Suizid in der Philosophie – selbstbestimmt oder fremdbestimmt?
Das Thema Suizid ist eng mit dem Begriff der Freiheit verknüpft. Erlangen Menschen durch einen selbstbestimmten Tod ihre ultimative Freiheit? Oder lässt sich Freiheit nur im Leben verwirklichen, während der Tod jede Art von Freiheit nimmt? Sind Suizidgedanken eine freie, vernünftige Art der Selbstreflexion oder nicht doch eher unfrei?
10. September: Welttag der Suizidprävention
Die hohe Suizidrate Deutschlands und anderer Länder zeigt, wie wichtig das Thema Suizid in unserer Gesellschaft ist.
Lass uns darüber sprechen.
Inhaltsverzeichnis: Suizid in der Philosophie
Suizide gibt es seit Menschengedenken
Philosophische Positionen zum Suizid
Wittgenstein: „Ich will sterben“ kann ich nicht wollen
Suizidgedanken & Psychische Krankheiten – Wann ist ein Suizid selbstbestimmt?
Freiheit von etwas & Freiheit zu etwas
Existenzialismus: Suizid ist keine Freiheit
Wann entscheide & handle ich selbstbestimmt?
Suizid aufgrund von Leiden ist kein Todeswunsch, sondern Flucht
Suizide gibt es seit Menschengedenken
Bereits in der antiken Philosophie war das Thema Suizid stark umstritten. Während der Ehrentod des Helden in der antiken Tragödie und Epik gelobt wurde, war die Selbsttötung in anderen Kreisen verpönt. Selbst innerhalb der gleichen philosophischen Strömung herrschte keine Einigkeit über Sinn und Recht von Suiziden.
Für den Philosophenkaiser Mark Aurel war Selbstmord nur in absoluten Ausnahmefällen legitim. Für Seneca war der Suizid hingegen eine Entscheidung für die Freiheit:
„Warten müsse man auf das Ende, das die Natur bestimmt hat. Wer das sagt, sieht nicht, dass er den Weg zur Freiheit verschließt.
Ich soll warten auf einer Krankheit Grausamkeit oder eines Menschen, obwohl ich in der Lage bin, mitten durch die Qualen ins Freie zu gehen und Widerwärtiges beiseite zu stoßen?“
– Seneca (Briefe an Lucilius)
Ganz anders sah das Arthur Schopenhauer, der dem Suizid nichts abgewinnen konnte: „(…) die Verneinung [des Willens zum Leben] hat ihr Wesen nicht darin, daß man die Leiden, sondern dass man die Genüsse des Lebens verabscheuet. Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden.“
– Schopenhauer (Die Welt als Wille und Vorstellung. I, 4. Buch, § 69)
Philosophische Positionen
zum Suizid
Thomas von Aquin – Suizid ist Unrecht
„Wer sich daher selbst das Leben nimmt, sündigt gegen Gott; wie der, der einen fremden Sklaven tötet, gegen den Herrn sündigt, dem der Sklave gehört; und wie der sündigt, der sich eine Entscheidung anmaßt über eine Sache, die ihm nicht übertragen ist.
Gott allein also steht die Entscheidung zu über Leben und Tod (…)“
– Thomas von Aquin
Nach Thomas von Aquin ist der Suizid ein Verbrechen:
weil er sich gegen die göttliche Entscheidung über Leben und Tod wendet,
weil er ein Unrecht gegenüber der Gemeinschaft ist, der jeder Mensch angehört,
weil er dem Selbsterhaltungstrieb widerspricht.
Immanuel Kant – Suizid ist eine Untat gegen das Mensch-sein
„Die Selbstentleibung ist ein Verbrechen (Mord). Dieses kann nun zwar auch als Übertretung seiner Pflicht gegen andere Menschen (...) betrachtet werden; - aber hier ist nur die Rede von Verletzung einer Pflicht gegen sich selbst, ob nämlich, wenn ich auch alle jene Rücksichten bei Seite setzte, der Mensch doch zur Erhaltung seines Lebens, bloß durch seine Qualität als Person verbunden sei, und hierin eine (und zwar strenge) Pflicht gegen sich selbst anerkennen müsse.“
– Immanuel Kant
Nach Kant ist der Suizid keine selbstbestimmte Wahl und demnach unfrei.
