Aggression
Ein Gefühl, vor dem Fachleute Angst haben?
Umgehen mit der Aggression in der Psychotherapie
Der Aggressionsraum
Mal so richtig die Wut rauslassen!?
Vor einiger Zeit sah ich einen TV-Bericht, in dem von einem Aggressionsraum die Rede war. Hier können Menschen ihre Wut loswerden, indem sie auf Gegenstände einschlagen und sich dabei bis zur Entspannung und Erschöpfung verausgaben.
Die Betreiber erklärten, dass Frauen sich eher an Geschirr auslassen und Männer lieber auf Wasch- und Spülmaschinen eindreschen. Dabei dürfen sie mit bloßen Händen oder Knüppeln alle Gegenstände, ohne Rücksicht nehmen zu müssen, kaputt machen.
(Bild: Canva/ MM)
Mein Interesse war geweckt, zumal sowohl Betreiber wie auch Nutzerinnen äußerst positive Erfahrungen vermeldeten.
Aggression in der Psychotherapie
Aggressionen, Gewalt, Wut, das sind heftige Gefühle, die in Psychotherapie und Psychiatrie häufig vorkommen. Viele, wenn nicht alle Patienten haben Verletzungen, Kränkungen, Ungerechtigkeiten oder gar Traumata erlebt und sind voller solcher Gefühle, auch wenn sie diese oft gegen sich selbst wenden.
Dazu mehr unter dem Stichwort Retroflexion. Auch bei der Entstehung von Depressionen spielen Retroflexionen eine große Rolle.
Aber wie gehen Fachleute damit um?
Aggression, Wut & Co
Ich unterscheide in diesem Kontext nicht zwischen Wut, Aggression, Destruktivität, Gewalt, Zorn, Hass etc., sondern erlaube mir hier, alle diese starken Emotionen undifferenziert zu betrachten. Für eine wissenschaftliche Untersuchung wäre es sicherlich vonnöten, eine klare begriffliche Abgrenzung zwischen diesen Termini zu leisten.
(Bild: Canva/ MM)
Umgehen der Aggression in der Psychotherapie
(Man beachte den kleinen, aber bedeutsamen Unterschied zu der obigen Kapitel-Überschrift!)
Aggressionen? Ja, aber …
Mir fielen als erstes die vielen fachlichen Gegenargumente ein, die das Evozieren von und Arbeiten mit heftigen negativen Gefühlen in der Therapie als falsch oder riskant herausstreichen.
Diese sind nach meiner Erfahrung vorrangig aus dem Bereich der Richtlinien-Psychotherapie zu vernehmen. Ganz anders dürfte es hingegen aussehen, wenn man Therapeutinnen nicht zugelassener Verfahren, zB Psychodrama, Körper- oder Gestalt-Therapie, befragte. Manche als Heilpraktiker bestallte Therapeuten würden wohl auch eine differenziertere Meinung zu diesem Thema äußern.
In Supervisionen, Fortbildungen und Literatur fiel mir oft auf, dass Aggressionen zwar „erlaubt“ zu sein scheinen – solange man darüber nur redet und sie nicht lebt und zum Ausdruck bringt. Sobald sie sich aber zu realisieren drohen, werden sie eher als Symptom, Vermeidung oder als Zeichen fehlender sozialer Kompetenz „wegargumentiert“.
Ein weiterer merkwürdiger Umstand springt mir dazu ins Auge: Es haben sich bestimmte Verfahren durchgesetzt, in denen Aggressionen zwar für einen Moment aufflackern dürfen, um aber sogleich durch einen anderen Fokus ersetzt zu werden:
Bei der EMDR-Behandlung* bspw geht man, sobald das Gefühl aufsteigt und benannt wird, zur Methode der Augenbewegungen zurück, in der alles Erleben quasi aufgelöst werden soll. Das bedeutet, dass starken Gefühlsäußerungen kein Raum zum Ausleben gegeben wird.
* EMDR heißt Eye Movement Desensitization and Reprocessing, zu (fach-) deutsch: Desensibilisierung und Wiederaufbereitung mithilfe von (rhythmischen) Augenbewegung.
