Typus Melancholicus – Die depressive Persönlichkeit
Der typus melancholicus von Tellenbach zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Depressionsmodellen der humanistischen Psychotherapie. Aber gibt es die depressive Persönlichkeit überhaupt?
Der prämorbide Mensch
Laut Hubertus Tellenbach, einem Schüler von Heidegger, zeichnen sich Patienten mit Major Depression durch ein prämorbides, depressives Muster außerhalb des pathogenen Rahmens aus, das anfälliger für Depressionen machen soll. Dazu zählen eine starre Ausrichtung auf Ordnung, hohe Leistungsansprüche und das Für-andere-sein.
Tellenbachs Konzept des Typus Melancholicus
Der typus melancholicus umfasst bestimmte Merkmale der Persönlichkeit, die als prä-disponierende Faktoren gelten, welche die Entstehung von Depressionen begünstigen. In diesem Zusammenhang wird betont, dass diese Charakterzüge nicht krankhaft sind, obwohl sie in die Nähe des Zwanghaften gerückt werden.
Melancholiker, also Menschen mit der Persönlichkeitsstruktur des typus melancholicus, sind sozial sehr gut angepasst. Doch kommt es zu einem Versäumnis oder Rückstand von Verpflichtungen und Aufgaben, zu einer ungerechten Herabsetzung oder zum Verlust naher Menschen (Tod, Trennung), gerät die Welt der Betroffenen fundamental ins Wanken (1). In der Folge erleiden sie eine Depression – jedenfalls nach dieser Theorie.
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Was ist eine prämorbide Persönlichkeit?
Der Begriff (auch Primärpersönlichkeit) bezeichnet ein Muster von Charakterzügen, das Entstehung und Verlauf von psychischen Störungen oder Krankheiten prägt, aber nicht selbst pathogen ist, sondern in den Randbereich des Normalen fällt.
Die phänomenologische Methode
Hubertus Tellenbach war eine Schlüsselfigur in der ersten Generation von Psychiatern, die sich der phänomenologischen Methode bedienten (vgl. Phänomenologie), um die melancholische Depression zu verstehen. Er unterschied grundsätzlich zwischen Symptomen und psychopathologischen Manifestationen, die seiner Meinung nach keine Symptome, sondern wesentliche Merkmale seien.
Eines der Hauptziele von Tellenbachs Arbeit war die Überwindung des dualistischen Paradigmas von Geist und Körper, das es unmöglich macht, die Komplexität psychopathologischer Phänomene zu erfassen.
Er führte den Begriff der Endogenität gerade zu dem Zweck ein, das subjektive Leben in seiner Gesamtheit zu erforschen, auch unter Berücksichtigung von Bedingungen, die eine Veränderung der grundlegenden Erfahrungsstrukturen mit sich bringen. (vgl. auch endogene Depression)
Eigenschaften des Typus Melancholicus
rigide Ordentlichkeit und Pflichterfüllung
überbetonte Gewissenhaftigkeit
Überanpassung an soziale Normen
Hohe Zuverlässigkeit und Korrektheit
treues Festhalten an Bindungen
peinliche Vermeidung jeglicher Normverletzung oder Schuld
Schlichtheit und Sauberkeit im äußeren Erscheinungsbild
Tellenbach schreibt in seiner Monografie 1961 über sein Konzept als „die durch eine gewisse Struktur konstituierte, empirisch vorfindliche Wesensart, welche ihrer Möglichkeit nach zum Schwerefeld der Melancholie inkliniert“. (7, S. 52)
Zu betonen ist hierbei, dass Tellenbach psychoanalytisch ansetzt, wenn er wiederholt auf zwanghafte Züge hinweist. Insgesamt zeichnet sich diese Persönlichkeitsvariante unabhängig von der Depression mit Eigenschaften aus, wie: introvertiert, passiv, gering durchsetzungsfähig (nicht aggressiv), gewissenhaft, pflichtbewusst, selbstdizipliniert.