Denn Willensfreiheit bedeutet, einen Zustand von selbst anfangen. Ohne äußere Antriebe & Zwänge oder sinnliche Motivationen.
Suizide sind keine Freiheit, weil der Wunsch zu sterben nicht von selbst heraus entsteht, sondern aufgrund äußerer Gegebenheiten (Bsp. Krankheit), wie Krankheit oder ein anderes Leiden.
David Hume – Suizid ist ein menschliches Recht
„Wäre die Verfügung über menschliches Leben dem Allmächtigen derart als besondere Vorsehung vorbehalten, daß es einen Eingriff in sein Recht darstellte, wenn die Menschen über ihr eigenes Leben verfügen, dann würde es gleichermaßen verbrecherisch sein, für die Erhaltung wie für die Zerstörung des Lebens tätig zu sein.“
– David Hume
Hume sieht Selbsttötung als individuelles Recht des Einzelnen:
weil die Selbstvernichtung sonst nicht in der Möglichkeit des Menschen läge (Gott hat ihn mit dem Können dazu ausgestattet)
weil die soziale Verpflichtung nicht bindet, wenn das eigene Leben unerträglich wird
Friedrich Nietzsche – Bejahe das Leben, aber stirb zur rechten Zeit
„Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh.
Noch klingt fremd die Lehre: »stirb zur rechten Zeit!« Stirb zur rechten Zeit; also lehrt es Zarathustra.
[...] Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.“
– Friedrich Nietzsche (Also sprach Zarathustra)
Nietzsche plädierte mit seinem „Amor fati“ für das Leben. Dennoch versteht er Suizid als höchste Bestätigung der menschlichen Freiheit:
Wenn der Freitod aus freiem Willen zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.
Ein Tod unter schlechten Bedingungen ist jedoch kein freier Tod und darum eine verblendete Aktion.
Trotzdem ist der Suizid keine moralische Frage. Nietzsche spricht von der Umwertung aller Werte.
Jean Amery – “Der Freitod ist ein Privileg des Humanen”
„Mitreden darf nur, wer da eingetreten ist in die Finsternis.
Er wird nichts herausfördern, was im Lichte draußen als nützlich erscheint.
Es wird ihm das aus der Tiefe hervorgeholte im Tage zwischen den Fingern durchlaufen wie feiner Sand.“
– Jean Amery (Hand an sich legen)
Amery (eigtl. Hans Meyer) wählte selbst den Freitod, nachdem er das Suizidrecht 2 Jahre zuvor in seinem Essay „Hand an sich legen“ philosophisch begründet hatte.
In diesem Text rechtfertigte er den Selbstmord:
als Recht eines jeden Menschen
und als eine Wahl der Freiheit und der Souveränität des Individuums
Wittgenstein: „Ich will sterben“ kann ich nicht wollen
Durch die ganze Philosophiegeschichte hindurch finden sich 2 Fraktionen:
Die einen wollen darin den letzten Akt der Freiheit erkennen,
die anderen eine Illusion und Flucht vor den Aufgaben der menschlichen Existenz.
Eine interessante Auseinandersetzungen mit dem Suizid, findet sich bei Ludwig Wittgenstein.
2 seiner Brüder hatten Selbstmord begangen, als er selbst noch ein Teenager war. 1918 nahm sich schließlich ein weiterer Bruder das Leben. Der junge Wittgenstein kannte diese düstere Gedankenwelt aus eigener Erfahrung, lehnte sie jedoch vehement ab.
„Ich weiß, daß der Selbstmord immer eine Schweinerei ist. Denn seine eigene Vernichtung kann man gar nicht wollen und jeder, der sich einmal den Vorgang beim Selbstmord vorgestellt hat, weiß, daß der Selbstmord immer eine Überrumpelung seiner selbst ist. Nichts aber ist ärger als sich selbst überrumpeln zu müssen.“
– Wittgenstein (Briefe, Frankfurt/M. 1980, S. 113)
Warum lässt sich eine Vernichtung des Selbst nicht wollen?
Wittgenstein denkt sich das Wollen als eine Entscheidung zwischen Alternativen. Wenn ich mich entscheiden will, muss ich wissen, welches die bessere Alternative von zwei Wegen ist. Doch ein Selbstmord ist kein Weg, sondern eine Ausflucht.
