist der Analogieschluss von der sichtbaren auf die unsichtbare Welt:
Auch die Seele ist bei Demokrit eine Ansammlung von Atomen, d. h. etwas Körperliches. Diese Seelen-Atome seien dabei die vollkommensten Atome, die man finden könne. Man solle sich daher mehr um die Seele als um den Körper kümmern, also mehr um den „Seelen-Körper“ als um den „Körper-Körper“, denn die Vollkommenheit jenes richtet die Schwäche dieses auf. Wer die Gaben des ersten liebe, liebe das Göttliche, wer die des zweiten liebe, das Menschliche.
Wenn man sich also um seine Seele kümmert, dann erreicht man in einem Dreischritt jene ruhige Haltung (ataraxia), die das Wohlgemutsein (euthymia) hervorbringt. 1. Die Seele macht Erkenntnis möglich. 2. Erkenntnis führt zur Überwindung von Angst. 3. Überwindung von Angst führt zur Ruhe und zum guten Gemüt.
Senecas tranquilitas animi (Seelenruhe)
Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) greift den euthymia-Begriff auf und übersetzt ihn mit tranquilitas animi. Er sah die Seelenruhe als oberste Tugend an. Das höchste Gut ist für ihn die Harmonie der Seele mit sich selbst. Seelenharmonie führt bei Seneca zur Seelenruhe.
Neben Marc Aurel und Cicero zählt Seneca zu den wichtigsten Vertretern der römischen Stoa. Erwähnenswert ist in diesem Kontext die stoische apátheia als Freiheit der Seele von den Affekten, die damit gleichsam die Voraussetzung für die tranquilitas animi bildet.
Besitzt die Vernunft nicht die nötige Stärke, so stimmt sie Vorstellungen zu, die Triebe und Gefühle wider ihr natürliches Maß übersteigern: Der Trieb (hormé) wird zum Affekt, zur Leidenschaft (páthos). Die kranke, leidende Seele ist das „sittlich Schlechte“, das einzige Übel des Menschen. Wer sittlich schlecht handelt, erleidet seelische Qualen und kann damit nicht zur Ruhe kommen.
Man beachte: Der schlecht Handelnde hat zunächst selbst das Problem, das Böse fällt auf ihn zurück! Hier ist das christliche Gewissenskonzept nahe. Helfen kann dieser leidenden Seele aus Sicht der Stoiker nur die Philosophie der Stoa, welche gerade das Ziel der Affektlosigkeit verfolgt. Dies erinnert an Schopenhauers Willensverneinung und es steht der Idee einer Überwindung menschlicher Willensschwäche durch geeignete Lebensführung in der christlichen Morallehre nahe.
Der Begriff der Affekthemmung sollte dann in der Ethik der Hochaufklärung ein zentraler werden, etwa bei Christian Wolff. Bei Wolff gelingt die Affekthemmung durch die Vernunft und damit durch die Einsicht in das Schlechte am affektartigen, unreflektierten Handeln. Auch das wird von der Stoa schon vorweggenommen.
Platons theoria und Plotins henosis (göttliche Einigung)
Platons (427-347 v. Chr.) theoria als Ideenschau der Seele, vom Neuplatoniker Plotin (205-270 n. Chr.) zur henosis (göttliche Einigung) erweitert.
Die Seele ist in der Lage – wenn sich der Mensch nur bemüht – die Ideen zu schauen, nicht nur deren Abbilder (Höhlengleichnis). In dieser theoria erfährt der Mensch also etwas über diese ontologisch und epistemisch höherwertigen Entitäten und gelangt so durch die Ideenschau in den Zustand des Wissens.
Das entscheidende Moment der platonischen theoria liegt in der Wende hin zur Ethik und Ästhetik: Die gewonnenen Erkenntnisse geben einem Menschen nicht nur Einblick in das Wahre, sondern auch in das Gute und Schöne. Wahr, gut und schön fallen zusammen. Daraus entwickelt der Neuplatoniker Plotin seine Idee der henosis, in der das Denken des Einen, zu dem hin alles gewendet ist („Universum“) und als dessen Ausströmung (Emanation) alles ins Dasein gelangt, die Annahme einer Wesensgleichheit von göttlicher und menschlicher Seele impliziert. Erst der Eigensinn des Menschen trennt ihn von Gott. Plotin hat damit stark auf die Patristik (etwa auf Augustinus) gewirkt und so die Lehre der Kirche nachhaltig beeinflusst.
