Folgen von Depressionen – körperlich, psychosozial, beruflich

Bereits seit den 1990er-Jahren gelten Depressionen als eine der psychischen Erkrankungen, welche die Gesellschaft am stärksten belasten (1). Kein Wunder, wenn man die vielfältigen Folgen von Depressionen betrachtet, die massive Beeinträchtigungen in allen Lebensaspekten der Betroffenen mit sich bringen.

Das neue Bild der Depression 

Folgen von Depressionen

Früher ging die Forschung davon aus, dass Depressionen recht gut behandelbar sind, häufig vollständig abklingen (vgl. Langzeit-Folgen: Restsymptome) und keine bleibenden körperlichen Schäden hinterlassen. Doch das ist ein überholtes Bild.

Heute wissen wir durch viele Studien und Untersuchungen, dass Depressionen:

  • eine sehr schwere Bürde für die Betroffenen darstellen

  • das gesamte soziale Umfeld in Mitleidenschaft ziehen

  • oft einen langwierigen, tlws. chronischen Verlauf nehmen

  • komplexe Behandlungen erfordern

  • nicht ohne lanfgristige Folgen bleiben (körperlich, psychisch)

 

Körperliche Folgen der Depression

Depression & ihre Auswirkungen auf den Körper

Depressionen erschöpfen sich nicht nur in psychischen Leiden, sondern gehen häufig mit körperlichen Beschwerden einher. Auffällig sind v. a. Schlafstörungen in Form von Schlaflosigkeit oder einem gesteigerten Schlafbedürfnis. Hinzukommen tiefe Erschöpfung sowie eine spürbar reduzierte Leistungsfähigkeit im Alltag.

Essverhalten und Körpergewicht leiden ebenfalls. Während einige Betroffene mit Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme kämpfen, sind andere mit übermäßigem Appetit und Gewichtszunahme konfrontiert.

Vgl. Korporifizierung des Leibes: körperliche Symptome der Depression sowie Leib & Leiblichkeit: Leib sein, Körper haben.

Selbst die Psychomotorik ist beeinträchtigt. Viele Betroffene fühlen sich gehemmt und verlangsamt in jeder Bewegung (vgl. Antriebslosigkeit & Depression). Bei anderen herrscht Agitation, die durch zappeliges und rastloses Verhalten gekennzeichnet ist (vgl. Agitierte Depression). Ob agitiert oder gehemmt – der Alltag wird zu einer unglaublichen Herausforderung. Alles ist durchdrungen von einer emotionalen und körperlichen Müdigkeit bzw. Kraftlosigkeit.

Chronische Schmerzzustände ohne manifeste physische Ursache wie Kopf-, Rücken- oder Muskelschmerzen belasten zusätzlich. Auch Magen-Darm-Beschwerden (Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen), Herzrasen und andere somatische Symptome sind verbreitet. Ebenso häufig: ein verminderter sexueller Antrieb oder ein Verlust der Libido – oft mit negativen Folgen für die Partnerschaft.

Bekannt sind auch hormonelle Schwankungen, etwa im Bereich der Cortisol-Produktion. Diese hormonellen Veränderungen beeinträchtigen eine Vielzahl von Körperfunktionen; Vgl. Morgentief & Abendtief

Depressionen haben also eher eine systemumfassende Auswirkung auf den Körper

 

Gesundheitliche Folgen der Depression

Körperliche Folge-Erkrankungen

Eine langfristige gesundheitliche Folge depressiver Störungen ist das erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit ist auch ein stärkeres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle verbunden. Hinzu kommt, dass chronischer Stress und Depressionen das Immunsystem so sehr schwächen, dass die Anfälligkeit für Infektionen steigt. Durch die Schwächung der körpereigenen wird die Allgemein-Gesundheit des Betroffenen stark destabilisiert.

 

Psychosoziale Folgen der Depression

Die psychosozialen Auswirkungen, welche Depressionen i. d. R. mit sich bringen, sind erheblich. Die Krankheit hat einen sozialen Aspekt, der im Vergleich mit den Folgen anderer Krankheiten (Krebs-, Herzkrankheiten, Alkoholismus) sogar die schwersten Probleme im zwischenmenschlichen Bereich hervorruft.

Die Welt eines depressiven Menschen ist geprägt von dem Gefühl eines Mangels an Unterstützung und Halt in den Beziehungen zu anderen. Freunde, Familie und weitere soziale Kontakte werden als Belastung empfunden – das liegt zum einen am veränderten Gefühlsleben der Betroffenen, zum anderen am Unverständnis der Umwelt. Vgl. In der Depression: Die Verfremdung der Lebenswelt

Die negativen Denkmuster von depressiven Menschen spielen eine wesentliche Rolle in der Art und Weise, wie soziale Interaktionen und Beziehungen geformt und erlebt werden. Die niedergedrückte Stimmung durchdringt Gespräche, Gesten, ja selbst die Schweigemomente, und kann zu einer schmerzlichen Distanz oder zur Aggressivität denjenigen gegenüber führen, die einem eigentlich nahestehen.

Es kommt zu anhaltenden Konflikten, Missverständnissen und Spannungen.

