Ende gut, alles gut? Eine (ganz) kurze Geschichte des Longterminismus

Eine neue Utopie macht die Runde: Longterminismus. Sie funktioniert in den Köpfen ihrer Verfechter so: Wir werden Dank des technologischen Fortschritts in der Lage sein, fremde Planeten zu besiedeln und/oder als Avatare eine andere Existenzform annehmen – jenseits von Kriegen, Krisen und Klimawandel. Also: Vergessen wir die Gegenwart, gehen wir in die Zukunft!

Was steckt dahinter?

Longterminismus ist eine konzeptionelle Symbiose aus realem technologischem Fortschritt (Künstliche Intelligenz, KI), phantasievollen Projektionen („wir“ besiedeln fremde Planeten), noch mehr Zukunftsoptimismus (KI wird’s schon richten) und einem streng utilitaristischen Verantwortungsbegriff (maximaler Nutzen für alle Menschen aller noch kommenden Zeiten). Daraus ergibt sich dann ein Bild des Menschen, das zukunftsorientiert und technologieaffin ist.

Und eines Menschen, der in ferner Zukunft in großer Zahl das Universum besiedelt, wie wir es sonst nur aus Science-Fiction-Serien wie „Raumschiff Enterprise“ kennen.

Der Kosmologe Carl Edward Sagan schätzte 1983, dass es in Zukunft 500 Billionen Menschen geben werde.

Nick Bostrom schrieb 2003 einen Artikel mit dem Titel „Astronomical Waste“, auf den sich die Longterministen gerne beziehen, und sprach darin von „10 hoch 23 biologischen Menschen“ – 10 hoch 23 sind hundert Trilliarden. Dazu kämen dann noch „digitale Menschen“ in Computersimulationen.

 

Das Credo des Longterminismus

Für das Wohl all dieser künftigen Kreaturen müssen wir bereits heute Sorge tragen. Nebeneffekt: Das Wohl der paar Milliarden, die heute leben, tritt dahinter zurück. Der heutige Homo sapiens kann gegen den Menschen der Zukunft nicht konkurrieren.

Der Tech-Journalist Sebastian Meineck hat auf netzpolitik.de eine explizite sozioökonomische Einschätzung solcher Ideen vorgenommen:

Longtermismus ist die perfekte Ausrede für reiche, weiße, elitäre Männer, um mit gutem Gewissen ihre reichen, weißen, elitären Männer-Projekte fortzuführen – und ihre Machtposition zu zementieren
 

Eine Utopie

Longtermismus – ist das mehr als die Spinnerei einiger Tech-Milliardäre?

Es ist als Programm für eine ferne Zukunft zunächst eine Utopie (oder auch – je nach Perspektive – eine Dystopie, also „Anti-Utopie“). Seit Platons Politeia haben Utopien immer etwas Totalitäres. Das ist schon Karl R. Popper aufgefallen. Seine Utopismuskritik äußerte er 1947 in einem Vortrag, der später unter dem Titel „Utopie und Gewalt“ publiziert wurde. Sie ist eindeutig und passt zum Longterminismus wie die Faust aufs Auge:

Erlaube deinen Träumen von einer schönen Welt nicht, dich von den wirklichen Nöten der Menschen abzulenken, die heute in unserer Mitte leiden. Unsere Mitmenschen haben Anspruch auf unsere Hilfe; keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Glücksideals, das vielleicht nie erreicht wird.
— K. Popper

Poppers grundsätzliche Utopie-Skepsis nach seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Totalitarismus lässt sich auf den Longterminismus münzen: Es kann nicht sein, dass wir im Bewusstsein unserer Verantwortung für zukünftige Generationen das Recht der jetzt lebenden Generation auf Entwicklung verletzen, weil wir auch eine Verantwortung für diese und vor dieser tragen.

Der Philosoph Émile P. Torres schlägt in die gleiche Kerbe, allerdings mit deutlicheren Worten. In einem Interview mit netzpolitik.de sagt er:

Die Geschichte ist voll von Beispielen utopischer Bewegungen, die alle möglichen schrecklichen Gewalttaten wie Terrorismus und Völkermord verübten, um ihre Utopie zu verwirklichen. Der Longtermismus hat alles, was es den utopischen Bewegungen in der Vergangenheit ermöglichte, grausame Maßnahmen zu rechtfertigen
 

Effektiver Altruismus – Ethik mit Fragezeichen

Doch auch ohne den Verfechtern des Longterminismus das Schlimmste zu unterstellen, lässt sich Kritik aus ethischer Sicht üben, vor allem am utilitaristischen Ansatz, zumal dieser hier in einer Extremvariante daherkommt, als effektiver Altruismus.

Das bedeutet, mit allem, was möglich ist, einer möglichst großen Zahl von Menschen zu helfen – unabhängig von etwaigen vorhandenen persönlichen Bindung an diese Menschen und unabhängig von der räumlichen Distanz. Dieser Ansatz, der auf den australischen Ethiker Peter Singer zurückgeht, klingt erst mal gut, ja, geradezu christlich. Hatte nicht Jesus etwas ganz Ähnliches gefordert, mit Blick auf Samariter und andere Außenstehende? Entgrenzte Liebe?

Was auf den ersten Blick überzeugend klingen mag, birgt im Zuge der Longtermismus-Utopie, in der die zeitliche Distanz hinzutritt, das Problem, auch das fernste Menschlein in Milliarden von Jahren heute ins Kalkül der utilitaristischen Ethik einzupreisen.

