Depression während Corona-Krise – Tipps, die helfen können

Für psychisch Vorerkrankte sind die Veränderungen durch die Pandemie eine besondere Herausforderung. Depressionen und Ängste kehren zurück & nehmen zu. » Immer mehr psychisch Kranke – eine Mental Health Krise?

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Depression & Corona

Die Corona-Pandemie stellt alle Menschen und vor allem uns als Gesellschaft vor eine Herausforderung. Für Menschen mit Depressionen oder Angsterkrankungen fällt da aber mehr weg, als Feiern im Club oder Sonntagskuchen bei Oma. Ein Erfahrungsbericht.

 

Depression & Angst
– meine schwarze Krake kommt zurück

Viel Zeit daheim bin ich gewohnt, da ich seit gut 2,5 Jahren die meiste Zeit im Home Office arbeite.

Zudem bin ich im Online-Business, daher sind für mich die digitalen Medien auch keine Veränderung. Das zumindest ist für mich kein Problem.

Dafür habe ich einen Haufen anderer.

Im Frühjahr 2017 kam ich wegen einer rezidivierenden depressiven Störung & Angsterkrankung in Therapie.

Ich taufte dieses Duo die schwarze Krake, denn die Krankheit ist für mich wie ein monströser Schatten, der mich packt und das Leben aus mir quetscht, mit unzähligen starken Fangarmen, die Körper & Geist gefangen halten. Mich aussaugen und gähnende Innere Leere hinterlassen.

Die Erfahrungen in der Psychosomatischen Klinik (Verhaltenstherapie) damals haben mir schwer zu schaffen gemacht. Danach hatte ich 6 Monate Psychotherapie (Tiefenpsychologie). Generell ist es für Kassenpatienten ohne viel finanziellen Aufwand schwieriger, eine angemessene Therapie zu erhalten.

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

 

Eigentlich hatte ich wieder alles im Griff

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Ich hatte mich selbständig gemacht – und zwar erfolgreich. Ich hatte das erste Mal im Leben keine Sorgen um Geld und konnte mir etwas gönnen, ohne nachrechnen zu müssen.

Seit gut einem Jahr sind meine Depressionen und Ängste aber wieder stärker. Einerseits ist das dem Stress durch die Selbständigkeit zu schulden. Andererseits meinen nicht aufgearbeiteten Gedankenmustern.

Jedenfalls liegt es nicht direkt an Corona, dass meine unkontrollierten Angstattacken und die Leere zurückkehren.

 

“Aber die Pandemie und ihre Gefahren machen es noch schwerer”

Für gesunde Menschen ist die Situation belastend. Keine Frage. Doch mit einer sozialen Phobie und bleiernen Schwere auf der Brust ist das nicht zu vergleichen.

Ich benötige viel mehr Kraft, um zu funktionieren.

Um den Alltag noch irgendwie ordentlich zu schmeißen. Obwohl mir bereits auffällt, wie stark ich in vielen Dingen nachlasse. In der Arbeit, in der Partnerschaft, im Haushalt, in Freundschaften…

Und das tut mir weh. Vor allem, weil ich damit meinem Mann und meiner Familie weh tue.

Ja klar, ich habe schon gelernt, mit der Depression und Angsterkrankung etwas besser umzugehen. Allerdings ist das ein lebenslanger Prozess. Und mittlerweile bin ich sehr angespannt, wenn ich draußen unterwegs bin. Extrem angespannt.

Vor allem im Bus oder in der U Bahn, wenn ich nicht einfach vor all den fremden Blicken und Menschen davonlaufen kann.

Früher habe ich sogar 1 Stunde Fußweg in Kauf genommen, nur um nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen und diese Angst nicht zu spüren.

 

Auch für Partner & Angehörige eine Extremlage

Während der ersten Welle und dem Lock Down war dann auch mein Mann zuhause im Home Office beschäftigt. Ich fühle mich total schlecht, das zu sagen: Aber für mich als Depressive war das echt schlimm.

Normalerweise verbrachte ich den ganzen Vormittag bis späten Nachmittag allein. Jetzt war meine schöne kleine Welt, die ich nach eigenem Tempo gestalten konnte, mein Freiraum, plötzlich weg.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich liebe meinen Mann. Über alles. Wir haben nach 10 Jahren Beziehung diesen Sommer geheiratet.

Aber ich hatte das Gefühl, in die Enge gedrängt zu sein. Jetzt musste ich mich für jedes Kundentelefonat – und davon habe ich einige am Tag – abstimmen.

Ständig war Ablenkung da und Unruhe in der Wohnung, während ich versuchen musste, konzentriert zu arbeiten.

Gleichzeitig galt es die Hochzeit im Rahmen der Corona-Auflagen zu planen.

Das alles kam zu dem Stress und den Problemen, mit denen ich vor der Corona-Krise schon massiv zu kämpfen hatte, wie gesagt.

Depression in der Beziehung brauchen Offenheit

Wenn man einen depressiven Partner hat, ist es total wichtig, Probleme offen anzusprechen. Nicht wegen mir allein, sondern vor allem auch für meinen Partner – das gleiche gilt natürlich auch bei Angehörigen.

Ich weiß, dass es auch für meinen Ehemann eine besch*** Zeit ist. Er war plötzlich direkt mit meiner Depression konfrontiert. Und sehr viel häufiger. Zuvor bekam er nur mit, wenn es mir abends mal „nicht gut ging“ oder bereits alles zu spät war und ich in mich zusammenbrach.

Für mich ist das auch heftig. Und diese verdammte Scham packt mich wieder.

