Existenzängste – Bedeutung existenzieller Ängste (Philosophie)
Existenzängste können sich auf vieles beziehen. Meistens auf die Angst vor beruflichem Versagen oder die Verzweiflung über konkrete finanzielle Sorgen. Andere sehen darin die Angst vor Krankheit oder Krieg. In der Philosophie sind existenzielle Ängste auf die Selbstwerdung bezogen.
Bedeutung existenzieller Ängste
Angst & Philosophie – Angst als Wesen des Menschen (Teil 1)
Angst vor dem Leben – Philosophie der Angst (Teil 2)
Angst verstehen – Angststörungen mit Philosophie erklären (Teil 3)
Angst erleben – die phänomenologische Struktur der Angst
Inhaltsverzeichns: Existenzängste / existenzielle Angst
1) Existenzielle Krise = lebensbedrohliche Lage
2) Existenzielle Krise = private Sinnkrise
Welche Existenzängste gibt es?
Existenzielle Angst
Sinnkrise
Zukunftsangst
Lebensangst
Existenzängste in der Psychotherapie
Definition Existenzangst
Symptome Existenzängste
Was tun bei Existenzängsten?
Auslöser von Existenzängsten
Existenzängste zeigen sich als …
Fazit: Existenzängste
Was sind Existenzängste?
Existenzängste bezeichnen die Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein (Lebensangst), oder die Angst, die Grundlagen der eigenen Existenz zu verlieren. Vgl. auch Grundbedürfnisse – Was braucht der Mensch?
Existenzängste sind keine Krankheit
Im allgemeinen Sprachgebrauch geht es bei Existenzängsten buchstäblich um Angst vor wirklichen lebensbedrohlichen Gefahren.
Insbesondere im Zuge von Corona haben sich materielle Existenzängste massiv verbreitet. Die vielen negativen Nachrichten über Krieg, Pandemie und Missstände sind natürlich beängstigend.
Diese Ängste sind nicht irrational, sondern absolut berechtigt.
In der Philosophie und Psychologie gelten Existenzängste als Angst, das Leben nicht bewältigen zu können und Angst, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zu scheitern.
Bedeutung existenzieller Krisen
Die Vieldeutigkeit von Existenzängsten lässt sich auf die unterschiedlichen Bezugsrahmen zurückführen.
Worauf bezieht sich die existenzielle Angst? Selbstverständlich auf eine drohende Gefahr, eine Krise, einen Moment der größten Bedrohung für die eigene menschliche Existenz und das persönliche Selbst.
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1) Existenzangst als lebensbedrohliche Lage
In vielen Fällen geht es bei einer Existenzkrise um relativ konkrete, reale, existenzgefährdende Situationen bzw. Zeiträume und Umstände.
Existenzangst ist damit die berechtigte und situationsangemessene Angst, das Leben zu verlieren oder die Grundlage von Lebensqualität. Die Angst ist eine Reaktion auf die existenzielle Krise, die kann zum Beispiel bestehen in:
einer lebensbedrohlichen Krankheit
einen schweren Unfall & seine Folgen
Naturkatastrophen
Gefährdung der wirtschaftlichen Lebensgrundlage
Verlust eines geliebten Menschen (durch Tod)
2) Existenzangst als private Sinnkrise
Vor allem im psychologischen und psychotherapeutischen Setting wird eine existenzielle Krise als Lebenskrise, Sinnkrise oder Lebensangst verstanden.
Das liegt an den Einflüssen der Existenzphilosophie, die existenzielle Krisen als conditio humana und damit als persönliche Sinnkrise auffasste. Also ebenfalls eine völlig situationsangemessene und berechtigte Angst.
Die gleiche Definition findet sich mittlerweile auch im Duden: Von einer existenziellen Krise spricht man (Duden, 2017), wenn jemand den Sinn und Zweck seines Lebens verloren hat. Die existenzielle Angst bezieht sich auf die Angst vor der Endlichkeit, dem Nicht-sein.
Welche Existenzängste gibt es?
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Existenzielle Angst bzw Existenzangst bezeichnet einerseits das gleiche wie existenzielle Krise: einen Zustand äußerster Gefahr für das Selbst.
Andererseits beschreibt der Begriff aber auch die Angst vor Endlichkeit und der Ungewissheit des Lebens.
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Persönliche Lebenskrisen oder Sinnkrisen sind durch Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit charakterisiert.
Sie werden meist durch kritische Lebensereignisse, schwere Lebenslagen (lebensgefährdende Situation) ausgelöst. In der Folge soll es zur Sinnkrise kommen - mit depressiven Symptomen.
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Zukunftsangst bedeutet Angst vor dem kommenden Ungewissen.
Oft in Verbindung mit wichtigen Übergängen im Leben, zum Beispiel Abschluss der Berufslehre, Jobwechsel, Umzug, Heirat, Geburt eines Kindes usw.
