Krankheitsgewinn: primär, sekundär, tertiär - subjektive Vorteile

Der Krankheitsgewinn ist ein Phänomen in der Psychotherapie, das gar nicht so selten auftreten soll. Ob primärer, sekundärer oder tertiärer Krankheitsgewinn – diese Art von Vermeidungsverhalten erschwert die Therapie bei Depressionen, Angststörungen, Magersucht & Co. – Angeblich.

Innerer & äußerer Krankheitsgewinn

Ein Krankheitsgewinn ist tricky für alle Beteiligten. Doch was ist das überhaupt?

Was ist Krankheitsgewinn?

Krankheitsgewinn ist ein Wort, das viele Betroffene entweder empört oder ratlos dreinschauen lässt. In der psychologischen Fachwelt ist Krankheitsgewinn allerdings ein geläufiger Begriff.

Hintergrund: Recht viele Patienten*innen mit psychischen Krankheiten scheinen sich mit ihrer Krankheit zu arrangieren (2). Das sagen zumindest die Psychologinnen und Psychotherapeuten.

 

Das hat aber nichts damit zu tun, dass Betroffene es sich bequem machen oder faul sind.

Viel besser ist Krankheitsgewinn als Vermeidungsverhalten zu verstehen.

Vermeidungsverhalten ist kein bewusstes Agieren, sondern ein unbewusstes Handeln, um potentielle Gefährdung im Voraus zu verhindern.

Dabei hat der Krankheitsgewinn mehr Schaden als Nutzen. Wenn er denn wirklich vorliegt…

 

Primärer Krankheitsgewinn – Definition

Ein primärer (innerer) Krankheitsgewinn liegt vor, wenn ein*e Kranke*r von den Umständen so profitiert, dass er / sie unangenehme Tätigkeiten oder Konflikte vermeiden kann.

Zum Beispiel bist Du als Kranke*r…

  • vom Job befreit,

  • kannst nicht an Prüfungen teilnehmen

  • oder sozialen Verpflichtungen nachkommen.

  • Du kannst Dich völlig legitim körperlich & psychisch schonen.

Beim primären Krankheitsgewinn ist also ein direkter Vorteil zu erkennen: die Entlastung. Der primäre Krankheitsgewinn ist eine von der Krankheit herbeigeführte Folge und dient der Heilung.

 

Sekundärer Krankheitsgewinn – Definition

Wenn Experten von Krankheitsgewinn sprechen, ist aber meist der sekundäre (äußere) Krankheitsgewinn gemeint: Patienten*innen erhalten mehr Mitgefühl, Fürsorge und Aufmerksamkeit durch andere Personen oder in bestimmten Situationen.

Zum Beispiel bei Depressionen oder Angststörungen: hast Du ein verständnisvolles Umfeld, dann wird es Dich schonen und Dir Aufgaben im Alltag abnehmen.

Das ist kurzfristig zwar erwünscht und leitet die Heilung ein, auf lange Sicht verhindert bzw. verzögert es aber Deinen Genesungsprozess.

 

Anmerkung

Ich wage zwar zu behaupten, dass Menschen mit psychischen Problemen eher Unverständnis & Vorwürfe ernten anstatt Fürsorge…ich zweifle daher, dass dieser Krankheitsgewinn so häufig vorkommt, wie Psychologen & Therapeuten behaupten.

 

Tertiärer Krankheitsgewinn – Definition

Dann gibt es noch eine wesentliche Form, die nicht vom kranken Menschen selbst ausgeht, sondern von den kümmernden & pflegenden Angehörigen. Der tertiäre Krankheitsgewinn spielt besonders bei Leuten eine Rolle, die einen Gesundheitsberuf (Therapeuten*innen, Pfleger*innen, Mediziner*innen etc.) ausführen, und muss daher unbedingt berücksichtigt werden.