In der Verhaltenstherapie soll starken, „unangemessenen“ Gefühlen per kognitiver Umstrukturierung quasi der Boden entzogen werden.
In der EFT (Emotional Freedom Techniques)* sollen diese mit Hilfe von Klopfen auf Akupunkturpunkte und Affirmationen (positive Selbstverstärkungen) gelöst werden können.
In der GFK (Gewaltfreie Kommunikation) wird Aggressivität als Mangel an sozialer Kompetenz verstanden und durch angemessene Kommunikations-Formen ersetzt.
* nicht zu verwechseln mit EFT = Emotionsfokussierte Therapie von Leslie Greenberg und Sue Johnson. Dieser Ansatz integriert Elemente der Gestalttherapie, der Klientenzentrierten Psychotherapie, der Systemischen Therapie und der Bindungstheorie.
Und nicht zuletzt haben mir viele persönliche Äußerungen in kollegialen Supervisionen, Fortbildungen und Fallbesprechungen den Eindruck vermittelt, dass eine Scheu oder gar Angst vor derart intensiven „irrationalen“ Gefühlen ihr Aufkommen in der Behandlung abwürgt oder ganz verhindert.
Fazit
Es scheint tatsächlich so zu sein, dass starken negativen Gefühlen zumindest in den Mainstream-Therapieverfahren kein Raum gegeben wird und dass diese somit quasi „umgangen“ werden.
Schauen wir uns nun die Argumente von Fachleuten an, die therapeutisches Arbeiten mit starken Emotionen als falsch kritisieren:
Fachliche Argumente gegen das Zulassen von Aggressionen
Aus verschiedenen therapeutischen Schulen werden immer wieder Bedenken gegen das Arbeiten mit starken negativen Emotionen in der Therapie ins Feld geführt. Ihre Bewertungen rangieren dabei von „nutzlos“ bis „riskant und gefährlich“. Ich fasse diese Argumente in zwei Gruppen zusammen:
1. Ausagieren und Vermeidung
Von psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Seite wird behauptet, dass therapeutisches Arbeiten mit intensiven Gefühlen letztlich nur ein Ausagieren sei. Die zugrunde liegenden unbewussten Konflikte würden dadurch zugedeckt und vermieden werden. Fachleute, die so arbeiteten, würden sich von ihren Patientinnen dadurch vom Wesentlichen ablenken lassen. So würde die Chance auf Heilung unnütz vertan werden.
In anderen Therapierichtungen, wie bspw der Verhaltenstherapie, werden heftige negative Emotionen als dysfunktional, nicht zielführend, als Vermeidung angstauslösender Reize oder als sozialer Kompetenz-Mangel betrachtet. In dieser Sichtweise gilt es, wutauslösende Kognitionen durch funktionalere zu ersetzen, Zielanalysen zu erstellen, die Angstauslöser per Exposition zu löschen bzw soziales Skill-Training durchzuführen.
In Paartherapien und Konfliktbewältigungs-Trainings werden aggressive Äußerungen dem Partner gegenüber als zerstörerisch angesehen und durch angemessenere Techniken ersetzt. So erlernen die Paare bspw Ich-Botschaften, die spezifisch, direkt und konkret an den Anderen gerichtet werden sollen.
2. Kortikale Bahnungen
Lernen: Wenn man eine Handlung immer wieder durchführt, einen Sachverhalt immer wieder denkt, eine Bewältigungsstrategie immer wieder einsetzt, entstehen Gewohnheiten, Habits, Schemata oder Muster im Gehirn. Durch jede Aktion erhöht sich die Wahrscheinlichkeit ihres neuerlichen Auftretens. Sprich: Ein Verhalten wird gelernt.
Bahnung: Auf neuronaler Ebene kann man von Bahnung sprechen. Genau dies passiert etwa, wenn wir komplexe Handlungsabfolgen – wie zB das Fahrradfahren – erlernen. Solche Bahnungen gewährleisten, dass wir irgendwann nicht mehr jede Aktion – zB das Gleichgewicht-Halten – einzeln planen, ausführen und bewusst korrigieren müssen, sondern automatisch und ohne nachzudenken ausführen können.