 

“Wenn Dein Partner sieht, wie Du durch die Depression leidest, macht das etwas mit ihm.”

Mein Partner konnte 24 Stunden durchgehend mitansehen, wie es mir in depressiven Phasen ging. Wie ich in Verzweiflung und Tränen vergehe, wie aus dem Nichts. Ich sehe und spüre, was das mit ihm macht.

Meine Depression quasi von Angesicht zu Angesicht - ich sehe, wie ihn meine Krankheit bedrückt, besorgt und was sie ihm an Kraft abverlangt.

Manchmal glaube ich in seinen Augen zu erkennen, wie ihn der Mut verlässt.

Das war jetzt etwas pathetisch ausgedrückt, aber nicht ganz daneben: Generell besteht bei Partnern und Angehörigen von Depressiven die Gefahr, dass sie durch die Belastung ebenfalls krank werden.

Darum sind offene Gespräche so wichtig.

Egal ob Du Partner oder betroffen bist - Ist Dir die Nähe zu viel? Dann darfst Du Dir ganz bewusst Auszeiten für Dich nehmen. Herrscht zu wenig Nähe? Dann solltest Du erst recht darüber sprechen.

Die psychische Belastung ist extrem geworden

Jetzt arbeitet mein Mann wieder normal und ich wie vorher im Home Office. Ich dachte eigentlich, ich hätte das Ganze einigermaßen überstanden. Das Schwierigste und den hässlichen Schatten hinter mich gebracht.

Doch gerade erst hat mir die Depression wieder Eine verpasst, dass ich kaum noch denken kann. Zuhause habe ich zumindest keine Panikattacken (Vgl. auch Panikattacken – Was tun als Partner?). Allerdings kann ich bei akuten Phasen der Depression nicht meditieren, da meine Symptome bereits sehr stark und schlimm sind.

“Als wären alle Erfolge zunichte gegangen”

Was hilft, sind aber generell einige Punkte, die ich versuche, so gut wie möglich einzuhalten.

Das hilft bei Depressionen in Corona-Zeiten

1) Schaffe Struktur – jeden Tag

Klar, Alltag ist jetzt etwas anderes als vor Corona. Der muss jetzt anders strukturiert werden. Mir hilft ein grober Tagesplan, in dem ich feste Arbeits- und Pausenzeiten einplane. Anderen hilft ein detaillierter Stundenplan besser, um sich eine Sicherheit und Motivation zu schaffen.

Übrigens: Pläne müssen keine Verpflichtung sein. Sieh sie als Orientierung und Möglichkeit.

2) Beweg Dich

Am besten draußen an der frischen Luft. Wenn Dir das zu viel ist, dann reicht es auch, wenn du zuhause etwas Sport machst. Dabei kommts auf die Regelmäßigkeit an. Also lieber alle 2 Tage 20 Minuten trainieren als einmal in der Woche ne Stunde.

3) Achte auf feste Bettzeiten

Ich weiß, wie quälend das Aufwachen sein kann. Vor allem wenn es in der früh stockfinster ist. Es ist wirklich wichtig, dass Du Deinen Körper und Geist austrickst, indem Du sie auf eine feste Aufstehzeit trainierst. Bleib nicht länger im Bett liegen oder schlafe länger – das hat bei vielen Depressiven schon zur Verschlimmerung geführt.

Das gleiche gilt für den Abend: Versuch, immer zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen.

4) Ernähre Dich gesund

Gerade meine Depression zeigt sich gerne in Destruktivität: ich esse nicht oder sehr ungesund in akuten Phasen. Das macht aber alles noch schlimmer, weil der Körper so nicht die nötigen Stoffe zur Verfügung hat, um gesund zu funktionieren und sich so die Depression weiter verschlechtert.

Achte daher gut auf Deine Ernährung. Es gilt, viel Gemüse, Obst und Omega-3 (Avocado, Fisch, Nüsse), aber auch Präbiotika haben sich in der Behandlung von Depressionen als vorteilhaft erwiesen.
Mehr dazu unter: Ernährung bei Depressionen

 

Als Partner & Familie einem Depressiven helfen

Gehörst Du zu dieser Sparte und möchtest dem geliebten Menschen in seiner Not helfen?

Egal ob Partner/in, Angehörige/r, Freund/in – Vertraute sind für einen depressiven Menschen sehr wichtig. Umso mehr in Corona-Zeiten. Ich finde es außergewöhnlich und großartig, dass Du Dich informierst, um etwas tun zu können.

Hilf dem Kranken die Struktur im Alltag aufrechtzuerhalten. Aber nicht indem Du Kontrolle ausübst. Sondern indem Du sanft motivierst und viel zuhörst.


Vgl. Depressionen: Angehörige – Das unsichtbare Leid der Familie

Vgl. Depressiver Partner zieht mich runter – Gründe & Tipps

 

Hilfe für Depressive, Partner & Angehörige zu Corona-Zeiten

Wird Dir alles zu viel und bist Du ständig überfordert, zögere bitte nicht, Dir Hilfe zu holen. Es gibt einige Möglichkeiten, persönlich, telefonisch, online. Zum Beispiel bei:

  • Haus- und Fachärzten

  • Betroffenenvereinen

  • der Selbsthilfe der Deutschen Depressionshilfe

  • der Helios Corona-Hotline: (0800) 8 123 456

  • Krisentelefonen: Telefon-Seelsorge 0800 –111 0 111 oder  0800 – 111 0 222 

Vgl. auch: Macht die Gesellschaft depressiv? Kritik der Kulturkritik

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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Liebe Worte an einen depressiven Menschen » 30 Sätze mit aufmunternden Worten

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