Hier geht es also um die Vorteilte, die Dein Umfeld aus Deiner Erkrankung zieht. Zum Beispiel:

  • Erfüllung des Bedürfnisses, gebraucht zu werden (Helfersyndrom)

  • Befreiung von eigener Arbeitstätigkeit

  • finanzielle Entlastungen

 

Quartärer Krankheitsgewinn – Definition

Der quartäre Krankheitsgewinn bezeichnet die ideologische Um- und Aufwertung des Leidens oder der Krankheit.

So können beispielsweise Krankheiten als schicksalshaft verklärt werden. Kranke berichten bei dieser Form des Störungsgewinns über Sinn & Exklusivität des Leidens.

Gerade der quartäre Krankheitsgewinn ist (meiner Beobachtung nach) sehr weit verbreitet. Er ist im Spiel,

 
Es gibt immer drei Parteien: den Patienten, die Krankheit und den Arzt. Wenn der Patient sich bewusst oder unbewusst auf die Seite der Krankheit schlägt, dann hat der Arzt keine Chance, denn dann steht es zwei gegen eins.
— Avicenna
 

Krankheitsgewinn ist der Situation geschuldet

Eigentlich klar: als kranker Mensch benötigst Du Hilfe von Deinem Umfeld. Angehörige, Partner, Familie und Freunde entlasten Dich im Normalfall so gut sie können, um Dich bei der Genesung zu unterstützen.

Ist die Krankheit gesellschaftlich akzeptiert, wie zum Beispiel ein schwerer Beinbruch, erhalten Kranke oft ein besonderes Maß an Pflege, Verständnis & alltäglichen Hilfestellungen.

Leider kann sich daraus unterbewusst ein dysfunktionales Muster entwickeln: Bitte nicht verwechseln mit Simulation, bei der bewusst Leiden vorgetäuscht werden, um etwas bestimmtes zu erreichen. Krankheitsgewinne sind unbewusst.

Oft wird das Verhalten betroffener Missverstanden, siehe: Vorgetäuschte Depression erkennen – Was ist fake depression? sowie Depressionen beim Partner erzeugen Stress & Überforderung

 

Warum „Krankheitsgewinn“?

Ist doch seltsam. Warum wird denn überhaupt so ein positiver Begriff wie „-gewinn“ genutzt, wenn es sich doch eindeutig um ein gesundheitsschädliches Vermeidungsverhalten handelt?

Naja, es geht hier um die innerpsychische Logik des Vermeidungsverhaltens.

Wird es als unterbewusster Krankheitsgewinn verstanden, lässt sich eine Art der Sinnhaftigkeit und Rationalität erkennen, die in diesem Verhalten liegen.

 

Krankheitsgewinn als Konfliktlösung

Diese eigenständige Krankheitslogik zu verstehen, ist laut Psychotherapie ziemlich wichtig, um eine Behandlung individuell und wirkungsvoll zu gestalten.

Denn innere Widerstände & Vermeidungsverhalten sind im Grunde Informationen, die viel über Deine persönlichen Wünsche, Ängste & Bedürfnisse aussagen.

 

Vorausgesetzt, der Krankheitsgewinn ist wirklich ein innerer Widerstand und kein Schema der Psychologie, das einfach jedem Menschen übergestülpt wird, bei dem die Therapie nicht anspricht.

 

In diesem Zusammenhang evtl. interessant für Dich:

 

Salopp gesagt: Vermeidungsverhalten bzw. Krankheitsgewinn ist nichts anderes als ein Konfliktlösungs-Muster. Erst wenn Du dieses Muster erkennst, hast Du die nötigen Informationen und kannst Alternativen erarbeiten, die sich nicht gesundheitsschädlich auswirken. So denkt sich das die psychologische Fachwelt zumindest.

 

Beispiele Krankheitsgewinn

Ein Krankheitsgewinn kann sich auf unterschiedlichste Art und Weise zeigen. Mal offensichtlicher, mal versteckter. Daher hier einige Beispiel, um das Phänomen besser zu verstehen:

1. Beispiel sekundärer Krankheitsgewinn

Frau M. leidet an einer starken generalisierten Angststörung und konnte jahrelang ihre Wohnung nur noch mit Begleitung verlassen.

