Geist und Gehirn, Mensch & Person – Ich ist nicht Gehirn

Heute sprechen wir so, als würde das Gehirn als Subjekt der Handlung dieses oder jenes entscheiden und letztlich Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Solche Formulierungen suggerieren, das Selbst wäre mit dem Gehirn gleichzusetzen. Diese populär-psychologische Identitätstheorie ist allerdings kategorial falsch.

Ich ist nicht Gehirn (Philosophie)

Bin ich Geist oder Gehirn oder …?

Das Gehirn nimmt in der menschlichen Vorstellungskraft eine Sonderstellung ein. Das hat natürlich seine Gründe: Mein Gehirn hat weit mehr Einfluss auf meine persönliche Identität als irgendein anderer Körperteil, etwa mein Bein.

Wird mir das Bein amputiert, bin ich immer noch dieselbe Person namens Tamara, nur leider mit einem Bein weniger. Würde man mir das Gehirn entfernen, dann werde ich mit einiger Sicherheit nicht mehr die gleiche Person sein.

Deswegen bin ich als Person jedoch nicht mit meinem Gehirn gleichzusetzen. Das zeigt sich an einer Menge von Eigenschaften, die mein Gehirn nicht besitzt. Zum Beispiel bin ich 1,55 m groß, verheiratet und habe studiert. Doch mein Gehirn ist weder über einen Meter groß, noch verheiratet. Es hat auch keine Bildung oder besitzt eine Nationalität.

Vgl. auch: Entmenschlichte Menschenbilder – Die Grenzen der Naturwissenschaft

 

Das Gehirn ist keine Steuerungszentrale

Die Vorstellung, dass das Gehirn die „Steuerzentrale“ des Körpers sei, ist in der Alltagspsychologie weitverbreitet, aber aus wissenschaftlicher Sicht zu einfach gedacht.

In der modernen Wissenschaft wird die “Homunculus”-These als veraltete und ungenaue Vorstellung angesehen.

Heute weiß man, Geist und Körper stehen in einem Wechselverhältnis. Kognitive Prozesse und die Wahrnehmung sind tief in den körperlichen Erlebnissen und Interaktionen mit der Umwelt verankert. Das Gehirn könnte somit nicht als isolierte Steuerzentrale agieren, da es ohne die ständige Rückmeldung und Interaktion mit dem Körper und der Umwelt nicht funktionsfähig wäre.

Das Gehirn arbeitet nicht isoliert, sondern in engem Austausch mit sozialen und kulturellen Umweltfaktoren. Kognition und Lernen sind somit kooperative und kontextabhängige Prozesse, die eine zentrale Steuerung durch das Gehirn infrage stellen.

Neurowissenschaftler zeigen, dass unser Gehirn aus Millionen von Neuronen besteht, die in riesigen Netzwerken zusammenarbeiten.

 

Macht mich mein Gehirn aus?

Pfiffige Gesprächspartner erwidern an dieser Stelle: Okay, das Gehirn ist zwar nicht mit mir identisch, doch es macht einen Menschen aus. Schließlich verändern Hirnschäden bzw. starke Veränderungen im Gehirn auch die Person oder Persönlichkeit eines Menschen. Der Schluss liegt also nahe, dass ein Gehirn eine Person im Grunde ausmacht, also wesentlich für ihren Charakter ist.

Darauf kann ich nur antworten: Es gibt verdammt viele und verschiedenste Faktoren, die eine Person ausmachen können, darunter individuelle Erfahrungen, soziale Beziehungen & Co.

 

Was ist eine Person?

Als Person bin ich auf jeden Fall ein Jemand und ein Mensch, nicht ein Etwas oder ein Ding. Um Person zu sein, muss ich neben körperlichen Eigenschaften über geistige Fähigkeiten verfügen. Denken, Fühlen, Einsichtvermögen, Empathie, Handlungsfähigkeit – das alles macht mich zu einer menschlichen Person.

Dabei geht der Begriff der Person über den des Menschen hinaus. Es könnte schließlich Personen geben, die nicht Menschen sind. Denkbar ist auch, dass ich einen solch massiven Hirnschaden erleide, dass ich zwar nicht mehr Person bin, aber immer noch Mensch (als biologische Spezies).

Person-sein ist nicht Mensch-sein.

 

Was ist eine Persönlichkeit?