„Das Arbeitsleben ist durchweg bestimmt von Fleiß und Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und Solidität. Ordnung durchwirkt auch die mitmenschlichen Bezüge, vor allem in dem zuweilen ängstlichen Bedachtsein, die Atmosphäre freizuhalten von Störungen, Reibungen, Konflikten, insbesondere von Schuldhaftem in jeglicher Form“ (7, S. 52).
Beispiel: Glaubenssätze des depressiven Charakters
Die Welt ist gerecht. Wenn ich mich genügend anstrenge, werde ich dafür belohnt (depressive Abwehr)
Ich darf keine Schuld auf mich laden, dann kann mir auch nichts Schlimmes passieren (depressive Abwehr)
Wenn ich mich unterordne, kann ich mich auf Schutz und Führung des anderen verlassen (dependente Abwehr)
Alles perfekt zu machen, bedeutet, ich habe das Leben unter Kontrolle und kann von nichts Schlechtem überrascht werden (perfektionistische Abwehr)
Die Ordentlichkeit im Arbeitsleben
Pflichtbewusstsein, Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Solidarität
Der Melancholiker will viel leisten – und das Viele regelmäßig.
„Festgelegtsein-in“ und „Festgehaltenwerden-von“ einer Ordnung und „Nicht-abschalten-können“
Trotzdem: Wertlosigkeitsgefühl
Die Ordentlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen
Vermeiden von Konflikten
Loyalität, Hilfsbereitschaft, Dienstwilligkeit
„Sein-für-andere“, „Leisten-für-andere“
Angst vor dem Alleinsein
Die Gewissenhaftigkeit
überdurchschnittliche Empfindlichkeit des Gewissens
Angst, in Schuld zu geraten
äußere Struktur, die Sicherheit verspricht
Häufigkeit des Typus Melancholicus
Tellenbachs Hypothese wurde in unterschiedlichen Studien immer wieder getestet: Bei vielen Patienten mit depressiver Störung konnte eine prämorbide Persönlichkeit nachgewiesen werden: meist schwanken die Werte zwischen 30 bis 70 % (vgl. Quellen 2 und 3).
Dabei wurden Gewissenhaftigkeit oder ähnliche Konzepte wie Rigidität, Ordentlichkeit und Zwanghaftigkeit zwischen Depressiven und “Gesunden” verglichen (6). Bei den meisten Studien wurde bei ca. der Hälfte der Depressionspatienten eine Typus-melancholicus-Struktur gefunden.
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Tellenbach widmete sich der eingehenden Untersuchung von 119 melancholischen Probanden, die in der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg behandelt wurden.
Auf der Grundlage dieser Studie entwickelte er seine Definition des Typus Melancholicus (TM), die mit den statistischen Diagnosehandbüchern seiner Zeit nicht vereinbar war.
Direkt beeinflusst von Martin Heidegger, der während seiner Studienzeit in Freiburg sein Lehrer war, argumentierte Tellenbach, dass die TM eine Persönlichkeitsstruktur mit zwei grundlegenden Merkmalen ist:
eine Konstellation stabiler Merkmale, die einen verwundbaren Kern bilden, um den sich die Krankheit organisiert.
Depressionsgenese beim Typus Melancholicus
Melancholiker*innen sind keine seltsamen Menschen, die durch neurotisches Verhalten auffallen.
Im Gegenteil, für Tellenbach sind Betroffene oft Familienmenschen oder treue Freunde, die völlig unauffällig sind. Sie sind immer fürsorglich, aber anhänglich und können schlecht alleine sein.
Ein gravierendes Problem des Melancholikers findet sich in seiner Haltung zur Arbeit bzw. Leistung: er kann nicht abschalten und ständig das Gefühl, nicht genug zu tun. Laut Tellenbach geraten Betroffene durch die penible Genauigkeit im Arbeitsleben und die überhöhten Selbstansprüche in einen „bedrohlichen perizinösen Zirkel“ (S. 57).
