Der Wille zum Sinn – Sinn und Leiden bei Viktor Frankl

Sinn kann nach Frankl jeder finden, der das eigene Leben in größeren Zusammenhang stellt, also für etwas oder jemanden lebt.

Sinn und Leid

Viktor Emil Frankl war ein österreichischer Neurologe und Psychiater.

Er begründete die Logotherapie. Deren Grundgedanke besteht darin, das Leben auf ein Ziel hin auszurichten, das jenseits der gegenwärtigen Leiderfahrung liegt.

Wer ein solches Ziel hat, sich auf den Weg macht und somit nicht im mangelhaften Zustand des Hier und Jetzt verbleibt und ständig um sich selbst und das eigene Leid kreist, kann dieses Leid aushalten und überwinden.

Das erinnert an NietzschesWer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“, ein Wort, das Frankl bei der Entwicklung der Logotherapie im Hinterkopf hatte.

Maßgebend waren dabei die eigenen Erfahrungen des 1905 in Wien geborenen Juden Frankl. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 zunächst mit einem teilweisen Berufsverbot belegt, wurde er 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort 1944 nach Auschwitz gebracht, um kurz vor Kriegsende ins KZ-Außenlager Kaufering zu kommen.

In diesen zweieinhalb Jahren entdeckt er die Bedeutung des Warum angesichts eines unmenschlichen Wie. Nietzsches Wort hätte man – so Frankl – „als Motto über die ganze psychotherapeutische Arbeit im Konzentrationslager setzen können“.

Nach dem Krieg machte sich Frankl einen Namen als Wissenschaftler und Publizist. Er schrieb über 20 Bücher, in denen er dem Sinn des Lebens nachspürte, und hielt an etwa 200 Universitäten weltweit Vorträge.

1970 wurde für Frankl an der U.S. International University in San Diego (Kalifornien) ein Lehrstuhl für Logotherapie eingerichtet. Ein halbes Jahrhundert lang arbeitete der 1997 verstorbene Frankl an der Verbreitung seines Ansatzes – durch Fachaufsätze und Vorträge in der akademischen Welt, aber auch durch Bücher und Rundfunkbeiträge für interessierte Laien.

Denn das Thema Sinnsuche betrifft am Ende jeden Menschen.

 

Sinn im Leben

Sinn kann nach Frankl finden, wer das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang stellt, also für etwas oder jemanden lebt, und zwar nicht nur für das eigene Wohl, für sich selbst.

Gesucht ist eine Zielgröße, die das eigene Dasein übersteigt und diesem durch die Teilhabe bzw. Verbundenheit Sinn verleiht. Selbsttranszendenz wird diese Orientierung genannt, die zunächst von einem selbst wegführt, damit man zu sich selbst kommen kann.

Man erreicht also ein sinnvolles Leben für sich selbst, indem man gerade nicht nur an sich selbst denkt.

Klingt paradox, wie so manches im therapeutischen Arsenal Frankls, ist aber gerade für die heutige Zeit ein interessanter Ansatz, wo sich die Selbstoptimierungspropheten in der Ratgeberliteratur mit wohlfeilen Tipps für Erfolg, Sinn und Glück überbieten.

Was jedoch, wenn Leid ins Leben einbricht?

Ein schmales Bändchen mit Vorträgen Frankls trägt den Titel „Das Leiden am sinnlosen Leben“ – Untertitel: „Psychotherapie für heute“. Es erschien bereits 1978 – das „für heute“ gilt aber weiterhin, auch 2023 und darüber hinaus.

Kann man als depressiver Mensch dem Leiden einen Sinn abringen?

Frankls Antwort ist eindeutig: Ja, man kann. Im Kapitel „Der Sinn des Leidens“ erklärt er, wie er das meint.

 

Sinn im Leiden

Frankl weist dem Leiden eine eigene Sinndimension zu. Beim Leiden ergibt sich der Sinn nicht aus dem Schaffen des homo faber und auch nicht aus dem Erleben des homo amans, sondern aus der Haltung des homo patiens.

Im Grunde erweitert Frankl hier das duale Sinnkonzept Nietzsches, der für den Menschen Sinn in der Kultur (apollinisches Prinzip) – das wäre bei Frankl der homo faber – bzw. im Genuss (dionysisches Prinzip) entdeckte, was bei Frankl dem homo amans entspricht.