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Angst vor dem Leben bezieht sich, ähnlich wie die Angst vor der Zukunft, in der Regel auf die soziale und finanzielle Sicherheit.
Dazu zählen aber auch die chronischen Ängste, die Anforderungen des Alltags, des Berufs und die generelle Angst, das Leben nicht meistern zu können, zu versagen.
Ursprung der Existenzangst
Existenzielle Angst in der Philosophie
Die existenzielle Angst findet sich das erste Mal bei Kierkegaard. Er verankert den Menschen grundlegend in einer Polarität (Leib-Seele, Notwendigkeit-Freiheit, Zeit-Ewigkeit, Endlichkeit-Unendlichkeit). Angst ist für ihn der “Schwindel der Freiheit“.
Äußerst wichtig ist zu verstehen, wovon der Philosoph hier eigentlich spricht und seinen dialektischen Ansatz zu berücksichtigen.
Bei Kierkegaard geht es nicht einfach nur um eindimensionale Angst vor Ungewissheit oder Widrigkeiten im Leben, sondern um die Angst der Selbstwerdung, in der sich Lust auf das Rätselhafte und gleichzeitig selstverantwortungsbewusste Angst verbinden:
„Diese Angst ist dem Kinde so wesentlich eigen, dass es sie nicht entbehren mag; obgleich sie ängstigt, sie verstrickt es doch in ihre süße Beängstigung.“
Angst ist positive Freiheitsangst
Kierkegaard beschreibt hier eine Art Angstlust bzw. Nervenkitzel (z. Bsp. bei Extremsportarten) – nur auf existenzieller Ebene.
Existenzängste & Chancen der Freiheit
Bei den Existentialisten ist die Geworfenheit des Menschen in eine Selbstbezogenheit von zentraler Bedeutung. Jeder Mensch muss sich auf irgendeine Art und Weise eigenverantwortlich & allein, entscheidend und handelnd auf sich und die Welt beziehen.
Doch in der Angst erlangt der Mensch ein Bewusstsein für seine Freiheit.
Interessant ist, dass Existenzialisten die Angst für äußerst wichtig ansehen, um zu einer tiefen, erfüllenden Daseinsweise des Selbst zu gelangen.
Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ist notwendig, um die Möglichkeiten der Freiheit überhaupt zu erkennen und die Einzigartigkeit des Lebens wahrzunehmen.
Existenzielle Angst als conditio humana
Egal ob Kierkegaard, Sartre oder Jaspers – laut Existentialismus geht es im Leben um die Bedeutung des Selbst und das Verhältnis zu ihm und der Welt.
Existenzängste sind also nichts, was zu vermeiden wäre. Ein Mensch hat nicht die Wahl, sondern muss sich immer wieder als Selbst in der Welt bestimmen.
Existenzängste in der Psychotherapie
Irvin David Yalom entwickelte die existenzialistische Psychotherapie. Er glaubt, dass schon die Beschäftigung mit philosophischen und existenziellen Themen eine Heilung in Gang setzt.
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Die Psychologie versteht unter Existenzängsten die Angst, im Leben zu versagen bzw. zu scheitern. Daher wird sie auch als Lebens- oder Daseinsangst betitelt.
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Existenzängste im Rahmen von Angststörungen können vielfältige Symptome hervorrufen. Somatische Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme, Rücken- oder Kopfschmerzen kommen am häufigsten vor.
Das wichtigste Anzeichen von Existenzängsten sind dauerhafte Sorgen um die Zukunft, Gedankenspiralen und Depressionen.
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Die Therapie von Existenzängsten muss individuell gestaltet werden, um Erfolg zu haben. Ein bisschen Selbsthilfe oder Meditation hilft da nicht weiter. Auch keine Gespräche mit Freunden oder Urlaub.
Wenn es sich um eine krankhafte Form der Angst handelt, braucht es professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie (wie sie Yalom oder Frankl anbieten).
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wirtschaftliche Krisen, Inflation, Kriege (politische Probleme), Pandemien, Terror
Leistungsdruck, Arbeitswelt, zwischenmenschliche Konflikte
Psychische Krankheiten (Depression, Angststörung & Co.)
Sozialer Einfluss (Social Media)
Verlusterfahrungen (Tod, Trennung)
unfreiwillige Lebensumbrüche
Vgl. auch Hochbegabung & psychische Probleme – Existenzielle Depression
Nach seinem Ansatz gründen psychische Störungen konkret auf philosophischen Grundkonflikten, die er in Anlehnung an die Existenzphilosophie als existenzielle Angst identifiziert.