Pathologische Normalität
Es kommen aber noch weitere, bedenkliche Eigenschaften hinzu. So soll auch eine Hypernomie typisch für Melancholiker sein: die übertriebene Anpassung und präzise Einhaltung von sozialen Normen. Dazu gesellt sich die sogenannte Heteronomie: eine besondere Sensibilität, Empfänglichkeit gegenüber normativen Einflüssen.
Nach dem erweiterten Konzept von Kraus (1988, 1991) sticht der depressive Charakter außerdem durch Ambiguitätsintoleranz hervor – die Unfähigkeit, gegensätzliche Eigenschaften einer Person, einer Situation oder eines Objektes zu ertragen. Dazu zählt auch, keine widersprüchlichen Gefühle aushalten zu können oder bei Ungewissheit & Unsicherheit zu leiden.
Auch die Gewissenhaftigkeit des typus melancholicus ist wichtig für das Verständnis. Das Gewissen ist streng, Betroffene wollen sich um keinen Preis etwas zuschulden kommen lassen. Im Ganzen zählen Melancholiker zu einem „zu normalen Typus“ (Tellenbach), sie sind pathologisch normal.
Inkludenz und Remanenz
Soziale Integration ist auch das Stichwort, wenn Betroffene in die Depression fallen. Tellenbach unterscheidet dabei, wie sich entsprechende Charaktere in die Gemeinschaft einordnen. Das soll zwar eine Vorbedingung für Depressionen sein, aber keine hinreichende Ursache.
Das Sich-Einordnen und Sich-Einschließen innerhalb der Normen sozialer Grenzen nennt er Inkludenz. Damit ist eine Überidentifizierung angesprochen: soziale Rolle und soziale Werte sind ausschlaggebend. Melancholiker fügen sich in die soziale Ordnung ein und halten starr daran fest, sie können nicht abweichen.
Mindestens ebenso wichtig ist das Darin-Zurückbleiben (in der Leistung) – die zeitliche und soziale Remanenz. Sie bezeichnet das Gefühl, nicht mehr die eigenen Pflichten, Aufgaben und Anforderungen erfüllen zu können.
Tellenbach beschreibt dies als Schuldverhältnis im Dasein: die extremen Schuldgefühle der Melancholiker gehen auf die Ordnungsliebe im Sein-für-andere zurück.
Die Schuldspirale
Aufgrund überhöhter Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit besteht ein Konflikt (sogen. kontradiktorische Tendenzen) zwischen So-viel-wie-möglich (Quantität) und So-gut-wie-möglich (Qualität), der in einer Schuldspirale mündet.
Tellenbach charakterisiert das sogar als eine Art von “Selbstwidersprochenheit, welche die Erstreckung des Daseins verlangsamen und in die Nähe der Stagnation bringen kann.” (S. 136)
Das Schulden wird in der Depression zur wesenhaften Schuld, die viele depressive Patienten permanent quält.
Kritik am Typus-Melancholicus-Konzept
Was in der Literatur oft wie ein bewiesenes Konzept klingt, ist eigentlich gar nicht zweifelsfrei bewiesen. Die Ergebnisse der Meta-Studien sind widersprüchlich. Mal abgesehen davon, dass auch das Konzept hinkt.
Es wird zwar oft betont, dass ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Tellenbachs Theorie und unipolaren Depressionen bestehen soll, das bleibt aber eine reine Hypothese: “es kann allerdings nur die Hypothese von einer störungstypischen, nicht jedoch störungsspezifischen Persönlichkeitsstruktur im Sinne des Typus melancholicus bei Patienten mit Major Depression gestützt werden” (6).
Das liegt unter anderem an der Natur der Sache.
Persönlichkeitsmodelle sind spekulativ und selbst von gesellschaftlichen Normen und Strömungen beeinflusst.
Protektiver Faktor oder prämorbider Faktor?