Theoria und henosis nehmen den Transzendenzaspekt des eckhartschen Gelassenheitsbegriffs vorweg. Bei Demokrit und Seneca ist es die irdische „Coolness“, die dem Gelassenen jetzt und hier angesichts von Schwierigkeiten Glück verschafft, sie geben etwa Antwort auf die Frage: Wie halte ich es neben einem Menschen aus, der schwer zu ertragen ist? Bei Platon und Plotin kommt der Gedanke der Einheit mit Gott ins Spiel, hier bekommt die „Coolness“ der stoischen Weisheit in ihrem Nutzen für die menschliche Seele eine neue, eine weiterreichende Dimension. Für den Christen liefert diese erst die Begründung für Gelassenheit.
Plotin liefert in gewisser Weise die Motivation – traditioneller gesagt: die Kraft –, um die Unerträglichkeit zu ertragen. Demokrit und Seneca bleiben diese Kraftquelle schuldig, bei ihnen ist Gelassenheit mehr eine Forderung bzw. eine Tugend des Weisen, aber das reicht nicht, denn auch der Weise braucht ein Rückzugsgebiet, wo er seine Seele baumeln lassen kann. Und das wäre eben das Bewusstsein einer Einheit mit Gott.
Hinzuweisen ist noch auf die aristotelische eudaimonía (geglücktes Leben) auf Basis der arete (Tugend) des „Maßhaltens“ sowie auf Epikurs galenismós (Meeresstille), der eine zentrale Metapher des Gelassenheits-Topos einführt und ferner den Rückzug ins Private proklamiert, nachdem Platon und Aristoteles nur im zoon politikon, im geselligen Lebewesen, den wahren Menschen erblickt hatten.
Der Rückzug ins Private ist sicherlich für die Gelassenheitstechniken der Kontemplation und Meditation wichtig, andererseits ist die Gemeinschaft im Kloster und der Gang an die Öffentlichkeit entscheidend. Das hat Meister Eckhart vorexerziert, wie ich nun darstellen möchte.
Meister Eckhart als Entwickler des Gelassenheitsbegriffs
Das Deutsche als Sprache der Mystik
Meister Eckhart gilt als wichtigster Vertreter der so genannten Deutschen Mystik. Das Deutsche diente ihm als Sprache der mystischen Unterweisung im Dienst seiner Rede von der Einheit mit Gott. Ihm war es stets daran gelegen, das Streben der Seele nach Einheit mit Gott (unio mystica) zu befördern. Dabei wollte er möglichst viele „Seelen“ erreichen und konzipierte aus diesem Grund seine Predigten für das gemeine Volk in der Sprache des Volkes, auf deutsch.
Der Mystiker will verstanden werden. Schließlich bedeutet myein soviel wie „eingeweiht werden“, nicht etwa „ausgeschlossen werden“ o. ä. Das war der mittelalterlichen Kirche nicht nur suspekt, sondern erschien ihr auch gefährlich, ging es ihr doch bei der Erhaltung politischer Macht gerade um das Trennende zwischen Gott und Mensch, Klerus und Volk, manifestiert durch das Lateinische als Exklusionssprache. Es ging der Kirche, so kann man weiter gehen, um das Schüren von Angst, das Schaffen von Abhängigkeiten und die theologisch-spirituelle Monopolstellung.
Der Einzelne sollte gerade nicht befähigt werden, den Weg zu Gott selbst suchen; genau dies forderten jedoch die Mystikerinnen und Mystiker.
Mit seinen deutschen Predigten bildet Meister Eckhart also eine Ausnahme in seinem Dominikanerorden und steht generell in der Kirche seiner Zeit ziemlich alleine da, denn die Mehrheit des Klerus zieht es vor, dem Lateinischen in Wort- und Schriftverkündigung treu zu bleiben.
