Vulnerabilitäts-Stress-Modell – Erklärung & Kritik / Mängel

Mit dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell (auch Diathese-Stress-Modell) wird die individuelle Anfälligkeit für psychische Erkrankungen erklärt. Der Ansatz ist äußerst beliebt. Allerdings hat das Diathese-Stress-Modell einige theoretische Mängel aufzuweisen, die kaum bekannt sind.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell bzw. Diathese-Stress-Modell

Das Diathese-Stress-Modell

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist eines der bekanntesten Konzepte in der klinischen Psychologie, das erklären soll, wie psychische Erkrankungen entstehen können.


Inhaltsverzeichnis: Vulnerabilitäts-Stress-Modell

  • Konzept des Individuums

  • Konzept der Krankheit

  • Vereinfachung auf Ursache und Wirkung

  • Nivellierung von Erfahrungsqualitäten

  • Marginalisierung sozialer Faktoren


Das vulnerable Individuum

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist sehr bekannt und verbreitet, um die Entstehung seelischer Krankheiten verständlich zu machen. Wie unschwer zu erkennen ist, spielen hier 2 Voraussetzungen eine Rolle: Stress und “Verletzlichkeit”.

Mit der Vulnerabilität eines Menschen ist die Anfälligkeit für psychische Krankheit gemeint. Es geht um eine Tendenz zur schnelleren Verletzbarkeit aufgrund genetischer Dispositionen, biografischer oder sozialer Einflüsse und ungünstiger Charaktereigenschaften.

Kommt es zu einer Belastungssituation (Stress, Krise), dann erkranken vulnerable Menschen psychisch. Soweit die einfache Erklärung.

 

Der entscheidende Punkt bei diesem Ansatz sind nicht die biologischen, genetischen, biografischen Faktoren und Stress. Sie sind keine hinreichenden Bedingungen für die Krankheitsentstehung. Vielmehr ist die individuelle Vulnerabilität der ausschlaggebende Faktor in dieser Deutung.

Synonym: Diathese-Stress-Modell

Der Begriff "Diathese" stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Anlage" oder "Veranlagung". Er bezieht sich auf genetische, biochemische oder psychosoziale Faktoren, die eine Person anfälliger für psychische Erkrankungen machen könnten. Diese Anfälligkeit sollte nicht deterministisch verstanden werden; sie beschreibt lediglich eine Tendenz, die unter bestimmten Bedingungen sichtbar werden kann.

 

Definition: Vulnerabilität + Stress

Definition Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell hieß ursprünglich “nur” Vulnerabilitätsmodell und wurde von Zubin & Spring (1977) zur Erläuterung der Schizophrenie eingeführt.

Von da an machte es Karriere: aufgrund seiner Allgemeinheit wird dieses Ursache-Wirkungs-Prinzip auch auf andere psychische Krankheiten oder psychische Problematiken übertragen.

  • (1) Vulnerabilität = negative individuelle, biologische, genetische, biografische, soziale und persönliche Dispositionen 

  • (2) Stress = kritische Belastungen vielfältiger Art

  • (3) psych. Aspekte (z. B. Resilienz, Coping, soziales Netz) & entwicklungsbezogene Faktoren (z. B. Bindung, Emotionsregulation) modifizieren die Krankheit und ihre Symptome

Das Fass-Beispiel 

Vulnerabilitäts-Stress-Modell einfach erklärt

Um den Ansatz und die Verbindung zwischen Verletzbarkeit und Stress zu verdeutlichen, wird oft das Fass-Beispiel gewählt. Damit vulnerable Personen besser zurechtkommen, sollen sie sich nach der Empfehlung vieler “Experten” mit Selbsthilfe und Psychotherapie einen “Überlaufschutz” aneignen. 

 

Fass 1 

  • kaum Risikofaktoren 

  • geringe Vulnerabilität

Ergebnis:

kommt Stress hinzu, besitzt das Fass immer noch genug Platz

Fass 2

  • ein paar Risikofaktoren

  • Vulnerabilität erhöht 

Ergebnis:

Weniger Platz, aber Stresspegel liegt noch unterhalb des Randes

Fass 3

  • viele Risikofaktoren 

  • Vulnerabilität stark erhöht

Ergebnis:

Fass im Normalzustand schon fast voll. Stress bringt es zum Überlaufen.

Zentrale Elemente – Wie entsteht Vulnerabilität?

Vulnerabilität wird angeboren oder erlernt, heißt es in der Psychologie. Das Ausmaß der Verletzlichkeit wird dann wiederum durch Schutzfaktoren abgemildert oder durch Risikofaktoren verstärkt. 

 

Kindbezogene Risikofaktoren:

  • Frühgeburt, Geburtskomplikationen

  • genetische Faktoren

  • chronische Erkrankungen

  • schwierige Persönlichkeitsmerkmale

  • unsichere Bindung

  • schwache Kognition 

  • fehlende Emotionsregulation

  • neuropsychologische Schäden

Umweltbezogene Risikofaktoren:

  • dysfunktionale Erziehung

  • Aufwachsen bei Alleinerziehenden

  • niedriger sozioökonomischer Status

  • psychisch kranke Eltern

  • geringes Bildungsniveau der Bezugspersonen

  • häufige Umzüge oder häufiger Schulwechsel

  • traumatische Erfahrungen

Schutzfaktoren sollen den Grad der Vulnerabilität positiv beeinflussen und stehen in Wechselwirkung miteinander.