Manche Wissenschaftlerinnen und Therapeuten sind der Meinung, dass das Evozieren von Aggression solche Bahnungen im Gehirn erzeugt und Aggressionen verstärkt und gar eskalieren lässt.
Gerald Hüthers Trampelpfade
Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel:
“In meinem Herzen leben zwei Wölfe. Der eine ist der Wolf der Dunkelheit, der Angst, des Misstrauens und des Neides.
Der andere Wolf ist der Wolf des Lichtes, der Liebe, des Vertrauens und der Lebensfreude.
Beide Wölfe kämpfen oft miteinander.”
”Welcher Wolf gewinnt?”, fragte der Enkel.
”Der, den ich füttere”, sagte der Indianer.
(Quelle s.u. - Foto: Canva/ MM)
„Diesen Prozess der Bahnung, vom Trampelpfad zur Bundesstraße, benutzte Gerald Hüther häufig als Metapher für das, was heute unter dem Begriff der Neuroplastizität bereits Allgemeinwissen geworden ist. Dies faszinierte: das Gehirn als Netz von Straßenbaustellen, die sich lebenslang in einem fortdauernden Prozess der Restrukturierung befinden, in Um- und Aufbauprozessen, abhängig von den Erfahrungen, die meine Umwelt und ich meinem Gehirn zukommen lassen.
Das bedeutet auch, dass wir durch die Art der Erfahrungen, die wir aufsuchen, durch unsere Gedanken, Worte und Taten verantwortlich sind für die Bildungsprozesse in unserem Hirn; genauso wie es die kleine Geschichte vom Indianer beschreibt.“Beides zitiert nach: Rainer Schwing, 2011: Liebe, Neugier, Spiel – Wie kommt das Neue in die Welt? Systemische und neurobiologische Betrachtungen. In: Bonney, Helmut (Hg.), 2011: Neurobiologie für den therapeutischen Alltag. Auf den Spuren Gerald Hüthers. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 11 f.
Online: https://www.praxis-institut-sued.de/fileadmin/Redakteure/Sued/Praxis-Dialog/Schwing_Beitrag_in_Bonney_2011.pdf)
Ein “Geschmäckle”
Diese Argumente haben dazu geführt, dass das therapeutische Arbeiten mit starken negativen Emotionen in den Augen vieler Richtlinien-Psychotherapeuten ein „Geschmäckle“ hat, als unwissenschaftlich oder gar riskant abgelehnt und aus dem Kanon der Therapiemethoden ausgeschlossen wird.
Unbenommen ist, dass es solche Bahnungs-Effekte im Gehirn gibt. Ebenso unstrittig ist, dass intensive negative Emotionen manchmal auch die Funktion eines Ausagierens oder Vermeidens haben können. Und schließlich kann Aggressivität auch ein Zeichen mangelnder sozialer Kompetenz sein.
Was bei derart pauschaler Argumentation jedoch übersehen wird, ist die Frage, welche Ausführungsweisen und Bedingungen solche negativen Folgen erzeugen.
Schauen wir uns also an, welche Fehlannahmen der Kritik zugrunde liegen:
Drei Missverständnisse
Die Anbieter des beschriebenen Aggressionsraumes scheinen recht unbedarft vorzugehen. Ob sie sich vorab um mögliche Risiken gekümmert haben oder ob sie ihr Angebot lediglich als sportliches Event betrachten, ist mir nicht bekannt. Gleichwohl werden diejenigen Fehlannahmen evident, denen auch die Kritiker unterliegen.
Der 1. Fehler: fehlende Anleitung
Stabile Beziehung: Wenn man in der Therapie mit starken intensiven Gefühlen arbeitet, benötigt die Patientin eine verlässliche Beziehung zu ihrem Therapeuten. Dieser muss ihr klare Anleitung, Führung, Sicherheit und Schutz gewährleisten. Das geht nur im Sicheren Raum!