Sie ging in Therapie, doch obwohl die Ursachen richtig behandelt wurden, kommt kein Therapieerfolg zustande.

Nach längerer Zeit stellte der / die Therapeut*in fest, dass die Angst der Patientin ihre einzige Möglichkeit war, einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten.

Diese hatten selbst Familien und waren beruflich stark eingespannt. Sie besuchten ihre Mutter nur deshalb so häufig, weil diese ohne Hilfe nicht in der Lage war, sich selbst zu versorgen, da sie die Wohnung nicht einmal zum Einkaufen verlassen konnte.


Beispiel 2 sekundärer Krankheitsgewinn

Herrn S. beherrscht der Gedanke, von seiner Frau verlassen zu werden. Seine Angst löst körperliche Beschwerden aus, wie heftiges Herzklopfen, Schwindelattacken und Herzstechen.

Der Patient ist ehrlich davon überzeugt, an Herzproblemen zu leiden und zu sterben, wenn nicht ständig jemand auf ihn aufpasst.

Seine Frau fühlt sich durch diese „Todesgefahr“ in der Verantwortung und kümmert sich fürsorglich um ihren Ehemann. Sie ist quasi durch seine Krankheit an ihn gefesselt.

 

Beispiel tertiärer Krankheitsgewinn

Ein Therapeut behandelt seit einiger Zeit einen depressiven Patienten. Am Anfang zeigten sich Fortschritte, doch seit Monaten stagniert der Behandlungserfolg auffällig. Der Therapeut weiß nicht weiter.

Er bespricht das Problem mit seiner Suvervisorin und erkennt, dass er selbst Probleme hat, die sich im Fall seines Patienten widerspiegeln. Unterbewusst hatte er eine innere Distanz zum Patienten aufgebaut, die seine Behandlungsmethode beeinflusste.

Wie kommt es zu dieser inneren Distanz?
In diesem Fall, weil der Therapeut sein eigenes Problem verdrängt und ihm ausweichen möchte. Die Folge ist, dass er mit seinem Patienten nicht konstruktiv an einer Lösung arbeiten kann.

Sein (tertiärer) Gewinn?
Der persönliche Vorteil des Therapeuten besteht darin, sein eigenes Problem nicht lösen zu müssen. Der finanzielle Vorteil, die Therapie verlängern zu können.

 

Beispiel quartärer Krankheitsgewinn

Nina ist depressiv. Sie schließt sich einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen an.

Aus der Gruppe ergeben sich wertvolle Kontakte und Freundschaften für Nina. Auch lernt sie in der Gruppe einen Mann kennen und lieben, mit dem sie eine schöne Beziehung führt.

Diese positiven Erfahrungen führen dazu, dass Nina ihre eigene Erkrankung ab einem bestimmten Zeitpunkt positiv bewertet.

Erst durch die depressive Episode habe sie diese wertvollen Menschen kennen gelernt und den Anstoß zur eigenen Veränderung erhalten.

 

Gefahr: Verstetigung der Krankheit

Krankheitsgewinn erhält die Krankheit aufrecht

Wie erwähnt, Schonung und Hilfe ist gerade am Anfang notwendig, damit Du als Kranke*r heilen kannst. Bleibt das aber langfristig so, kann schnell eine gefährlich Dynamik entstehen, in der sich Symptome immer wieder dann zeigen, wenn man nach Aufmerksamkeit dürstet oder sich ein Konflikt anbahnt.

 

Vermeidungsverhalten isoliert & belastet zwischenmenschliche Beziehungen

Helfende Menschen geben ihr Bestes und geraten in einen Strudel der Überforderung, wenn sich langfristig nichts ändert. Nach einer Weile wird Dein Umfeld mit Ablehnung reagieren und sich ausgenutzt fühlen.