Schutzfaktoren
Kind:

  • Kognitive Fähigkeiten

  • Positives Temperament

  • Positive Selbstwahrnehmung

  • Selbstwirksamkeits-erwartung

  • Soziale Kompetenzen

  • Aktive Bewältigungs-strategien

  • Kreativität & Fantasie

Schutzfaktoren Familien:

  • Emotional warmes und klar strukturiertes Erziehungsverhalten

  • Stabile Bindung zu mindestens einer Bezugsperson

  • Positive Beziehung zu vorhandenen Geschwistern

  • Positive Merkmale der Eltern

Schutzfaktoren Umwelt:

  • Soziale Unterstützung

  • Qualität der Bildungsinstitutionen

  • Soziale Modelle

Wissenschaftstheorie:

Kritik am Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Aus den Reihen der Psychologie wird die Einseitigkeit des Vulnerabilitäts-Stress-Modells kritisiert: Es ist sehr pejorativ geprägt.

Gerade die positive Psychologie oder die Resilienzforschung pochen daher auf die positiven Aspekte von vulnerablen Personen, die nicht nur negativ ausgelegt werden können (vgl. Quellen 3 und 4).

 

Konzept des Individuums

Der Einzelne ist Subjekt, dessen psychische “Qualität” die Schlüsselrolle in der Krankheitsentstehung spielt. Das Subjekt strebt danach, Störungen zu überwinden und agiert daher aus Gründen.

So weit, so gut. Die Menge an Reizen und Einflüssen (Stressoren) sind also nicht relevant – aber: Warum erfahren sie dann im Modell eine quantitative Darstellung? Und inwiefern lässt sich die psychische Qualität eines Menschen bemessen? (vgl. 6)

 

Konzept der Krankheit

Auch das Vulnerabilitätskonzept versteht Krankheit als ein Sein, das sich eindeutig von Gesundheit unterscheiden lässt. Dabei wird apriorisch eine “Erkrankungsschwelle” gesetzt.

Es kommt aber noch dicker: Subjektivität wird grob in Vulnerabilität, Stressoren und Coping aufgespalten, die sich gegeneinander (quantitativ) aufrechnen lassen sollen.

 

Vereinfachung auf Ursache und Wirkung

Wenn wir uns das Vulnerabilitäts-Stress-Modell genauer ansehen, dann wird letztlich ein naiver Ursache-Wirkungs-Zusammenhang von Reiz (Stress), Individuum (Vulnerabilität) und Reaktion (psychische Krankheit) konstruiert, in dem das sinnvolle und begründete Handeln Betroffener überhaupt keinen Platz findet. 

 

Nivellierung von Erfahrungsqualitäten

Unter das Konzept “Stressor” fällt jede Art von Belastung. Dabei wird allerdings übersehen, dass Erfahrungen sich nicht einfach miteinander gleichsetzen lassen. Erfahrungen unterscheiden sich in ihrer Bedeutung und ihren Wirkungen für das jeweilige Subjekt in einer bestimmten Situation.

Erlebnisse, egal ob positiver oder negativer Art, rein quantitativ zu definieren, bedeutet ein wesentliches Merkmal von menschlichen Erfahrungen zu übergehen: nämlich die individuelle Erlebnisqualität.

 

Marginalisierung sozialer Faktoren

Der Fokus liegt auf der mangelhaften Bewältigungsfähigkeit des Einzelnen. Und die soll dann mit therapeutischer Hilfe verbessert werden.

Aber was ist mit den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Einflussfaktoren bzw. Einschränkungen, die zur Erkrankung führten, beitragen, sie aufrechterhalten etc? Sie werden vereinfacht in den Topf der Stressoren geworfen.

Und schon gar nicht in Frage gestellt, sondern auf die individuelle Ebene verschoben

Im Klartext: Gesellschaftliche Missstände und soziale Faktoren werden nicht berücksichtigt. Es geht nur darum, dass sich das Individuum wieder in die Gegebenheiten einfügt, ohne das Gefühl zu haben, zu leiden.

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Fazit: Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Wer denkt, Komplexität ließe sich derart reduzieren, der findet im Vulnerabilitäts-Stress-Modell eine mögliche Erklärung für die unterschiedliche Auswirkung von Belastungen auf den Menschen.

Aus philosophischer Perspektive ist das ganze Konzept sowie seine Weiterentwicklungen zu reduktionistisch und blendet die subjektive Seite aus. Insbesondere die Qualität von Erfahrungen wird hier überhaupt nicht berücksichtigt.

Den Menschen, sein Fühlen, Denken und Verhalten allein über einfache Ursache-Wirkungs-Mechanismen zu erklären, wird niemandem gerecht. Und lässt viele Fragen offen.

Noch viel schlimmer: Werden kritische Lebensumstände ausgeblendet, kann jede Therapie von psychischen Problemen nur eine kurzfristige Lösung darstellen, die keinen echten Mehrwert für Patienten bietet.

 

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Quellen:

1) Hans-Ulrich Wittchen: Klinische Psychologie & Psychotherapie. Springer, 2011 (PDF online)
2) Dorsch Lexikon der Psychologie, Hofgrefe online
3) M. Pluess und J. Belsky: Vantage sensitivity: Individual differences in response to positive experiences. In: Psychological Bulletin, Vol 139(4), Jul 2013, 901-916
4) B. de Villiers, F. Lionetti und M. Pluess: Vantage sensitivity: a framework for individual differences in response to psychological intervention. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol 53, 545–554 (2018), https://doi.org/10.1007/s00127-017-1471-0
5) G. Ernst, A. Franke und P. Franzkowiak: Stress und Stressbewältigung. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, doi:10.17623/BZGA:Q4-i118-2.0
6) Simon Groten: Abstrakt isoliert ist nicht kapiert – zur Kritik am Konzept der ›psychischen Krankheit‹. In: Forum kritische Psychologie Spezial, 2018

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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