Auffälligstes Kennzeichen des von Meister Eckhart geprägten Deutsch ist der mystische Soziolekt, die bildhafte Sprache, die tiefsinnige und zugleich anschauliche Metaphorik. Meister Eckhart greift seine Bilder v. a. aus dem Leben der Menschen und bedient sich höfischer Episoden ebenso wie Metaphern, die dem Minnesang entnommen sind.
Er spricht von Gott als dem „hôhe fürste“, von der Seele als der „minnewunt“ und seine im Zentrum aller Predigten stehende mystische Entrückung wird zur „hovereise“. Auch spielt das Bild des Flusses eine herausragende Rolle, wenn es darum geht, Gottes Wirken verständlich zu machen: Mit dem Begriff „götlicher inflûz“ abstrahiert er den Einfluss auf eine Ebene, die Macht und Wirkungsfülle suggeriert.
Meister Eckhart orientiert den Zuhörer auf die Einheit von lêre und leben in der Soteriologie des mystisch erprobten christlichen Glaubens, indem er sich selbst mit ihnen eint, dadurch daß er sich verständlich macht.
Seine Lehre stellt kein transzendental orientiertes Gedankengebäude aus dogmatisch-normativen Postulaten dar, sondern die Aufforderung zur Integration von Theologie und Lebensführung. Es geht darum, die Differenz von lêre und leben gerade in der eigenen Praxis der Lebensgestaltung aufzuheben. Die Bedeutung der Einheit von Lehre und Leben, die Meister Eckhart mit seinen Predigten verdeutlichen will, indem er die Einheit zum Inhalt seiner Lehrpredigten macht, kann aber nur dann glaubwürdig untermauert werden, wenn die Sprache der Lehre aus dem Leben kommt. Daher ist es nur konsequent, wenn Meister Eckhart in seinen Predigten auf deutsch zu den Menschen spricht.
Neben der Einheit von Lehre und Leben gewinnt Eckhart aber auch noch etwas anderes mit der Verwendung des Deutschen. Der innovatorische Anspruch des volkssprachlichen Predigers zeigt sich ferner in den deutschen Wortschöpfungen, die eine erstaunliche Differenziertheit offenbaren. Die Entdeckung neuer Aspekte der Semantik zentraler Abstrakta wird erst durch das Verlassen eingefahrener Wege, also durch die Aufgabe bestehender sprachlicher Konzepte möglich.
Integration und Differenzierung, Einheit und Vielschichtigkeit, diese Aspekte der Eckhartschen Heilslehre konnten nur im Deutschen so vollendet formuliert werden. Die unmittelbare Ansprache des Publikums schafft zudem eine Atmosphäre der Einheit von Lehrer und Schüler, die den Inhalt des Vorgetragenen formal unterstreicht. Ich möchte die Vielschichtigkeit des Ausdrucksvermögens, das Eckhart mit den im Deutschen entstehenden Interpretamenten gewinnt, nun am Beispiel der Begriffskreation „gelâzenheit“ darstellen.
Vom biblischen Lassen zum mystischen Lassen
„Gelâzenheit“ – oder neuhochdeutsch: Gelassenheit – ist einer der zentralen Begriffe der Eckhartschen Mystik. Dies, obwohl Meister Eckhart das Substantiv gelâzenheit nur an einer Stelle verwendet, und zwar in der Rede der underscheidunge, wo es heißt: „Wan, ez kome von trâcheit oder von wârer abegescheidenheit oder von gelâzenheit, sô sol man merken, ob man sich hier inne vindet, als man sô gar von innen gelâzen ist“. Wesentlich häufiger benutzt er das Verb lâzen bzw. das Partizip gelâzen.
