Natur & Gesundheit – Natur als Therapie gegen Depressionen?

Natur und Gesundheit gehören für uns irgendwie zusammen. Darum wird bei psychischen Problemen Natur pauschal als Therapie empfohlen. Aber helfen ein paar Naturerlebnisse wirklich allen und jedem Menschen mit Depressionen? Bei genauerer Prüfung zeigt sich: die positiven Studien zum Thema sind ziemlich dürftig und unprofessionell durchgeführt.

 
Natur und Gesundheit bei Depressionen

Natur als Patentrezept funktioniert nicht

Untersuchung: die Verhaltensforschung wird überwiegend von global nicht repräsentativen Gesellschaften beeinflusst.

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

 

Natur und Therapie – das Patentrezept gegen Stress?

Ob nun immer mehr Menschen psychisch erkranken oder die Allgemeinheit heute sensibler gegenüber der eigenen psychischen Verfassung ist – fest steht: die Anzahl an psychischen Erkrankungen ist auf der ganzen Welt extrem gestiegen (1). Allein Depressionen haben global in den letzten 30 Jahren um satte 50 % zugelegt (2).

Zwar heißt es immer, Depressionen treten ohne ersichtliche Gründe auf, dem widersprechen jedoch zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang von äußeren Faktoren und depressiven Störungen finden. Äußere Einwirkungen spielen anscheinend so gut wie immer eine Rolle, wenn es um psychische Probleme geht.

Wohlgemerkt:

Depressionen sind ein weltweites Problem, nicht das von einzelnen Ländern wie Deutschland.

Gleichzeitig gibt es eine umfangreiche Studienlage zu den positiven und therapeutischen Effekten von Natur auf die Psyche eines Menschen (3). Natur soll sich äußerst positiv auf die psychische Gesundheit auswirken und das allgemeine Wohlbefinden fördern. Bei allen Menschen.

Aus diesem Grund sind Natur-Erlebnisse heute (mehr oder weniger) ein Bestandteil von Depressionstherapien. Viele Psychotherapeuten*innen sind überzeugt, dass Naturaufenthalte eine wirksame Waffe gegen Depressionen sind (4).

Die Idee ist ja auch gar nicht sooo schlecht. Der Philosoph Friedrich Nietzsche sagte: „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ Die Natur quasi als ein Gegenentwurf zur Kontrollwelt im technisierten Alltag.

 

Natur ist nicht gleich Natur

Die positiven Vorteile der Interaktion mit der Natur sind durch zahlreiche Studien scheinbar belegt: Sie berichten von einer Verringerung des Stressniveaus bei den Teilnehmern und einer Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens bei denjenigen, die Zeit in der Natur verbringen.

Das denken zumindest die Teilnehmer selbst, denn viele solcher Untersuchungen beruhen lediglich auf Selbsteinschätzungen, was einen Vergleich und Verallgemeinerungen der Ergebnisse schwierig macht.

Allerdings hängt die Stärke dieses positiven Effektes auch von der Art der natürlichen Umgebung ab (6): Der Aufenthalt in ländlichen und küstennahen Gebieten ist für den Einzelnen psychologisch vorteilhafter als der Aufenthalt in städtischen Grünflächen (Stadtparks, Stadtgärten).

 

Ist Waldbaden die Lösung gegen Depressionen?

Das Zusammenspiel von Waldmedizin und Natur beschäftigt Forscher auf der ganzen Welt. In Japan wird Shinrin-Yoku als Gesundheitsprävention vom Gesundheitssystem selbst vorangetrieben: japanische Ärzte stellen Rezepte zum Waldbaden aus.

Seit 2018 werden auch auf den Shetlandinseln Natur wie Meereswanderungen, Hundespaziergänge und Co. auf Rezept verschrieben.

Und der Waldbeauftragte der deutschen Regierung, Cajus Caesar, fordert von den Krankenkassen, den Wald stärker in der Gesundheitsvorsorge miteinzubeziehen.

 

Skurrile Deutungen:

mehr Straßenbäume, weniger Depressionen?

Zur Unstatistik des Monats Februar 2022 hat es eine deutsche Studie aus Leipzig (9) geschafft, die einen Zusammenhang zwischen Straßenbaum-Dichte und Antidepressiva-Einnahme sehen möchte (8). Die Autoren dieser Studie behaupteten: je mehr Straßenbäume vor der Wohnung, desto weniger Antidepressiva müssen verschrieben werden.

Ein Fehlschluss: denn die Studie zeigt lediglich einen Hinweis darauf, dass eine höhere Dichte & Diversität von Straßenbäumen in Städten keinen oder nur geringen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Bewohner hat.