Mehr zum Sicheren Raum findest du bei meinen mindroad-Regeln:
https://www.die-inkognito-philosophin.de/mehrgardt-mindroad#Wie
bzw genauer als pdf:
https://static1.squarespace.com/static/5f26f247cb729c57bdf69edc/t/66eb076df0b85a14b1f09ae8/1726678893553/5MindrRegeln-220913.pdf
Gute Kenntnis: Auch der Therapeut muss seine Patientin gut kennen. Er muss einschätzen können, wie sie reagiert. Er muss um die Grenzen ihrer Belastbarkeit wissen.
Der 2. Fehler: fehlende Fokussierung
Adressat: Jede Gefühlsäußerung braucht einen Adressaten! Die Therapeutin muss gewährleisten, dass die Emotionen ihres Patienten auf ein Ziel gerichtet und fokussiert sind.
Sie dürfen nicht wie Schallwellen oder eine Explosion in alle Richtungen gehen und dabei entweder verpuffen oder sich aufschaukeln. Wenn der Adressat fehlt, können Emotionen sich nicht sinnvoll ausrichten und verankern. Sie bleiben wirkungs- und bedeutungslos und neigen dazu, blindwütig zu werden!
Retroflexion: Diese blinde Wut ist bei unseren Patienten aber meist nicht nach außen gerichtet, sondern wendet sich in aller Regel gegen die Person selbst: Es kommt dann leicht zu einer Selbstschädigung, die sich im leichteren Fall nur gegen den eigenen Besitz wendet, zB gegen Geschirr, im ungünstigen Fall aber auch gegen die eigene Unversehrtheit. Das bezeichne ich als Retroflexion.
Retroflexion: den Spieß gegen sich selbst richten
Mehr darüber findest du hier:
Beiträge über Depression
Beiträge über „Fallgruben“
Der 3. Fehler: fehlende Kontrolle und emotionaler Kurzschluss
Kurschlüsse: Nicht geleitete und nicht fokussierte Emotionen können zu Impulsdurchbrüchen anwachsen, die mit Destruktivität nach innen oder außen einhergehen können. Ohne Ziel, ohne Führung und ohne Effekt geraten Gefühlsäußerungen dann in eine Art sich selbstverstärkenden emotionalen Kurzschluss – salopp gesagt, weil das jeweilige Gefühl sich nicht „aufbraucht“ oder „erledigt“.
Frauen, Männer, Hooligans: Während diese Reaktionsbildungen bei Frauen eher hysterisch (zu diesem Begriff siehe Kasten!) ausfallen, scheinen Männer sich vielmehr in Aggressionen mit „Ersatz-Adressaten“ zu verlieren.
In extremer Form finden wir diese Reaktionsbildung bspw bei Hooligans: Weil nicht adressiert und mit bedeutsamen eigenen verletzenden Erfahrungen verknüpft, resultieren solche Gewaltausbrüche nur in kurzfristiger Erlösung. Das „unerledigte“ Gefühl verlangt nach immer wieder neuen gewaltsamen Begegnungen. Der emotionale Prozess "erledigt" sich nicht. Er verstärkt sich sogar und findet keinen Abschluss, keinen Effekt, keine Reaktion des Gegenübers. Die "Gestalt" kann nicht geschlossen werden! Auf diese Weise lebt die möglicherweise zugrunde liegende Trauer, die Erniedrigung, das Trauma unbearbeitet fort.
Hysterie
„Hysterie“ und das zugehörige Adjektiv „hysterisch“ wurde zu Zeiten Freuds und Breuers als diagnostischer Begriff für typisch weibliche neurotische Reaktionsmuster salonfähig gemacht. Allerdings handelt es sich um einen diskriminierenden Terminus. Abgeleitete von dem altgriechischen Wort „hystéra“ für „Gebärmutter“ wurde diese psychische Symptomatik quasi mit dem weiblichen X-Chromosom verschmolzen. Die Frage, ob „hysterisches Verhalten“ möglicherweise mit kulturell restringierten Verhaltens-Spielräumen für Frauen zu tun haben könnte, wurde quasi per definitionem ausgeschlossen.
Ich ziehe es deshalb vor, von einem emotionalen Kurzschluss zu sprechen.