Ein Vergleich, zwischen einer Welt mit mir und einer Welt ohne mich, lässt sich nicht vorstellen. Denn dazu müsste mir eine Welt mit mir als Betrachter (inklusive meiner Sicht) und einer andersartigen Welt (ohne meine Perspektive) gedanklich fassbar sein. Doch genau diese Unvergleichbarkeit zeigt, dass ein Wille zur Selbsttötung gar nicht gebildet werden kann.
Suizidgedanken & Psychische Krankheiten
Wann ist ein Suizid selbstbestimmt?
Wittgensteins Aussagen sind aufschlussreich, insbesondere wenn man sich die Suizidraten in Deutschland und ihren Kontext genauer ansieht.
In Statistiken zeigt sich, dass 90 % der Suizide mit psychischen Krankheiten in Verbindung stehen.
Anders gesagt: Kaum ein Mensch will sich das Leben nehmen, so schwer es auch ist – außer er oder sie ist zusätzlich psychisch erkrankt. Wenn Wittgenstein also Recht hat, dann ist der Suizid von psychisch kranken Menschen keine willentliche Handlung. Genauso wenig wie Selbstmordgedanken eine freie Reflexion sind.
Wäre Suizid nämlich eine logische und vernünftige Option, dann würden sich weit mehr Menschen, die als psychisch gesund gelten, in existenziellen Krisen das Leben nehmen.
Und wäre Selbstmord eine Art freiheitliche Selbstermächtigung gegen die Sinnlosigkeit des Daseins oder das Leiden, müssten sich ebenso mehr gesunde Menschen dafür entscheiden.
Doch genau das Gegenteil scheint belegt: Suizide fußen in den allermeisten Fällen auf psychischen Krankheiten.
Freiheit von etwas & Freiheit zu etwas
Frei und Freiheit sind in diesem Zusammenhang allerdings vieldeutige Begriffe.
Für die antiken Sophisten war derjenige frei, der Handeln nicht willkürlich bestimmt, also auch nicht von den menschlichen Gesetzen her, sondern wenn Wille und Handlung durch die Natur bestimmt sind.
Hingegen begriff Sokrates die Freiheit als etwas rein Menschliches, das vom Menschen ausgehen müsse: Vernünftig und damit wirklich frei seien Entscheidungen und Handlungen nur, wenn sie auf das logisch Beste abzielen. Es geht nicht um irgend ein Gutes, sondern das Gute an sich. Kurz: Selbsttötung ist falsch.
Ähnlich sahen das Descartes und Spinoza. Ich bin nur dann frei in meinem Willen, wenn ich imstande bin, meinen Willen selbst, ohne Einfluss von außen, zu bestimmen. Also wenn ich selbst entscheide, welche Glaubenssätze, Motive und Weltsicht wirksam werden dürfen und welche nicht.
Das erfordert Kompetenz und Souveränität, beides eine Art von Selbstverhältnis, dass in einer psychischen bzw. seelischen Krankheit zutiefst gestört ist.
Die Willens- und Handlungsfreiheit erschöpft sich allerdings nicht darin, nur auf mich selbst und meine eigenen Wünsche zu achten. Vielmehr steht die Freiheit des Einzelnen in einem Bezug zur gemeinschaftlichen Ordnung, dem gesellschaftlichen Zusammenleben (Hegel).
Willkür als rein egozentrierte Freiheit ist keine Freiheit, sondern eine rücksichtslose Illusion von Grenzenlosigkeit.
Existentialismus: Suizid ist keine Freiheit
Existentialisten, wie Albert Camus, lehnten eine Selbsttötung strikt ab.
Sein berühmtes Werk „Der Mythos des Sisyphos“ beginnt mit dem bedeutungsschweren Satz:
„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord (…) Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später.“
Suizid mag dem Menschen angesichts der Absurdität des Lebens als einziger Ausweg erscheinen, ist aber ein Trugschluss. Eine Illusion, die gerade das Absurde bestätigt.
Vielmehr kommt es laut Camus darauf an, die Absurdität anzuerkennen, die eigenen Lebensaufgaben zu erfüllen und das Leben selbstbestimmt zu führen – trotz aller Widrigkeiten.
Ähnlich argumentiert Sartre in »Das Sein und das Nichts«:
„Der Selbstmord kann nicht als ein Lebensende angesehen werden, dessen eigene Grundlage ich wäre.
