Was ist das Eigentlich?
Verfasst von Selman K.: über die Unzulänglichkeit des Seins in Moll
Leben, Bodendauerwelle mit Schlaglöchern.
Wenn man nicht weitergeht, ist man plattgefahren, der Kopf bettet sich im Tal, der Rumpf auf einen Hügel.
Selbst wenn man richtig geht, während man die eigenen Schritte nachts als die Schritte eines Fremden vernimmt, stolpern die Gliedmaßen; sie werden anschließend zerrieben, zerstieben und tief verbuddelt, sodass nur noch der Kopf herausragt.
Immerhin kann er als Federwippe dienen, der abgenutzte Kopf oder als Wackelfigurzeitvertreib für irgendeinen allmachtmissbrauchenden Zeigefinger. Verarbeiten Sie bitte alles.
Die schwarzen Straßen müffeln nach Urin, auf ihnen lastet eine ohrenbetäubende Stummheit.
In mir ein Riesenbollwerk; daraus schießen zahlreiche Pfeile getränkt mit Verwirrtheit, jeder Pfeil surrt eine Antwort in die anbahnende Leere, die ich als beruhigende Fürchterlichkeit bezeichnen würde. Eine Antwort schlechter als die andere. Bitte denken Sie scharf nach, was man weiß, soll der andere lieber nicht wissen.
Weitere Antworten verrotten hinter einer dicken Falltür mit den Erinnerungen.
Ich wandere auf säuberlich ausgelegtem Stacheldraht. Bloß noch ein Zwicken und Zwacken hier und da.
Machen wir keinen Hehl draus, die Füße sind schon eisern und kalt, die Krampfadern vermascht.
Ein dünner weißer Faden dorsal, auch Rückgrat genannt.
Das Unverrichteterdingefadesein in die Stirn zwischen die Augen gestaucht, wie eine blendende Reklame leuchtet sie. Vergebliche Versuche einer Erwerbung in der weiten verwesten Nacht.
Es sagt: abtrünnig und aufgedreht wie ein schwungradangetriebenes Aufziehauto kurz vor Streckenende.
Ich muss lachen, wenn es ernst wird.
Ich lache gerne, dafür weine ich umso mehr.
Ich soll leiser weinen, was kommt ist ein leises Lachen.
Der Himmel bricht langsam gelbe Galle und Blut. Derselbe Morgen wie morgen.
Dann sieht die Kotze des Zeterzeus, auch Welt genannt, lustig, erwacht und bunt aus.
Jeder Zustand oder Vorgang mit einem menschlichen Präfix missglückt. Die Anthropogenie allen voran.
Nebenbei vernehmen die Ohrmuscheln flüchtig anmutsvolle Perlenkonversationen. Etwa liefe hier etwas gewaltig falsch, hieße es in einem hitzigen Monolog; mitunter folgen einhellige Nickbewegungen der beeindruckten, speichelleckenden Zuhörerschaft, dass die Halswirbel drohen zu knacken.
Das Etwas also nicht weiter konkretisiert.
Das Etwas sei etwas Böses – im Gange vermutlich, wenn es gewaltig falsch läuft.
Es läuft also gewaltig falsch, hat das Böse einen Hinkefuß?
Vielleicht aus Blei wie die Zungen der Abderiten.
Grauenvolles, gregäres Geseier, Abschaum, angewidert.
Ihr Horizont endet selbst an guten Tagen beim Balkon.
Sybaritische Silberfische schlagen sich gern mit den Schuppen anderer den Magen voll.
Man kann alles durch Schönreden schänden.
Hier bin ich
Hier bin ich, schwer abgeworfen, wie der billige Koffer eines pazifistischen Bibliophilen, der, bevor er sich der Wehrpflicht begeben konnte, dem scheinheiligen Lande in Gottes Namen dienen muss.
Voller Bücher bin ich, Errungenschaften anderer – und das Wissen der Welt, mehr habe ich nicht.
Doch weiß ich eines nicht – den Weltschmerz in mir zu heilen.
Oder den Ruf nach einer anderen Welt zu überhören.
Fühl‘ sie, die kalten, schweren Füße, den klobigen Kallus an den harten Plastikrollen.
Sie haben in diesen jungen Jahren scharfkantigsten Basalt überquert.
Zerkratzt und aufgeschnitten, die Wunden heilen spärlich.
Marode Mokassins, der Schweiß trieft von der Spitze einer langen Münchhausennase.
Plastischer Puppenflunsch, fehlgeschlagene Manufaktur, tote Barschaugen, nimmersattes Wolfshecheln.
Am buckligen Mond einsam heiser geheult.
Ich bin ein Schatz, wertlose, verschollene Lepta.
Ein Schuldner, der Lebenskonzession versagt.
Ein Gläubiger, à fonds perdu.
Ja, ich fühle mich schwer an diesem blauen Morgen. Wie die giftige Sonne auf meiner nachtblassen Haut.
Wie der Kummer auf diesem blauen Herzen.
Möge es der letzte Morgen sein, was ist schon eine Seele mehr oder weniger im seelenlosen Jammertal?
Vor dir die Warnung, Pottpoet.
Nach dir die Sintflut.
Gastautor Selman K. ist Philosoph, selbst von Depressionen betroffen und verarbeitet seine Erfahrungswelt in besonders eindrücklichen Worten. Evtl. interessiert dich sein Buch: Die Vögel singen sowieso (Knut Calmund)