Kommen wir nunmehr zu den ursprünglichen Kritikpunkten zurück. Diese stellen sich nach den bisherigen Ausführungen in einem gänzlich anderen Licht dar:
Diskussion der Kritikpunkte
zu 1: Ausagieren und Vermeidung
Fehlannahmen: Tatsächlich kann therapeutisches Arbeiten mit starken negativen Emotionen ein Ausagieren und Vermeiden darstellen. Dies gilt jedoch nur dann, wenn dieses Vorgehen nicht, wie beschrieben, angeleitet, fokussiert und kontrolliert durchgeführt wird. Insofern geht die Kritik von falschen Voraussetzungen und Vorstellungen über die Art der therapeutischen Emotions-Arbeit aus und trifft hier ins Leere.
Durcharbeiten oft nötig! Prozesse von Trauer, Trauma, Wut, Bloßstellung etc können meines Erachtens weder mittels blindwütigem Ausagieren noch mittels bloßem Üben und Exponieren noch per Bewusstmachen unbewusster Konflikte aufgelöst werden, sondern benötigen ein emotional-leibliches "Erledigen" der offenen Erlebnis-Gestalten. Darauf werde ich gleich näher eingehen.
zu 2: Kortikale Bahnungen
Sicherlich können kortikale Bahnungen durch emotionale Arbeit entstehen. Derartige Bahnungen, Muster oder Schemata entstehen jedoch nur unter bestimmten Bedingungen, welche von der Kritik nicht beachtet werden:
Sättigung: Neben neuronaler Bahnung gibt es nämlich auch neuronale Prozesse der Sättigung und Inhibition. Jeder der schon einmal im Akkord am Band gestanden hat, bis zum Anschlag Vokabeln lernen oder mit den immer gleichen Handgriffen 1000 Seiten kopieren musste, wird eher Abneigung gegen eine Fortsetzung der Handlung als eine Verstärkung erlebt haben: Hier bilden sich im Gehirn inhibitorische, also hemmende Verknüpfungen aus, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens ganz bestimmt nicht erhöhen. Stattdessen tritt eine Sättigung ein, die das betreffende Verhalten hemmt.
Skepsis ist angebracht …
Sei skeptisch bei einfachen hirnphysiologischen Argumenten! Denn
(1) gibt es meist auch antagonistische Prozesse im Gehirn,
(2) lassen sich Verhalten, Denken und Fühlen nicht eins zu eins aus physiologischen Prozessen herleiten und
(3) ist anzunehmen, dass eine Verursachung nicht notwendigerweise nur von hirnphysiologischen hin zu mentalen etc Prozessen gerichtet sein kann, sondern umgekehrt auch vom Denken, Fühlen, Handeln hin zu neurologischen Funktionen und Strukturen!
„Unerledigte Geschäfte“
Was genau könnte also verantwortlich dafür sein, ob eine starke Emotion eher als Ausagieren, Vermeiden & Co. anzusehen ist und Bahnungen erzeugt oder ob sie zu Abschluss und Sättigung führt?
Achtung Experiment! Dazu machen wir jetzt ein kleines Experiment und anschließend einen kleinen Exkurs. Das Experiment geht wie folgt:
Stelle dir einmal vor, ich würde dich hier und jetzt mit aller Macht
… ?!
Jetzt fragst du dich vielleicht:
Was war DAS denn jetzt??
Du hast es sicherlich bemerkt: Da stimmte etwas nicht. Deine Erwartung, einen vollständigen, bedeutungshaltigen Satz zu lesen, wurde enttäuscht. Kannst du beschreiben, was das in dir ausgelöst hat? Ich vermute, dass irgendeine Spannung, eine Frustration, eine Verwirrung zu fühlen war.
Unfinished buisiness: Vielleicht hast du gerade etwas erlebt, was die Gestalttherapeuten unfinished buisiness nennen. Die Gestalt- und Wahrnehmungs-Psychologie bezeichnet so ein Erleben auch als offene Gestalt oder einfach als Unerledigtes.
U-Boot-Metapher: Wenn irgendeine Geschichte, Situation, ein Erlebnis, ein Produkt, ein Vorhaben, eine Idee etc noch nicht fertig ist oder noch nicht abgeschlossen werden konnte, kommt sie dir in lauter unmöglichen Situationen wieder hoch - so wie ein U-Boot - und kann dich heftig quälen.