Als wichtigste Voraussetzung für die Gottesgeburt in der Seele und die Einheit mit Gott, die unio mystica, muss der Mensch gelâzen hân, um schließlich gelâzen zu sîn. Er muss dazu verdinglichte Denk- und Handlungsstrukturen überwindet und alle Weltbindung aufgeben. Er muss sich selbst und die ganze Welt lâzen. Insoweit ist Gelassenheit bei Meister Eckhart als Haltung oder Befindlichkeit das Ergebnis eines Vollzugs.
Meister Eckharts Ausgangspunkt ist dabei das neutestamentliche Lassen, von dem im Evangelium bei der Berufung der ersten Jünger die Rede ist. Auf dieses omnia relinquere bezieht sich Meister Eckhart.
Hier zeigt sich deutlich die Breite des Verlassenheitsbegriffs. So erscheint er weniger negativ (im Stich lassen) als vielmehr positiv besetzt (den Neuanfang wagen), teils materiell (Haus und Hof, Dinge lassen), teils personell (den Vater, die Mutter, die Frau, den Mann lassen) und schließlich – in der Mystik Meister Eckharts – spirituell (sich selbst lassen). So gelangt der Mensch über das Lassen zur Gelassenheit.
Meister Eckharts Gelassenheitsbegriff
Mit seiner Wortschöpfung gelâzenheit stellte Meister Eckhart der deutschen Sprache ein Konzept zur Verfügung, dass die Vielschichtigkeit eines Sachverhalts anzeigt, in dem Ruhe, Versenkung, Anbetung, Demut, Hingabe und auch Weisheit mitschwingen und welcher schließlich in der Erfahrung der Einheit mit Gott kulminiert.
Dass Meister Eckhart den Begriff gelâzenheit entwickelt hat, legt der Umstand nahe, dass er vor ihm nicht belegt ist. Es wird deutlich, dass er mit seiner Begriffsschöpfung den semantischen Wert der lateinischen Ausdrücke resignatio und tranquilitas ebenso sprengt wie den der griechischen Begriffe euthymia und henosis. Diese Begriffe kreisen den viel komplexeren Begriff der Gelassenheit nur ein, ohne seinen Kern zu treffen und ohne seine semantische Dichte und Fülle vollständig zu erschließen.
Das gelingt erst mit der eingedeutschten Form der Konzepte, die all diese Nuancen vereint, denn Gelassenheit beinhaltet sowohl das Aufgeben und Loslassen (resignatio), die Ruhe (tranquilitas) als auch ein gutes Gemüt (euthymia) sowie schließlich die Einheit mit Gott (henosis), die Meister Eckhart zur unio mystica weiterdenkt.
Zu erwähnen ist ferner die Bedeutung des Gelassenheitsbegriffs für die eckhartsche Ethik, der Nächstenliebe als Ergebnis von Gelassenheit betrachtet. Interessant wird das v. a., wenn man das etwa mit Leibnizens Gerechtigkeitsbegriff vergleicht: iustitia est misercordia et sapientia.
Das legt mithin eine Verbindung von sapientia (Weisheit) zur Gelassenheit nahe, die den spirituellen Ingredienzien ein rationales Regulativ beifügt. Dabei müsste das Konzept der Weisheit allerdings noch mal genauer analysiert werden, um es richtig verorten zu können im Spannungsfeld von Offenbarungswissen, Erfahrungswissen und der Rationalität, die zu dem führt, was wir heute im engeren Sinne als „Wissen“ bezeichnen. Die Erkenntnis Gottes als Grund für Gelassenheit ist die Weisheit, an die Meister Eckhart denkt, eine Weisheit jenseits des enzyklopädischen Wissens.
Bei Meister Eckhart führt die Fokussierung auf den Begriff der Gelassenheit allerdings am Ende zur Übersteigerung des Konzepts, wenn er fordert, nicht nur von den weltlichen Dingen und Geschöpfen sowie von sich selbst zu lassen, um die mystische Einheit mit Gott zu erreichen, sondern schließlich sogar „um Gottes Willen“ von Gott selbst zu lassen: „Daz hoehste und daz naehste, daz der mensche gelâzen mac, daz ist, daz er got durch got lâze“.
Radikaler kann man die Gelassenheit, die zur Einheit mit Gott führen soll, nicht auffassen.