Rezidivierende depressive Störung (F30.0-F33.2) | wiederholt depressiv
Eine rezidivierende depressive Störung (auch rezidivierende Depression genannt) ist durch wiederkehrende depressive Episoden gekennzeichnet.
Die Symptome können sich in verschiedenen Bereichen manifestieren, wie in der Stimmung, dem Antrieb und dem Appetit.
Die chronische, persistierende Depression ist laut Fachliteratur davon abzugrenzen.
Symptome der rezidivierenden Depression
Verlust von Freude und Interesse an Aktivitäten, die einst mit Freude betrieben wurden.
Appetitlosigkeit: keine Lust zu essen, Gewichtsverlust
Schlafstörungen: Probleme einzuschlafen oder frühes Erwachen und schlechtes Durchschlafen
Reizbarkeit: schnell gestresst, wütend oder überfordert
Erschöpfung: müde und energielos, ohne körperliche Anstrengungen
Konzentrationsschwierigkeiten oder Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen.
Suizidgedanken: passiv (Intrusion) oder aktiv (Wunsch)
Was bedeutet rezidivierende depressive Störung?
Der Begriff “rezidiv” stammt vom Lateinischen Wort (“recidere"), mit der Bedeutung: Wiederauftreten, Rückfall, wiederkehrend, wiederholt.
Bei diesem Depressionsverlauf erleben Betroffene mehrere depressive Episoden, die von symptomfreien Phasen unterbrochen werden.
Die Depressionssymptome können von mild bis schwer reichen und beeinflussen das tägliche Leben der Betroffenen in vielerlei Hinsicht.
Merkmale rezidivierender depressive Störungen
häufiger Ausdruck von Hilflosigkeit und Leid
überfordertes oder feindseliges & abwertendes Verhalten
starkes Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen
Überzeugung, dass nichts hilft, um die Depression unter Kontrolle zu bringen
verfestigte Verhaltensmuster, die weder durch positive noch durch negative Ereignisse beeinflussbar zu sein scheinen
Spezielle Ausprägung der rezidivierenden depressiven Störung
Im Unterschied zu anderen Depressionsverläufen sollen rezidivierende depressive Störungen diese Spezifika aufweisen (8):
Monologisieren
prä-logisches Denken
egozentrische Weltsicht
wenig Beeinflussbarkeit durch Feedback
ausgeprägter Empathie-Mangel
Schweregrade der rezidivierenden depressiven Störung
Bei rezidivierenden Depressionen werden in der Regel 3 Schweregrade unterschieden:
Leichte rezidivierende depressive Störung (F33.0)
Die Symptome sind vorhanden, aber beeinträchtigen das tägliche Leben nicht in signifikantem Maße. Eine Person kann in der Lage sein, alltägliche Aufgaben zu erledigen, aber fühlt sich dennoch traurig und hoffnungslos. Vgl. auch neurotische Depression
Mittelschwere rezidivierende depressive Störung (F33.1)
Die Beschwerden sind ausgeprägter und beeinträchtigen deutlich die Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu erledigen. Betroffene haben Probleme, sich zu konzentrieren, sich zu motivieren oder aktiv zu sein. Auch Suizidgedanken sind nicht selten.
Schwere rezidivierende depressive Störung (F33.2)
Die Symptome sind stark ausgeprägt und beeinträchtigen erheblich das tägliche Leben. Leidende können alltägliche Aufgaben nicht erledigen, isolieren sich sozial oder werden isoliert und werden von Selbstmordgedanken gequält.
ICD Klassifikationen der rezidivierenden depressiven Störung
Rezidivierende Episoden (F33.0 – F33.1 – F33.2)
Rezidivierende kurze depressive Episoden (F38.1)
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (F33.4)
Sonstige rezidivierende depressive Störungen (F33.8)
Rezidivierende depressive Störung nicht näher bezeichnet (F33.9)
Ursachen der rezidivierenden depressiven Störung
Die Ursachen sind wie bei vielen seelischen Krankheiten unterschiedlich und können von Person zu Person variieren. Im Allgemeinen gibt es jedoch einige Anhaltspunkte, die das Risiko erhöhen, zu erkranken. Meist handelt es sich um eine Kombination von Faktoren: biologisch, persönlich etc.
Aber: Patienten mit rezidivierenden Depressionen berichten oft von belastenden Kindheitserfahrungen bzw. Traumata (8):
emotionaler Vernachlässigung
emotionalem oder körperlichem Missbrauch
Verwahrlosung in ihrer Kindheit
Vgl. auch Trauma & Depression – Wenn ein Trauma Depressionen auslöst
Mehr erfahren » Depression: Gesellschaftliche Ursachen & Determinanten
Ab wann lässt sich von einer rezidivierenden depressiven Störung sprechen?