Und da es in ferner Zukunft viel, viel mehr Menschen geben wird als heute, wiegt diese ferne Zukunft bei der Nutzenoptimierung schwerer als die Gegenwart. Es geht nicht um das Hier und Jetzt (und genau darum geht es in der Liebesethik Jesu, auch, wenn die emotionale Verbundenheit mit dem Adressaten der Liebe wegfallen soll – agape statt philia oder eros), es geht um die Gesamtschau – über alle Räume und Zeiten hinweg.

 

Kritik des Konsequentialismus

Das Grundproblem des Konsequentialismus – die Unmöglichkeit, alle Folgen des Handelns über die ganze Welt und die Zukunft hinweg abzuschätzen – potenziert sich im Longtermismus ins Absurde. Doch schon das Abschätzen über wenige Generationen ist schwierig, wie bedeutende Ethiker betonen, Robert Spaemann und Eberhard Schockenhoff.

Spaemann sieht in der folgenfixierten Verantwortungsethik einen Akt der Selbstvergötterung des Menschen: „Eine atheistische Zivilisation neigt schon deshalb zum totalen Konsequentialismus in der Moral, weil dort, wo Gott nicht als Herr der Geschichte verstanden wird, Menschen versucht sind, die Totalverantwortung für das, was geschieht, zu übernehmen und so die Differenz zwischen Moral und Geschichtsphilosophie aufzuheben“, schreibt er in „Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns“ (2001).

Dabei sei sich die utilitaristische Ethik nicht der Beweislast bewusst, die sie übernimmt, und über das Ausmaß der Last, die sie dem Menschen aufbürdet, wenn sie die universal-teleologische Orientierung ihres Konzepts, die in der theologischen Tradition immer als göttliche Prärogative gedacht ist, unmittelbar auf den handelnden Menschen überträgt.

Spaemann sieht weiterhin einen Hauptkritikpunkt an der Verantwortungsethik im Übergang von der verbindlichen Einzel- zur unverbindlichen Gesamtverantwortung im ethischen Kalkül des Utilitarismus: „Das konsequentialistische Ethikverständnis, das sich selbst als verantwortungsethisch versteht, zerstört den Begriff der sittlichen Verantwortung durch Überdehnung. Die konkrete Verantwortung handelnder Menschen wird zu einer bloß instrumentellen Funktion im Rahmen einer stets fiktiv bleibenden Gesamtverantwortung“.

Schockenhoff sieht vor allem die Überforderungsproblematik konsequentialistischer Ethik. Aus der Position des Handelnden heraus kann man gar nicht wissen, ob man der Maxime der Nutzenmaximierung mit einem bestimmten Handeln gerecht geworden ist: „Konsequentialistische Ethikansätze wie der Utilitarismus oder die teleologische Ethik schreiben dem Menschen die Verantwortung für sämtliche vorhersehbaren Folgen seiner Handlungen zu. Wenn dem Menschen die grenzenlose Optimierung seiner Handlungsfolgen aufgetragen ist, stellt dies in vielen Fällen eine rigoristische Überforderung der Handelnden dar“, so schreibt er in seiner „Grundlegung der Ethik“ (2007).

Nutzenmaximierung im Hinblick auf die Folgen als Richtschnur für das Handeln, also „the greatest happiness of the greatest number“ (Jeremy Bentham), führe, so Schockenhoff, zur „Überdehnung des Verantwortungsbegriffs“, woraus sich die Schlussfolgerung ziehen lasse: „Eine Moraltheorie, die den Verantwortungsspielraum, innerhalb dessen ein Mensch sein Handeln bedenken soll, nicht differenzierter umschreiben kann als es durch die Zuschreibung sämtlicher Handlungsfolgen geschieht, wird im Ergebnis hypertroph; sie scheitert an der Endlichkeit des Menschen, der nicht für die Optimierung von Weltläufen, sondern für das verantwortlich ist, was er innerhalb seiner Grenzen vernünftigerweise tun oder unterlassen kann.“

 

Unvernünftige Ersatzreligion

Die ach-so-vernünftigen Technologiemagnaten entwickeln also derzeit eine Utopie, die auf einem unvernünftigen ethischen Fundament steht. Deutlicher sagte es Timnit Gebru, bis 2020 Co-Leiterin der Abteilung für Ethik in der KI beim US-amerikanischen Technologieunternehmen Google: Longtermismus sei – „Bullshit“, zu deutsch: Schwachsinn. Auf Twitter schrieb die KI-Forscherin: „Billionaires convince eachother that they’re saving humanity. That’s why this longtermism and effective altruism bullshit is a religion in this valley to convince themselves that they’re saving the world“ *

*„Milliardäre versichern einander, dass sie die Menschheit retten. Daher ist der Longterminismus- und Effektive Altruismus-Schwachsinn eine Religion in [Silicon] Valley, die der Überzeugung dient, man rette die Welt“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Doch, etwas schon: Unterschätzen sollte man die „Bullshit“-Utopie nicht, denn es sind ihre Anhänger, die unsere Technologie, die wir täglich nutzen, maßgeblich mitgestalten.

In diesem Sinne ist Sebastian Meineck beizupflichten, der in seinem netzpolitik.de-Beitrag schreibt:

Ich würde gerne wissen, wie sich die Weltsicht des Longtermismus konkret auf unternehmerische Entscheidungen von OpenAI auswirkt, auf Dienste wie ChatGPT. Zumindest habe ich ein sehr schlechtes Gefühl dabei, wenn eine derart wichtige Technologie von Männern kommt, denen das Leid von Millionen Menschen im Zweifel ausdrücklich egal ist.
Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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