Interessant ist auch, dass einige Untersuchungen in der Typus-melancholicus-Persönlichkeitsstruktur einen protektiven Faktor im langfristigen Verlauf der Krankheitsbewältigung erkennen, während gleichzeitig die Gefahr eines Rückfalls kurz nach stationärer Behandlung erhöht ist (3).
Im Klartext: Patienten mit prämorbider Persönlichkeit kamen nach Klinikaufenthalt auf lange Sicht besser klar und konnten sich erfolgreicher vor Rückschlägen schützen. Inwiefern sich dann das Etikett “prämorbid” eignet, ist fraglich.
Kategorienfehler
Noch ein Gegenargument dürfte das Konzept vom typus melancholicus widerlegen. Denn die Existenz dieser Persönlichkeitsstruktur könnte genauso sozial konstruiert sein: Die Merkmale, die Tellenbach in den Blick nimmt, sind nämlich allesamt auf das soziale Selbst ausgerichtet. Hypernomie und Heteronomie, Gewissenhaftigkeit und Soziale Integration, Inkludenz und Remanenz.
Damit kann dann aber von einer Persönlichkeitsstruktur keine Rede sein, da diese weit mehr als die soziale Identität umfasst. Es wäre definitiv ein Fehler, die soziale Komponente auszublenden. Doch hier wird das Individuum darauf reduziert - und das ist ebenso einseitig-defizitär, wie eine biologische Definition des Mensch-seins.
Fazit: Typus Melancholicus (depressive Persönlichkeit)
Heutzutage ist in Anlehnung an Tellenbachs typus melancholicus oft vom unternehmerischen Selbst die Rede oder vom narzisstischen Typus.
Gerade was die heutigen Anforderungen des Arbeitsmarktes und die sozialen Normen betrifft, zeigt sich eine Tendenz zur narzisstischen und ausbeuterischen Selbstoptimierung mit einem einseitigen Fokus auf das Erscheinungsbild, Eigeninitiative, Erfolg bzw. “Selbstverwirklichung” sowie Leistungsfähigkeit.
Einige Experten erklären die Zunahme dieser Haltung durch verschiedene Ursachen gesellschaftlicher und zeitlicher Natur (8): Werteverfall, Individualisierung, Selbstbezogenheit, Beschleunigung (vgl. Hartmut Rosa).
Selbstverständlich sind das auch Hypothesen, die eine Kausalität voraussetzen, die nicht bewiesen ist.
Quellen:
1) Thomas Fuchs: Warum gibt es psychische Krankheit? Grundlagen der psychiatrischen Anthropologie. In: Paragrana 29 (2020) 2, De Gruyter Verlag
2) E. Oudart et al: The Relationship between Typus Melancholicus and Unipolar Depression: A Literature Review. In: Psychiatr Danub. 2020 Sep;32(Suppl 1):188-193
3) K.-T. Kronmüller et al: Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren und -struktur auf den Verlauf der Major-Depression. In: Nervenarzt, 2002 – 73:255-261
4) MSD Manual: Depressive Störungen. Ausgabe für medizinische Fachkreise
5) H. Ebel und K. Beichert: Depressive Störungen bei Patienten der Allgemeinmedizin: Früherkennung und therapeutische Ansätze. In: Dtsch Arztebl 2002; 99(3): A-124 / B-102 / C-99
6) Ingo Eitel: Psychovulnerabilität und Psychoprotektion bei Patienten einer psychotherapeutischen Ambulanz: Vergleich von depressiven und nicht-depressiven Patienten mit einer nicht-klinischen Kontrollgruppe (Inaugural-Dissertation 2006)
7) H. Tellenbach: Melancholie. Springer 1976
8) S. Micali: Depression in der unternehmerischen Gesellschaft. In: Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Suhrkamp 2018
9) F. Brencio und V. Bizzari: Melancholic depression. A hermeneutic phenomenological account. In: Rivista Internazionale di Filosofia e Psicologia”, 13, 2, pp. 94-107, DOI: 10.4453/rifp.2022.0010