Was aber, wenn man weder in der Lage ist, etwas zu schaffen (oder einfach nur zu arbeiten) und auch keine Lust mehr empfindet an sinnlichen Erfahrungen? Für die typische Lage des Depressiven hat der Philosoph Nietzsche kein Rezept.

Anders Frankl. Er sieht in ihm (und anderen Kranken und Leidenden) den homo patiens, der im Ertragen des Zustands eine Leistung vollbringt, deren Ziel nicht mehr der Erfolg ist, sondern die Erfüllung.

Damit ist diese Sinndimension den beiden anderen „üblichen“ Sinnentwürfen des Menschen überlegen. Frankl zitiert den Philosophen Hermann Cohen:

Die höchste Würde des Menschen ist das Leiden.

Das hört sich nach einer Verklärung des Leids an. Frankl selbst erkennt das und unterscheidet zwischen notwendigem und unnötigem Leiden. Dieses entstünde etwa dann, wenn man auf Schmerzmittel verzichtet oder auf eine Operation, wenn diese Linderung oder gar Heilung verspricht. Das sei dann keine Leistung, sondern Mutwille.

Es gehe allein um das Ertragen des medizinisch nicht oder nicht so einfach behandelbaren Leidens. Dazu zähle ich im Sinne Frankls auch die Depression.

 

Depression und Sinn

Wenn das Schicksal dem Menschen (zeitweilig) Möglichkeiten der Sinnerfüllung nimmt – und das ist bei einer Depression der Fall – bleibt diesem Menschen das Ertragen des Leids (das Frankl nach Max Brod „edles Unglück“ nennt).

(Vgl. auch Depression & Sinnkrise)

Und es bleibt ihm nicht bloß „übrig“, als passiv-resignative Annahme des Schicksals, sondern es bleibt ihm als sinnvoller Akt sui generis erhalten. Das heißt, es öffnet sich ihm eine neue Sinndimension, ein „Zusatzsinn“ im Leben.

Mehr noch: Der Depressive realisiert nach Frankl eine Sinnerfüllung in „dimensionaler Überlegenheit“, weil er für seinen persönlichen Sinnentwurf des Erduldens nicht mehr auf den Erfolg des homo faber oder den Spaß des homo amans angewiesen ist, sondern davon unabhängig Sinn erfährt. Einfach im und durch das Dasein. Frankl spricht vom „Triumph des homo patiens“.

Eine Einsicht, die Mut macht, auch dann, wenn es erstmal schwer ist, sie anzunehmen. Denn oft ist es ja gerade das Gefühl der Sinnlosigkeit, dass einen in der Depression beschleicht. Und jetzt soll die Depression Anlass sein, einen ganz eigenen Sinn zu finden, ja, mehr noch: in der Depression den Sinn zu sehen, der auch noch ein überlegener sein soll.

Damit würde die Depression, die angetreten war, uns jeden Sinn zu nehmen, zu einer Art Königsweg zum Ziel des höheren Lebenssinns. Das scheint absurd.

Sodann scheitert eine positive, wenn nicht gleich heroisch-triumphale Empfindung angesichts der eigenen Haltung des Ertragens oder Erduldens depressiver Verstimmung – wenn sie denn mal phasenweise eingenommen werden kann – am unstillbaren Wunsch nach einer „Normalisierung“ des Lebens, der sich aus der Erinnerung an das Davor speist.

Man möchte eben wieder arbeiten und wieder Lebensfreude empfinden können, man sehnt sich zurück ins binäre apollinisch-dionysische Sinnsystem.

 

Fazit: Wille zum Sinn nach Frankl

Ich persönlich glaube, dass es Frankl zwar gut meint und sein Konzept auch theoretisch überzeugt, dass es aber nur sehr selten gelingt, in der akuten psychischen Erkrankung tatsächlich der formvollendete homo patiens zu sein.

Vielleicht jedoch kann man in der Rückschau auf eine depressive Phase einen Sinn für das eigene Leben erkennen, um in der nächsten Episode von vorneherein geduldiger zu reagieren, im Wissen um den Sinn des Leidens.

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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