Toxische Positivität (toxic positivity) – ein gefährlicher Trend
Toxische Positivität beschreibt, wenn kein Raum fürs Negative bleibt. Good Vibes Only & positives Denken sind erwünscht, alles andere soll unterdrückt werden. Genau diese starre Haltung zum zwanghaften Optimismus führt aber zu psychischen Problemen, anstatt sie zu lösen.
Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz,
die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht“.
– Leo Tolstoi –
Wenn Positivität toxisch wird
Im 21. Jahrhundert wird geradezu mit toxischer Positivität um sich geworfen: „Good Vibes Only“, “Denk positiv”, “Immer das Gute sehen”. Tatsächlich warnen Psychologen vor dem negativen Effekt der Positivitätsbewegung: toxic positivity ist im englischsprachigen Raum bereits ein Schlagwort, in Deutschland weniger bekannt.
Was bedeutet toxic positivity?
Was ist toxische Positivität?
Toxic Positivity beschreibt das gesellschaftliche Phänomen, dass ausschließlich eine positive Einstellung nötig ist, um sein Leben gut zu leben. Es geht sogar noch weiter: denn der starre Fokus aufs Positive bedeutet gleichzeitig, alles abzulehnen, das negative Emotionen triggern könnte.
Eine positive Grundhaltung ist für den Menschen überaus wichtig, keine Frage. Doch Toxic Positivity und Positivität sind zu unterscheiden, Oberflächlichkeiten von tieferem Sinn.
Cleopatra Kamperveen, Ph.D., Assistenzprofessorin für Gerontologie und Psychologie an der University of Southern California, interpretiert die Positivitätskultur als ein Nebenprodukt von Social Media.
Dankbarkeit & positives Denken seien ein Schlüsselfaktor für Resilienz (Widerstandsfähigkeit), aber immer dankbar und optimistisch sein zu müssen, wirkt sich negativ auf unsere Psyche aus.
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Hintergrund: Good Vibes Only
Die Dosis macht das Gift
Das Schlagwort “Good Vibes Only” steht für absolute Positivität. Die ist natürlich nicht an sich toxisch. Nur das Übermaß, die starre Fixierung darauf. In Millionen Posts & Magazinen werden wir aufgefordert, uns auf die positiven Dinge im Leben zu konzentrieren.
Positiv Denken – das scheint sogar zur Etikette auf Insta, Pinterest und FB zu gehören. Ratschläge, die leider oft nur leere Hüllen und Phrasen bleiben. » Warum Ratschläge wie Schläge sind
Bedauerlicherweise springen sogar Depressionshilfen, psychologische Experten und viele andere auf den Zug auf und versickern so schön im Einheitsbrei aus aussagelosen Phrasen, bleiben deutlich unter ihrer Reichweite und pushen das Oberflächlichkeitsphänomen auch noch.
Unterschied: Positivität & Toxic Positivity
Für unsere mentale Gesundheit ist eine optimistische Haltung zur Welt sehr, sehr hilfreich (Quelle: Optimism and Mental Health). Das will ich ja gar nicht dementieren. Und auch nicht die Leute beleidigen, die diese Botschaft aktiv und hilfreich verbreiten.
Das große Aber:
Ein Stückchen dunkle Schoki wirkt auch stimmungsaufhellend und ist sogar gesund. Wenn Du allerdings eine ganze Tafel Schokolade verputzt, sieht die Sache leider anders aus. Toxische Positivität & Good Vibes Only predigen vor, mit einer einzigen Entscheidung oder Idee, die Lösung für all seine Probleme zu finden.
Hat nur einen Haken: Man sollte nie, aber wirklich niemals Ideen folgen, die man selbst nicht hinterfragt hat. Das ist der Clou an den großen Denkern unserer Kultur: Sie haben sich immer wieder selbst reflektiert. Zumindest meistens.
Toxische Positivität
Positivität
Du wirst darüber hinwegkommen! Du schaffst das!
Es ist hart, ich weiß. Aber bitte denk daran: Du hast vorher bereits harte Zeiten überstanden und ich glaube an Dich.