Die soziale Umwelt reagiert aus verschiedensten Gründen nicht immer mit der nötigen Sensibilität oder dem Verständnis, die Menschen in einem depressiven Zustand benötigen. Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung sind bittere Realitäten, mit denen Betroffene zusätzlich zu kämpfen haben. Ablehnung und Zurückweisung durch andere Menschen verstärken das Gefühl der Isolation und kurbeln die depressive Dynamik weiter an.

 

Folgen für Angehörige von depressiven Menschen

Die Ausläufer der Depression erreichen auch die Partner, Familien-Angehörigen und engen Freunde, die gleichfalls unter den vielfältigen und tiefgreifenden Auswirkungen leiden. 

Mit dem Einzug der Depression in einen Haushalt ändert sich häufig das gesamte System der dort lebenden Menschen. Die Veränderung in den Bedürfnissen und Verhaltensweisen der erkrankten Person erschüttert das Gleichgewicht in der Familie. Angehörige stehen plötzlich vor der Herausforderung, sich einerseits anzupassen, andererseits Unterstützung zu leisten. Das führt zu einem extrem erhöhten Belastungsgrad.

Inmitten dieser veränderten Lebenswelt bilden sich Konfliktherde, die durch ungleich verteilte Belastungen, Ressourcen und ansteigendem Stress genährt werden. Nicht selten schaukeln sich Missverständnisse und Frustrationen zu Auseinandersetzungen hoch, aus denen Betroffene wie Angehörige emotional verletzt hervorgehen.

Vgl. Depression bei Männern: Wut auf Partner sowie Depressiver Partner zieht mich runter – Gründe & Tipps

 

Depressionen: Auswirkungen im Alltag

Bei einem Vergleich mit gesunden Menschen wird deutlich, dass die Bedingungen für die Gestaltung der privaten Freizeit durch depressive Symptome massiv erschwert sind.

Selbst bei objektiv gleichen Möglichkeiten, sind erkrankte Menschen nicht in der Lage, die Zeit im gleichen Maß zu nutzen. Chronische Erschöpfung, körperliche Missempfindungen und die schwere Stimmung binden einen Depressiven an die eigenen 4 Wände, meist lässt sich überhaupt keiner Tätigkeit nachgehen. So verarmen auch die sozialen Kontakte, das Sozialleben schrumpft auf ein Minimum. 

Ein Teufelskreis: je schwerer die Symptome, desto schwerer die psychosozialen Folgen der Depression. 

 

Berufliche Folgen der Depression

Statistiken zeigen, dass psychische Erkrankungen die Hauptursache für eine Berufsunfähigkeit darstellen (6). In den vergangenen Jahren hat außerdem der Anteil an Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen kontinuierlich zugenommen (7). In akuten Depressionsphasen kann die Leistungsfähigkeit so stark beeinträchtigt sein, dass die Betroffenen arbeitsunfähig werden. 

Psychische Leiden führen im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen zu überdurchschnittlich langen Ausfallzeiten (2021: Frauen 50 Tage, Männer: 46 Tage im Krankheitsfall; Quelle 7).

 

Wegen Depressionen in Frührente

Depressionen hinterlassen nicht nur im Arbeitsleben deutliche Spuren, sondern wirken sich auch massiv auf das Berufsleben und die finanzielle Stabilität von Betroffenen aus. Psychische Störungen sind die Hauptursache für vorzeitige Pensionierungen aufgrund von verminderter Erwerbsfähigkeit. Mehr als 40 % der gesundheitsbedingten Frühverrentungen, das heißt fast jede 2., ist auf psychische Probleme zurückzuführen, am häufigsten wegen einer Depression.

Nach Angaben des Versicherungsanbieters „Cosmos Direkt“ waren bereits im Jahr 2020 Depressionen die vorherrschenden Ursachen für den Bezug der Erwerbsminderungsrente – noch vor anderen schlimmen Erkrankungen wie Krebs (5).

 

Depression Langzeit-Folgen

(Restsymptome)

Residualsymptome bei Depressionen sind Beschwerden, die nach einer akuten Depressionsphase fortbestehen, selbst wenn sich die Kernsymptome der Erkrankung (Traurigkeit, Anhedonie) sichtlich gebessert haben.

Typische Residualsymptome sind: Erschöpfungszustände, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen sowie ein allgemein verringerter Antrieb / geringeres Energielevel.

Studien legen nahe, dass Residualsymptome das Risiko für erneute depressive Episoden erhöhen. Darüber hinaus werden diese Beschwerden zwar subklinisch gewertet, für die Betroffenen selbst führen die permanenten depressiven Symptome aber zu einer starken Herabsetzung der Lebensqualität.


Quellen:
1) Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 51 – Depressive Erkrankungen. Berlin: Robert KochInstitut 2010
2) A. Lang et al.: Psychosoziale und berufliche Folgen der Depression. Thieme Verlag, Nervenheilkunde 9/2018
3) AOK Fehlzeiten-Report 2017
4) Ärzteblatt: Zehntausende gehen wegen psychischer Probleme in Frührente (Montag, 9. September 2019)
5) Natalie Hull-Deichsel: Früher in Rente: Drei Krankheiten sind der häufigste Grund
6) Antwort des Deutschen Bundestages auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Susanne Ferschl, Gökay Akbulut, Matthias W. Birkwald, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 20/8987
7) Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Depression und Arbeit

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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