Yaloms Therapie zielt darauf ab, Betroffene zu motivieren, die eigene Existenz als freie anzunehmen. Es soll Studien geben, die einen positiven Einfluss seiner Therapie in Lebenskrisen, z. B. bei schweren Erkrankungen, bestätigen. (1)
Ein Vertreter eines ähnlichen Ansatzes ist Viktor Frankl (Logotherapie & Existenzanalyse).
Was sind Grundkonflikte in der Psychologie?
Grundkonflikte sind innere Konflikte zwischen widersprüchlichen Bedürfnissen. In der Psychodynamik versteht man darunter zum Beispiel:
Identität vs. Dissonanz
fehlende Konflikt- und Gefühls-Wahrnehmung
Abhängigkeit vs. Autonomie
Unterwerfung vs. Kontrolle
Versorgung vs. Autarkie
Selbstwert vs. Objektwert
Egoistische vs. prosoziale Tendenzen
In der Triebtheorie nach Freud sind Konflikte wiederum eine Art von Spannung (Lustprinzip vs. Realitätsprinzip), zum Beispiel zwischen Hunger und Liebe oder Lebenstrieb und Todestrieb.
Existenzängste zeigen sich als Angst vor…
Angst vor Arbeitslosigkeit
Angst vor finanziellen Ruin
Angst, die Lebensgrundlage zu verlieren
Angst vor großen Veränderungen
Angst zu Versagen
Angst alles zu verlieren
Angst vor Verlust (Verlustangst)
Angst vor dem eigenen Tod
Angst vor Nichtexistenz (Angst vor dem Nichtsein)
Folgen pathologischer Existenzängste
Psychosomatische Probleme, Gedankenspiralen, Schlafstörungen, Depressivität, ausgeprägte Ohnmachtsgefühle (Gefühle der Hilflosigkeit), Panikattacken, psychogene Hemmungen, Überforderung
Existenzängste bei Depression, Angststörung & Co.
Nicht irrational, sondern menschlich
In der humanistischen Psychotherapie wird mit Rückgriff auf den Existentialismus oft von menschlichen Grundkonflikten gesprochen.
So sollen sich hinter Depressionen oder Angststörungen tiefgreifende Verlustängste, schwere Daseinsängste oder extreme Identitätskrisen verbergen.
Es ist allerdings wichtig, zu unterscheiden, was hier genau gemeint ist.
Angst ist in der Existenzphilosophie stark positiv mit einem Freiheitsgewinn konnotiert. Und Grundkonflikte meinen im philosophischen Sinne etwas anderes.
Hier geht es nicht darum, dass 2 oder mehrere “innere” Bedürfnisse im Menschen miteinander um die Macht kämpfen, sondern um eine Erschütterung des Weltbildes (Jaspers Grenzsituationen) – also Situationen die immer schon im Leben mitschwingen (Endlichkeit, Verlust, Selbstverantwortung), doch erst in bestimmten Konstellationen (zum Beispiel Krankheit) ins Bewusstsein dringen und dann eine persönliche Stellungnahme erfordern.
Die Dialektik der Angst in der Philosophie
Das Interessante in der Existenzphilosophie ist ja gerade, dass die Angst ambivalent ist: Sie schreckt ab und lockt gleichzeitig. Angst ist doppeldeutig: furchterregend & attraktiv, belastend & befreiend.
Angst ist existenzphilosophisch gesehen Angstlust.
Fazit: Existenzängste
Die Existenzphilosophie eröffnet hier ein spezifisches Deutungsangebot für die Situierung des Menschen in der Welt.
Vor diesem Hintergrund lassen sich auch krankhafte Ängste (Sozialphobien, depressive Angst, Agoraphobie etc.) vielleicht besser verstehen.
Doch Existenzängste auf krankhafte Angst zu reduzieren, wie auf Gesundheitsblogs und Arzt-Portalen suggeriert, erklärt indirekt jede menschliche Lebenskrise zu einer behandlungsbedürftigen negativen Situation, die eine medizinische Intervention notwendig mache.
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Wie immer gilt es zu unterscheiden. Nicht jede Angst ist pathologisch-negativ im Sinne von psychologischen Grundkonflikten. Einige Sinnkrisen gehören zum Leben einfach dazu.
Quellen:
1) Sorensen, Lodge & van Deurzen: A Comparison of Learning Outcomes in Cognitive Behavioural Therapy (CBT) and Existential Therapy: An Interpretative Phenomenological Analysis. In: International Journal of Psychotherapy, Vol. 21 (2017), No. 3, S. 45–59.
2) Stavemann und Hülsner: Integrative KVT bei existenziellen Problemen. Umgang mit der eigenen Endlichkeit, Beltz 2019
3) Christian Tewes: Existenzielle Angst und ihre Verkörperung. In: Hermeneutische Blätter, 26(1+2), 37–52
4) Kierkegaard: Der Begriff der Angst, Reclam