Depression als Strafe Gottes? – Ein Beispiel schlechter Theologie

Ich hatte hier in Depression als Christ am Ende nur kurz angedeutet, dass ich im Leid der Depression keine Strafe Gottes sehe. Das verdient eine vertiefende Erläuterung, zumal der Gedanke unter Christen, die mit Depressionen zu tun haben, immer noch virulent ist. Ich halte diesen Gedanken für ein Resultat schlechter Theologie.

Der Tun-Ergehen-Zusammenhang im Judentum

Dabei ist dieser „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (ein Konzept des Theologen Klaus Koch) nicht nur im Christentum ein kontrovers debattiertes Thema, sondern er ist fester Bestandteil vieler Erzählungen der Menschheitsgeschichte. 

In fernöstlichen Religionen spielt er eine große Rolle, etwa in der buddhistischen Karma-Lehre. Auch das Judentum zur Zeit Jesu sieht Leid als strafende Konsequenz der Sünde an, sowohl für eigenes Vergehen als auch für das Vergehen der Eltern bzw. vorangegangener Generationen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Gebet Tobits, das vom Glauben an ein generationenübergreifendes, determiniertes Verhältnis von Sünde und Strafe eindrucksvoll Zeugnis gibt: 

Da wurde ich in der Seele tieftraurig, ich seufzte, weinte und begann unter Seufzern zu beten: Gerecht bist du, Herr, und alle deine Werke sind gerecht und alle deine Wege sind Barmherzigkeit und Wahrheit. Du bist der Richter der Welt. Jetzt aber, o Herr, gedenke meiner und schau gnädig auf mich! Bestraf mich nicht für meine Sünden! Durch meine Versehen und die meiner Väter habe ich vor dir gesündigt. Ich war ungehorsam gegen deine Gebote. Du hast uns preisgegeben zum Raub und in Gefangenschaft und Tod, zu Gespött und Gerede und zur Schmach unter allen Völkern, unter die du uns zerstreut hast. Auch jetzt sind deine zahlreichen Urteile wahr, nach meinen Sünden an mir zu handeln. 

Denn deine Gebote haben wir nicht befolgt und sind nicht in Wahrheit vor dir gewandelt. Jetzt aber, handle an mir nach deinem Wohlgefallen und befiehl, dass mein Geist von mir genommen werde! So kann ich von dieser Erde Abschied nehmen und zu Erde werden. Denn es ist besser für mich, zu sterben als zu leben. Lügnerische Spottreden habe ich gehört, tiefe Trauer erfüllt mich. Herr, befiehl, dass ich entlassen werde aus dieser Not! Entlass mich an den Ort der Ewigkeit! Wende dein Angesicht nicht von mir ab, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben, als viel Not anzusehen in meinem Leben und Spottreden zu hören“ (Tob 3,1-6). 

Hinzu kommt, dass sich das Judentum nicht nur als Religions-, sondern auch als Volksgemeinschaft versteht. Insoweit liegt die Vorstellung nahe, dass die Sündhaftigkeit des Volkes auf den Einzelnen durchschlägt. 

 

Jesus: Leid ist nicht Folge einer Sünde

Hans Jonas erwähnt in seiner Rede „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ diese antike Interpretationsform im Zusammenhang mit seinem Versuch, das mit der Schoah erfahrene Leid zu deuten, das sich, so Jonas, jedoch nicht in das Schema von Tun (Ursache) und Ergehen (Folge) einordnen lasse, d. h. aus der Verfehlung des jüdischen Volkes herzuleiten sei, aus der Untreue Israels gegenüber dem Bund mit Gott. 

Diese „klassische“ hermeneutische Denkform muss angesichts des unfassbaren Grauens der Schoah scheitern, eines „Fluch[s], der jeder Sinngebung spottet“.

 

Grundsätzlich jedoch galt bei der theologischen Interpretation des Übels im Judentum: Wer sich individuell oder kollektiv gegen Gott auflehnt, der hat die Folgen des Verhaltens zu tragen und wer leidet, der muss Gott zuvor einen Grund gegeben haben, dass er ihn so leiden lässt.

Vgl. auch Hiob & die Depression – Ein Buch der Hoffnung

 

Jesus räumt damit auf – radikal

Als er mit seinen Jüngern – allesamt Juden – einen „von Geburt an Blinden“ trifft, wollen diese vom Herrn nur wissen, wer die Sünde begangen hat – er selbst oder seine Eltern (vgl. Joh 9,2).

  • Leid ist also in den Augen der Jünger stets etwas „Gerechtes“, etwas, das der Leidende „verdient“ hat – eine „Strafe Gottes“. 

  • Auch die Pharisäer bezeichnen den Blindgeborenen in Sinne dieses festen Schuld-Strafe-Konnex als „ganz und gar in Sünden geboren“ (Joh 9,34). 

Jesus verwirft diese Einschätzung: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3). 

Jesus heilt den Blinden – ein Skandal, der eine intensive Befragung des Geheilten nach sich zieht, zumal die Heilung am Sabbat geschah – und schafft damit zugleich ganz neue Verhältnisse, in denen „die Blinden sehend und die Sehenden blind werden“ (Joh 9,39). 

An anderer Stelle, als man gerade dabei ist, die neuesten Katastrophenmeldungen im Sinne des Tun-Ergehen-Zusammenhangs zu diskutieren, schaltet sich Jesus ebenfalls ein: „Jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt“ (Lk 13,4-5).

 

Depressives Leid als Bewährungsmöglichkeit

Leid bekommt damit eine grundsätzlich andere Deutung – weg von der Strafe hin zur Bewährungschance. Jesus zielt mit seiner Ablehnung der jüdisch-traditionellen Denkform des Tun-Ergehen-Zusammenhangs aber nicht auf eine „Bewährung“ im Aushalten von Leid mit Aussicht auf irdische „Belohnung“.

Stattdessen bekommt das Leid die Funktion einer Chance zur Umkehr. 

Nach Heilungen Jesu von körperlichen oder seelischen Leiden erfolgt häufig die Aufforderung an den Geheilten, künftig im Gedenken an die Heilstat nicht mehr zu sündigen, wohl wissend, dass dies nicht aus eigener Kraft, sondern nur mit Hilfe Gottes gelingen kann. Damit trifft Jesus das, was heute oft als „Jede Krise bietet eine Chance“ zusammengefasst wird. 

Für ihn bietet sich die Möglichkeit zur spirituellen Erneuerung, der religiösen Variante von moralischer Vervollkommnung.

 

Das Motiv der Besserung des Menschen durch die göttlich initiierte leidvolle Erziehung tritt dann bei Leibniz, insbesondere aber bei seinem Epigonen Christian Wolff auf, im Rahmen individueller und kollektiver Perfektibilität.

 

Fazit: Depression als Strafe Gottes?

Also: Das Leid der bzw. des Depressiven ist keine Strafe, sondern Chance zur Veränderung, gleichsam „Zeichen“.

Die Transformation von den Ursachen und Gründen (Warum?) hin zu den Zwecken (Wozu?) ermöglicht Umkehr.

Dies in den Vordergrund zu stellen, ist gute Theologie. Vgl. dazu auch meinen Text: Theodizee-Frage: Vom Warum zum Wozu

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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