Eine Persönlichkeit ist hingegen das psychische Gesamtprofil einer Person. Meine Persönlichkeit ist also etwas, die ich als Person habe (oder die mir fehlt).

Langfristig gesehen zeigt ein und derselbe Mensch im Laufe seines Lebens verschiedene Persönlichkeiten. Das ist vollkommen natürlich: vergleiche ich meine Persönlichkeit in meinen 20er-Jahren mit meiner heutigen in den 40ern, sind deutliche Unterschiede auszumachen.

Dagegen ist die Frage, ob ich verschiedene Personen sein kann, höchst umstritten.

 

Gehirn ist nicht Person

Man könnte argumentieren, dass Person-sein untrennbar mit dem Besitz eines Gehirns verknüpft ist, doch dies impliziert nicht, dass das Gehirn allein die Persönlichkeit eines Menschen formt.

Denn eine Person zu sein, bedeutet mehr, als nur physische Kriterien zu erfüllen; es beinhaltet das gesamte menschliche Sein. Auch wenn wir annehmen, dass ohne das Gehirn die Grundvoraussetzung für das Person-sein fehlt, so ist es dennoch nicht das alleinige oder wichtigste Merkmal, das eine Person definiert.

Ein Gehirn an sich stellt noch keinen Menschen dar

Es ist daher irreführend zu sagen, das Gehirn sei das einzige notwendige, um eine Person zu sein. Der Mensch in seiner Ganzheit – nicht nur als Träger eines Gehirns, sondern mit all seinen physischen und psychischen Eigenschaften – verkörpert die Person. Wenn also von etwas gesagt werden kann, dass es die Person ausmacht, die jemand ist, dann muss es der Mensch in seiner leiblich-seelischen Gesamtheit sein.

Vgl. auch Leiblichkeit: Leib sein & Körper haben – und: Phänomenologie (einfach definiert)

 

Ich bin nicht Geist

Grundsätzlich spreche ich mit dem Wort „Ich“ nicht über meinen Geist, sondern über mich selbst. Mein Selbst ist die Person, die ich bin – also ich als ganzer Mensch. Meinte ich mit dem Begriff „Geist“ das eigene Ich, dann würde ich wiederholt Missverständnisse provozieren.

Beispiel: „Ich habe letztes Jahr Urlaub in Spanien gemacht.“ Wenn ich hier das Wort „Ich“ durch „Geist“ ersetze, wirkt der Satz seltsam und mehrdeutig: „Mein Geist hat letztes Jahr Urlaub in Spanien gemacht.“

 

Mensch und Person

Sogar wenn ich als Mensch aufhöre, eine Person zu sein – zum Beispiel, weil ich einen schweren Unfall mit irreparablen Gehirnverletzungen erleide und nur noch dumpf vor mich hinvegetieren kann – bin ich als Mensch ein Sein, das eigentlich eine Person sein müsste.

Menschen-sein hat immer Bezug zu einem Person-sein, auch wenn beide nicht identisch sind.

Sogar bei Persönlichkeitsspaltung bleibt der oder die Betroffene eine Person – nur eben eine kranke Person. Eine Krankheit, die die Persönlichkeitsstruktur angreift und im schlimmsten Fall zersetzt, führt nicht dazu, dass aus einer einzigen Person mehrere Personen hervorgehen (das wäre eine Interpretation von außen). Vielmehr bedeutet es, dass die betreffende Person in ihrem Person-sein, beeinträchtigt ist.

 

Fazit: Geist und Gehirn

Es ist der Mensch – mit seinem Denken, Fühlen und seinen Absichten – und nicht das Gehirn allein, das diese geistigen Merkmale besitzt oder sie ausmacht. Wenn ich mir mein Gehirn vorstelle, ist das keine Selbstreflexion, sondern das gleiche, wie wenn ich mir das eigene Herz vorstelle.

Zwischen dem Subjekt, das geistige Merkmale aufweist, und jenen organischen Komponenten des Subjekts, die für das Vorhandensein dieser Merkmale notwendig sind, besteht ein grundlegender Unterschied.

Den Geist durch elektrische Impulse und neurochemische Vorgänge zu erklären, greift zu kurz, wenn wir darüber sprechen, was es heißt, zu fühlen, zu denken oder zu sein. Es ist diese echte Erfahrungswelt, die Qualität von Erfahrungen, die nicht in den Schaltkreisen des Gehirns aufgehen, sondern sich erst durch das subjektive Erleben konstituieren.

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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