Da er Akt meines Lebens ist, verlangt er nämlich selbst nach einer Bedeutung, die nur die Zukunft ihm geben kann; da er aber der letzte meines Lebens ist, verweigert er sich der Zukunft; demnach bleibt er völlig unbestimmt. ... Der Selbstmord ist eine Absurdheit, die mein Leben im Absurden untergehen läßt.“
Nur wer das Nichts in den eigenen Daseinsentwurf aufnimmt, es akzeptiert, kann selbstbestimmt leben. Das Bewusstsein von der Vergänglichkeit stiftet so Sinn. Doch die eigene Selbsttötung vernichtet Sinn.
Wann entscheide & handle ich selbstbestimmt?
Allerdings ist die Definition einer vernünftigen Selbstbestimmung, die sich in logischen Gründen erschöpft, problematisch. Denn es gibt keine rein rationalen Entscheidungen, vielmehr beeinflussen Emotionen immer und ohne Ausnahme meine Wahrnehmung, Willensbildung und Handlungen.
In diesem Sinne sind Gefühle ein Teil der Urteilskraft und nicht davon zu lösen. Und warum sollten gefühlte Gründe weniger Geltung besitzen als rationale Gründe? (einmal abgesehen davon, dass es keine Rationalität ohne Gefühle gibt)
Vernunft muss also nicht der ausschlaggebende Faktor in Sachen Willensfreiheit sein.
Kann man leidenden oder kranken Menschen ihr Recht auf Entscheidungsfreiheit absprechen?
Wenn jede Person entscheiden darf, wie sie ihr Leben führen will, dann darf sie auch entscheiden, wann und wie sie sterben will.
Allerdings ist zu unterscheiden zwischen einem Recht auf Suizid und dem Vermögen einer freien Willensbildung zum Suizid.
Und genau hier liegt ja der Knackpunkt in vielen Diskussionen.
Suizid aufgrund von Leiden ist kein Todeswunsch, sondern Problemlösungsversuch
Vielen Suizidenten geht es weniger um Freiheit als um Gesehen-werden, Würde oder Selbstbestrafung.
Das zeigt sich unter anderem daran, dass gerade Menschen, die über ihren Suizid-Wunsch sprechen, in den allermeisten Fällen gerettet werden können.
Der Großteil will nicht wirklich Sterben, sondern so nicht mehr leben.
Das ist ein riesengroßer Unterschied! In diesem Sinne irren sich also Menschen, die sterben wollen, weil es ihnen eigentlich um eine Veränderung im Leben geht, nicht um den Tod.
Und an dieser Stelle sind wir wieder bei Wittgensteins Überrumpelungs-Theorie.
Fazit: Suizid in der Philosophie
Ich kann niemandem das Recht auf Selbsttötung absprechen. Aus diesem individuellen Recht bzw Freiheit kann jedoch kein normativer Schluss gezogen werden.
Was ich allerdings sehr wohl anzweifeln kann und sollte, ist der Wille zum Freitod – insofern es sich dabei in den allermeisten Fällen nicht um eine freie Entscheidung handelt, sondern um einen Entschluss, der sich fast ausschließlich aus einem Leiden speist. Also nicht aus sich selbst heraus entsteht.
Außerdem liegt ein Kategorie-Fehler vor: Suizidenten lehnen sich rational und emotional gegen eine bestimmte Lebensweise auf, nicht gegen das Leben.
Sie haben nicht den Wunsch zu sterben, sondern wollen in dem Zustand, in dem sie sich befinden, nicht mehr sein.
Quellen:
1) Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Suizidalität – Zahlen, Fakten, Warnsignale
2) Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos, S. 11
3) Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts
4) Ralf Stoecker: Sterben und Selbstbestimmung. Ein wirklich ernstes philosophisches Problem. In: Humanistische Union, Vorgänge Nr.175, (Heft 2/2006), S. 4-23
5) Metzler Lexikon der Philosophie
6) Metzler Lexikon der Philosophen
7) Lisa Katharin Schmalzried: Was ist vorzuziehen: ein Leben in Leiden oder Selbstmord?
8) Raimund Klesse, Der Todeswunsch aus psychiatrischer Sicht, Imago Hominis 1/2003, S. 37-44