Im extremsten Fall ist es ein unbearbeitetes Trauma, das dich immer wieder überfällt. Man spricht dann von Intrusionen oder Flash backs.
Nächtliche Ruhestörung! Wenn jemand bspw eine blöde Bemerkung zu dir gemacht hat, und das auch noch vor anderen Leuten, und dir nichts Schlagfertiges eingefallen ist, was du hättest sagen sollen: Dann verfolgt dich diese offene Gestalt wahrscheinlich bis in die Nacht und lässt dich nicht schlafen.
Schlafstörungen, Grübeln & Co
Ausführlicher beschreibe ich dieses Phänomen in meinem Beitrag übers Nicht-Einschlafen-Können, weil die Gedanken „von Hölzchen auf Stöckchen springen“. Willst du mehr darüber erfahren? Dann findest du hier mehr.
Bahnung, Ausagieren und/oder Vermeidung
… finden, so können wir vermuten, am ehesten dann statt, wenn keine abgeschlossene Gestalt entsteht; denn genau dann erzeugt das Unerledigte Spannung, Wachheit, Frust und/oder motorisch-mentale Unruhe und verlangt so lange nach Wiederholung, bis die Geschichte erledigt und die Gestalt abgeschlossen ist. Erst danach können dann Entspannung, Sättigung, Vergessen und/oder Loslassen einsetzen.
Hier das wenig überraschende …
Fazit
Wenn man mit starken negativen Emotionen in der Therapie arbeitet, sollte man es richtig machen. Dann laufen die oben genannten Kritikpunkte ins Leere.
Zusammenfassung
Unabdingbar für das Evozieren starker Emotionen in der Therapie sind also:
Es muss eine tragende therapeutische Beziehung bestehen!
Das Gefühl muss gerichtet, fokussiert und adressiert sein!
In aller Regel ist der Adressat der starken Emotion abwesend!
Therapeutische Anleitung und Arbeit im Sicheren Raum sind vonnöten!
Der Prozess benötigt unbedingte Akzeptanz und Würdigung der Emotionen. Die Therapeutin ist Zeugin des Schmerzes und seiner Ursprünge. Der Behandler muss heftigste, gewaltsame oder gar blutrünstige Fantasien und Äußerungen aushalten und unterstürzen können.
„Argumentation & Moral“
Spätestens hier steigen so manche Psychotherapeuten aus und beginnen zu argumentieren & moralisieren:
“Sehen Sie, das ist doch recht irrational! Sie sollten besser denken … Und dann hätten Sie auch nicht solche schlimmen Gefühle!
Jetzt gehen Sie aber zu weit! So etwas darf man nicht einmal denken!!”
Stattdessen sollten Behandlerinnen sich und ihren Patientinnen klar machen, dass gewaltsame Gedanken, Gefühle und Äußerungen eben nicht zu Bahnungen des Destruktiven führen, sondern – sofern es richtig gemacht wird – zu Sättigung und „Erledigung“!
(Bild: Canva KI/ MM)
Der emotionale Prozess muss kontrollierbar bleiben: Der Therapeut muss sich sicher sein, dass er seinen Patienten steuern und jederzeit stoppen kann! Jeglicher Kontrollverlust muss verhindert werden!
Es ist NICHT das Ziel, dass sich die Patientin in ihrer Wut verliert!
Kontraindikation sind zu beachten: Bei ausgeprägter Soziopathie, dissozialer oder narzisstischer Persönlichkeitsstörung oder einer akuten Psychose sollten in der Regel keine starken negativen Emotionen evoziert werden.
Trigger und massive Introjekte können zu Komplikationen und Symptomverstärkungen führen! ZB kann lautes Atmen bei sexuell traumatisierten Menschen eine Intrusion auslösen. Starke Tabus und Schuld-Introjekte können, wenn man sie mit solchen Übungen verletzt, massive Scham, Schuldgefühle, schlechtes Gewissen, Autoaggressionen und Suizidalität hervorrufen!
Es müssen klare Regeln besprochen werden wie: keine (Selbst-) Verletzung, keine Gegenstände zerstören, Stopp! beachten!
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