Interessant ist auch, wie schlampig solche Studien oft durchgeführt werden. Die Spezialisten von Unstatistik monieren:

  • Ergebnisse sind als Korrelationen zu verstehen, nicht als Kausalitäten (Ursachen)

  • kein wissenschaftlich akzpetiertes Signifikanzniveau verwendet

  • unklare Metriken zur Messung von Effekten

  • unplausible Werte bei der Berechnung

  • fehlerhafte Beschriftungen von Tabellen und Abbildungen

 

Stimmungsaufheller Natur

Hilft ein Spaziergang im Wald oder im Grünen wirklich jedem Menschen mit Depressionen oder extremen Stress?

Ja - sagt eine neuere Meta-Studie von 2022 (5), welche die Parameter und Objektivität vergangener Untersuchungen unter die Lupe nahm.

Aber nur, wenn Du

  • zur weißen Bevölkerung gehörst,

  • einen gewissen Wohlstand genießt,

  • einen bestimmten Bildungsgrad erreichst

  • und in Industriestaaten lebst!

 

Warum? Weil fast alle Studien zum Thema Natur und psychische Gesundheit lediglich eine bestimmte Gruppe in den Blick nahm: nämlich weiße Menschen, die in der Stadt leben, und einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehören.

Wie sieht es aber bei Menschen aus, die nicht in dieses Raster passen? Zum Beispiel Bauern, arme Menschen und Personen mit Migrationshintergrund? Hier hat die Forschung überhaupt keine Antwort. Diese Gruppen sind nämlich nie untersucht worden.

Ja, Stadtmenschen, die regelmäßig im Park spazieren gehen, scheinen etwas positiver zu sein. Aber wie sieht es mit Menschen aus, wie Gärtner, Landwirt, Förster oder Tierpfleger, die schon aus Berufsgründen viel in der Natur sind und deren Depressionen durch Geldsorgen, Krankheiten oder zu hoher Arbeitsbelastung ausgelöst wurden?

 

Meta-Studie zu Natur & psychische Gesundheit zeigt: Zivilisierung ist nicht der Hauptfaktor bei Depressionen

Gerade erst erschien eine Untersuchung aus den USA (5), die 174 Studien zum Thema unter die Lupe nahm. Die Ergebnisse zeichnen ein anderes Bild:

  • Überrepräsentation weißer Teilnehmer;

  • ethnische Zugehörigkeit wird übersehen (62 % der Studien berichten nicht über die ethnische Zugehörigkeit der Teilnehmer);

  • enge Ansichten über psychische Gesundheit/Wohlbefinden, die sich von Studie zu Studie stark unterschieden.

  • Natur wird weitgehend als Grünraum und Wald operationalisiert.

“In einem mittlerweile bekannten Weckruf an die Verhaltenswissenschaften haben Henrich et al. (2010) zeigten, dass die Ergebnisse des Feldes überwiegend auf Proben beruhen, die sich in Gesellschaften befinden, die Western-Educated-Industrialized-Rich-Democratic (WEIRD) sind – dh global nicht repräsentativ.” (5)

Die Autoren heben auch hervor: “Bemerkenswert ist, dass die einzige Studie, die sich auf indigene Völker in der westlichen Welt konzentriert, Gesundheitskonzepte jenseits der Biomedizin hervorhebt – sie befasste sich mit dem Gleichgewicht der physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Dimensionen und der Bedeutung des Zugangs zu Land als Determinante von Gesundheit und Wohlbefinden der indigenen Völker ( Hatala et al., 2020 ).” (5)

Was heißt das jetzt?

Das bedeutet, ob Naturerlebnisse und Natureindrücke generell einem Menschen mit Depressionen helfen, können die früheren Untersuchungen gar nicht sagen.

 

Global betrachtet:

Depressionen treffen vor allem die Unterschicht und Landmenschen

Die Vorstellung, Depressionen würden vor allem in der wohlbegüterten und städtischen Bevölkerung ausbrechen, hält sich hartnäckig.

Doch Depressionen sind alles andere als eine Wohlstandskrankheit.

Im Gegenteil: Gerade in ländlichen Gebieten und Entwicklungsländern sind Depressionen am weitesten verbreitet - das heben die Autoren der Meta-Studie ebenfalls hervor.

Dass so viele Medienberichte ständig betonen, in der Stadt leben mehr Kranke, geht wahrscheinlich auf den Faktor zurück, dass sich Stadtmenschen und finanziell bessere gestellte Personen viel häufiger Hilfe suchen als Landmenschen und soziale bedürftige Personen.