 

Krankheitsgewinn gefährdet die persönliche Identität

Bei einer langanhaltenden, leidvollen Krankheit besteht die große Gefahr, dass sich Patienten*innen immer mehr mit ihrer Erkrankung identifizieren.

Die Krankheit und ihre Einschränkungen werden als Wesensmerkmal der eigenen Person begriffen, anstatt als Krankheit.

 

Du hegst dann gegenüber Deinem Umfeld eine ungesunde und überhöhte Erwartungshaltung, indem Du stetiges Interesse an Deiner Krankheit und Rücksichtnahme voraussetzt. Meist in einem Ausmaß, dass Deine Liebsten & Freunde*innen überfordert.

Du wirst zu Deiner Krankheit. Neben ihr und ihren Symptomen gibt es kaum noch etwas anderes in Deiner Welt, das nicht von ihr diktiert wird. So verlierst Du Dich immer mehr und Dein Leiden verschlimmert sich.

 

Fazit: Krankheitsgewinn

Gibt es das Phänomen Krankheitsgewinn wirklich?

Die Einteilung in primären Krankheitsgewinn und sekundären Krankheitsgewinn geht zurück auf Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse. Jetzt ist Freud in der heutigen Zeit nicht gerade für seine Unvoreingenommenheit bekannt.

Aus Patienten-Perspektive frage ich mich, ob es diesen ominösen Krankheitsgewinn, den scheinbar nur Fachleute durchschauen, wirklich gibt.

Insbesondere was das Thema innere Widerstände betrifft. Könnte es sich hier nicht um ein Vorurteil der Behandler selbst handeln?

Mir kommt es so vor, als würde hier eine fachliche Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen vorgenommen: vgl. Stigmatisierung in der Psychiatrie – Ignoranz & andere Übel!

Bin ich nicht der Meinung des Therapeuten, habe ein anderes Menschenbild oder ein anderes Verständnis meines Leidens, dann werde ich zum “schwierigen Patienten” erklärt.

 

Etwas mehr Bescheidenheit & Reflexion täte vielen medizinischen und therapeutischen Fachkräften gut. Denn auch hier finden vielfältige Projektionen auf den Patienten statt, die alles andere als förderlich sind.

Vgl. Klassismus in der Psychotherapie

Gesundheit entsteht, als „Zustand der inneren Angemessenheit und der Übereinstimmung mit uns selbst“

(Hans-Georg Gadamer)

Quellen:

1) Stangl Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik
2) Schloss Park Klinik Dirmstein: „Fallstrick“ Krankheitsgewinn: Keine unwesentliche Hürde auf dem Weg zur Genesung
3) Katharina Vetter-Schams: Sekundärer Krankheitsgewinn: Profitierst Du von Deiner Krankheit?
4) Lisa Ober: Krankheitsgewinn – Vorteile durch Krankheit erkennen und auflösen, damit Heilung entstehen kann
5) Anke Precht: Krankheitsgewinn – was ist das? Auf den Punkt gebracht
6) Christian Ambach: Anatomie von Veränderungen – Warum es wichtig ist, den Krankheitsgewinn mit in den Blick zu nehmen
7) René Marx: Psychotherapie ohne Wirkung?
8) Stephan Heinrich Nolte: Heilungshindernisse und Krankheitsgewinn – Obstacles to Cure and Morbid Gain
9) Sigmund-Freud-Institut: Forschungsprojekt „Gesundheitsverhalten und Krankheitsgewinn bei sozial Unterprivilegierten – Barrieren und Chancen für Veränder-ungsmöglichkeiten“
10) Marion Sonnenmoser: Motivierende Gesprächsführung – Flexible Methode mit Potenzial
11) Juliane Vogler: Vorteile durch Krankheit - Der sekundäre Krankheitsgewinn

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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Angst vor Blicken bei Sozialphobie – Im Blick des anderen

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Angst verstehen – Angststörungen mit Philosophie erklären (Teil 3)