Die Diagnose “rezidivierende depressive Störung” liegt vor, sobald eine Person mehrere depressive Episoden durchmachte, von denen jede mindestens 2 Wochen angedauert hat. In der Regel tritt Symptomfreiheit zwischen den Episoden auf, muss aber nicht.
Unterschied:
rezidivierende depressive Störungen – depressive Episoden
Die rezidivierende Form ist eine Depression, die von mindestens 2 depressiven Episoden im Abstand von 2 Monaten gekennzeichnet ist. Die depressive Symptomatik kann in der Zwischenzeit abklingen, jedoch bleibt das Risiko bestehen, dass die Symptome erneut aufflammen.
Eine depressive Episode ist dagegen ein einzelnes, abgrenzbares Ereignis, wobei kein Risiko bestehen soll, Rückfalle zu erleiden.
Remissionen bei vielen Depressionsarten häufig
So zumindest nach psychologischer Theorie … tatsächlich weist einiges darauf hin, dass viele Menschen mit Depressionen ein erneutes Aufflammen der Krankheit erleben: in ca. 80 % der Fälle von Depressionen sind Rückfälle bekannt – auch nach Therapie (6). Vgl. Langzeitfolgen der Depression – Was von der Krankheit bleibt
Die Differenzierung zwischen rezidivierend und episodisch kann daher ein falsches Bild erwecken – und hängt von der Deutung des diagnostizierenden Arztes ab.
Unterschied: persistierende Depression – rezidivierende depressive Störung
Die persistierende Depression und die rezidivierende depressive Störung sind 2 verschiedene Formen der depressiven Erkrankungen. Chronische Depressionen halten kontinuierlich über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren an – mal schwächer, mal stärker, aber immer da.
Im Gegensatz dazu bezieht sich die rezidivierende Depression auf episodische depressive Episoden, die wiederholt auftreten und meist durch längere Phasen normaler Stimmung oder sogar Remissionen unterbrochen sind. Menschen mit rezidivierender Depression können Phasen haben, in denen sie sich gut fühlen, gefolgt von Phasen, in denen sie von intensiven, schweren depressiven Symptomen geplagt werden.
Behandlung rezidivierender Depressionen
Brauchen rezidivierende depressive Störungen eine spezielle Behandlung? Angeblich hat sich in diesen Fällen die sog. “Achtsamkeitsbasierte Verhaltenstherapie” (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) bewährt. (Das erscheint mir etwas seltsam, da diese Behandlungsform eigtl. bei allen Depressionstherapien beworben wird).
Die „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy" (CBASP) wurde eigens für anhaltende Formen der Depression entwickelt. Sie soll vor allem frühe Traumatisierungen berücksichtigen. Dazu muss gesagt werden, dass die Wirksamkeit von CBASP nicht so dingfest ist, wie man gerne glauben macht (7).
Fazit: rezidivierende depressive Störung
Viele psychologische und therapeutische Ansätze gehen bei depressiven Patienten davon aus, sie hätten nicht oder unzulänglich gelernt, wie sie ihre Hilflosigkeit überwinden könnten. Die Folge seien dann – wie häufig bei der rezidivierenden Depression behauptet – Empathieunfähigkeit, egozentrisches Weltbild, Feindseligkeit etc. (siehe Merkmalszuschreibungen oben).
Diese Annahme ist nicht objektiv, abwertend und darüber hinaus entwürdigend. Wenn die Ursachen in Traumatisierungen liegen, dann sind das keine Persönlichkeitsdefizite, sondern ernst zu nehmende, berechtigte Versuche, das verwundete Selbst vor weiteren Verletzungen zu schützen. Vgl. auch Grenzüberschreitungen in der Psychotherapie sowie Auswege bei Depressionen
Quellen:
1) Mediclin Kliniken Bad Wildungen: Rezidivierende depressive Störung: Definition und Beschreibung
2) WHO, DIMDI 1994 -20017
3) Nationale VersorgungsLeitlinien 2022
4) Robert Weiss: Rezidivierende / wiederkehrende Depression
5) MSD Manual für medizinische Fachkräfte
6) Sonnenmoser, M. (2012). Depressionen: Hohes Rückfallrisiko. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 6. S. 276
7) Kocsis JH, Gelenberg AJ, Rothbaum BO, et al.: Cognitive behavioral analysis system of psychotherapy and brief supportive psychotherapy for augmentation of antidepressant nonresponse in chronic depression: the REVAMP Trial. Arch Gen Psychiatry 2009; 66: 1178–88
8) Charité Universitätsmedizin Berlin: AG Chronische Depression und CBASP-Therapieforschung