Die Forscher verknüpfen die globale Zunahme von Depressionserkrankungen mit Armut, Bildungsbenachteiligung und Verlust an Nachhaltigkeit.

Und das nicht von ungefähr! Armut, keine Perspektive auf bessere Lebensqualität und Ausgrenzung erhöhen die Anfälligkeit für körperliche und psychische Krankheiten ums 3-fache.

 

Entwicklungsländer: 6 Psychiater für 26 Millionen Menschen

Immer noch wird die Mehrzahl an psychisch kranken Menschen nicht behandelt. Das ist in Deutschland bereits so, aber in Entwicklungsländern noch schlimmer: satte 80 % der dortigen Bevölkerung erhält keine angemessene Behandlung.

2 Gründe dafür:

1) Je nach Kultur zeigen sich psychische Krankheiten anders und unterschiedlich. Eine Therapie in Uganda benötigt daher eine andere Methode als eine Psychotherapie in München oder New York.

2) In armen Ländern mangelt es gewaltig an psychologischen Fachkräften. Zum Vergleich: In westlichen Industrie-Ländern mit hohem Einkommen kommen 10,5 Psychiater auf 100.000 Personen, in Ländern mit niedrigem Einkommen liegt der Durchschnitt bei 0,06.

Das heißt: In einem Land, wie beispielsweise Ghana mit einer Bevölkerung von 26 Mio. Menschen, stehen lediglich 12 Psychiater für das ganze Land zur Verfügung. Das ist aber nur eine statistische Rechnung, denn gerade in den ländlichen Gebieten dieser Nationen sind noch weniger Fachkräfte vorhanden.

Wenn man nun westliche Diagnosekriterien und Behandlungen (Verhaltenspsychologie) auf diese Länder projiziert, dann fallen die meisten behandlungsbedürftigen Menschen dort komplett durchs Raster.

Und auch eine Therapie mit viel Natur würde nichts bringen.

Gerade interkulturelle Untersuchungen zeigen, dass bei der Depressionsbehandlung sowohl zwischenmenschliche Probleme als auch lokale Risikofaktoren ausschlaggebend sind.

 

Fazit: Natur gegen Depressionen

  • Die meisten internationalen Studien zum Thema Natur & Depression sind nicht-repräsentativ.

  • Außerdem zeigen die Untersuchungen lediglich einen statistischen Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Aufenthalt im Grünen auf, aber keine Kausalität.

  • Depressionen zeigen sich weltweit eher in körperlichen, sozialen Problemen als in psychischen.

  • Und selbst bei Stadtmenschen in Industrienationen bleibt es fraglich, ob Zeit in der Natur wirklich pauschal beim Großteil der depressiven Menschen hilft.

  • Ist ein bisschen so wie die Aussage: Sport hilft gegen Depressionen. Ja, kann helfen, insbesondere bei Menschen die sich vor ihrer Erkrankung überhaupt nicht sportlich betätigt haben. Bei Menschen, die ohnehin regelmäßig Sport treiben, dürfte dieser postulierte Effekt weniger greifen.

  • Auch das Leben in ländlichen Gebieten feit niemanden vor Depressionen - global gesehen sind sogar mehr Menschen auf dem Land von Depressionen betroffen als Städter.

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik


Quellen:
1) Alize J. Ferrari et al: Burden of Depressive Disorders by Country, Sex, Age, and Year: Findings from the Global Burden of Disease Study 2010 (Studie 2013)
2) Qingqing Liu et al: Changes in the global burden of depression from 1990 to 2017: Findings from the Global Burden of Disease study (Studie 2020)
3) Michael R. Barnes et al.: Characterizing Nature and Participant Experience in Studies of Nature Exposure for Positive Mental Health: An Integrative Review (Studie 2019)
4) Laerke Mying et al: Effects of Public Green Space on Acute Psychophysiological Stress Response: A Systematic Review and Meta-Analysis of the Experimental and Quasi-Experimental Evidence (Studie 2019)
5) Carlos Andres Gallegos-Riofrio et al: Chronic deficiency of diversity and pluralism in research on nature's mental health effects: A planetary health problem (Studie 2022)
6) Kayleigh Wyles: Are some natural environments more psychologically beneficial than others? (Studie 2017)
7) Melissa R. Marselle et al: Urban street tree biodiversity and antidepressant prescriptions (Studie 2020)
8) RWI Unstatistik: Höhere Straßenbaumdichte, weniger Depressionen? (25.02.2022)
9) Marselle, M.R et al: Urban street tree biodiversity and antidepressant prescriptions (Studie 2020)

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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