Bleib immer positiv! Hör auf negativ zu denken
Ich verstehe, dass Du Dich in dieser Situation nicht gut fühlst. Ich bin für Dich da.
Gib niemals auf!
Manchmal ist es in Ordnung aufzugeben. Ich höre Dir zu.
Du musst in allem etwas Gutes sehen.
Es ist wirklich schwer, in dieser Situation etwas Gutes zu erkennen. Vielleicht werden wir es später mal anders sehen.
Sei optimistisch, nichts, was Dir passiert, sollte Dich negativ beeinflussen
Du hast das Recht, traurig oder wütend zu sein. Lass es raus! Das wird Dir gut tun.
Toxische Positivität ist gefährlich
Good Vibes Only – es ist schwer und unmenschlich, so einem hohen Ideal gerecht zu werden. Der Druck, stets eine positive Laune aufrechtzuerhalten, macht krank. Sogar sehr krank.
Der Autor Tobias Haberl bringt es hervorragend auf den Punkt:
„Wir haben damit begonnen, die Wirklichkeit zu modifizieren, um sie besser ertragen zu können. Dafür blenden wir die Vorstellungen aus, die unseren Vorstellungen im Wege stehen. Im Gegenzug haben wir aufgehört uns dafür zu interessieren, wie sie wirklich ist. […]
Wenn aber nur noch die eine, die positive Hälfte des Lebens stattfinden darf, wenn sämtliche dunklen Aspekte übertüncht werden, wird die menschliche Existenz buchstäblich zu einer halben Sache.“
Seinen Hintergrund hat das Phänomen Toxic Positivity in unserer leistungsorientierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Selbstbejahung, Optimismus und Erfolg sind das Ideal schlechthin. Negative Emotionen gelten hingegen als Hindernisse zur persönlichen Erfüllung.
Toxische Positivität & Good Vibes Only
1. Die Wertung
Gute und schlechte Emotionen. Psychologisch gesehen sind Gefühle völlig neutral: sie stecken voller relevanter Informationen. Vor allem die negativen verraten viel über Person, Hintergründe & Einstellung.
2. Unterdrückung bzw. Verdrängung
Trauer unterdrücken, wenn Deine Eltern gestorben sind? Du bist wütend, weil Dich jemand verletzt hat? Wer sich jetzt aufs Positive einschießt, lässt diese Gefühle unverarbeitet in sich gären. Und der Seelen-Ballast häuft sich an, bis er Dich (im wahrsten Sinne des Wortes) in die Knie zwingt.
3. Unglücklich sein
Die tollen Sprüche auf Instagram & in Hochglanz-Magazinen behaupten, es sei eine einfache Entscheidung, glücklich zu sein. Wenn Du Dich schlecht fühlst, dann machst Du was falsch. Alle sind so happy, haben ihre Probleme überwunden – warum ich nicht? Der soziale Druck ist hier nicht zu unterschätzen.
4. Einsamkeit
Next step – sind schlechte Gefühle in der Gesellschaft nicht erwünscht und ich selbst Schuld daran, werde ich mich lieber nur noch von der besten Seite zeigen. Und wenn ich mich nicht gut fühle? Dann meide ich den Kontakt und bleibe still. Schließlich mache ich ja was falsch.
Noch einmal:
Positivität & positives Denken sind…
ein wichtiger Baustein in Therapien und Bewältigungsprozessen. Auch ist es natürlich konstruktiv aus negativen Erfahrungen zu lernen und nach vorne zu blicken.
Aber es hilft Dir nicht, so zu tun, als wäre alles toll:
Scheiße verwandelt sich nicht in Gold.
Dein Bankkonto füllt sich nicht von Zauberhand.
Und wurdest Du von einem Arschloch enttäuscht, dann bleibt er ein Arschloch.
Ach ja, positiv Denken macht Menschen auch nicht wieder lebendig.
Ganz im Gegenteil. Manchmal müssen wir direkt und schonungslos ehrlich sein, um uns weiterentwickeln zu können.
„Die Kraft der Negativität besteht doch gerade darin, dass Dinge durch ihr Gegenteil belebt werden. Oft sind es die Gefahren, Tragödien, Konflikte, schwarzen Stunden, die dafür Sorgen, dass wir uns intensiver am Leben fühlen“
Ursachen für toxische Positivität
Warum werfen wir mit leeren Phrasen um uns?
Wieso neigen so viele Menschen dazu, mit leeren Positiv-Sprüchen zu kommen, sobald jemand leidet? Höchstwahrscheinlich, weil sich die meisten Personen unwohl fühlen, sobald sie mit den Problemen anderer in Berührung kommen.
Das ist eine stinknormale Reaktion. Toxische Positivität ist oft gut gemeint und entspringt dem Reflex, sich selbst vor negativen Emotionen zu schützen. Psychologisch ist es nämlich so, dass unsere Stimmung von den Gefühlen anderer beeinflusst wird. Hat viel mit emotionaler Abgrenzung und Grenzen setzen zu tun.
Der Regenbogen geht nur auf, wenn Sonnenstrahlen und Regen vorhanden sind.
– Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun –
Wie also am besten damit umgehen? Hinnehmen, sagt die Psychologin Daria Kuss.
Das allein reicht aber nicht. Es ist auch schön, wenn Probleme nicht immer sofort nach einer Lösung verlangen, wenn jemand darüber spricht. Oft reicht es schon, aufmerksam zuzuhören und die Gefühle des anderen zu verstehen.
Good Vibes Only - schöne, neue (Un)Welt
Good Vibes Only treibt den heutigen Selbstoptimierungswahn wieder einmal auf die Spitze. Allgemein scheint eine Angst vor negativen Gefühlen & Einflüssen zu bestehen.
Toxische Positivität ist Perfektionismus & Effektivitätsstreben in reinster Form. Leider führt diese positive Scheinwelt mehr zu negativen Folgen anstatt positiven Effekten.
Der ständige Druck, sich von der besten, gut gelaunten Seite zu zeigen, führt automatisch zu einem Unzulänglichkeitsgefühl:
Warum gibt es bei mir auch bad Vibes, bei den anderen aber nur gute?
Bin ich nicht gut genug?
Nicht positiv genug?
Sei menschlich, kein unerreichbares Ideal
Toxische Positivität ist überall, wo Good Vibes Only zum Mantra erklärt wird. Wie so oft insbesondere auf Social Media, wie Facebook, Instagram & Co, anzutreffen:
„Immer positiv zu sein, ist ein äußerst unrealistischer Anspruch, den wir an uns selbst stellen. Der Druck, ständig gut gelaunt zu sein, macht uns krank, untergräbt unsere Authentizität und kann dazu führen, dass wir uns voneinander abschotten, wenn wir diesem hohen Ideal nicht gerecht werden.“
– Quelle: Blog einguterplan –
Das Leben besteht aus Perioden, Polaritäten, Positivem & Negativem
Liebe und Hasse, Trauer & Freude, Mut und Angst sind nicht umsonst miteinander verquickt, auch wenn sie auf den ersten Blick als Gegensätze erscheinen.
Die Ablehnung und Vermeidung unangenehmer Gefühle gibt Negativem erst Raum, unterschwellig zu wachsen und zu gären. Emotionen und Gefühle – egal welcher Art, sind in erster Linie Informationen. Neutrale Informationen, die uns früh warnen, wenn etwas nicht stimmt.
Fazit: Toxische Positivität
In der Psychologie sind sich heute alle einig: Gefühle müssen zugelassen werden, sie benötigen Freiraum und brauchen Akzeptanz. Und das nicht nur bei der eigenen Person, sondern auch bei anderen, unseren Mitmenschen.
Ja, das ist ein Risiko: Hörst Du Dir die negativen Gedanken von jemandem an, kann auch Deine gute Laune ins Wanken geraten. Das macht aber nichts, sondern macht Dich menschlich, hilft Dir selbst, mit Negativem umgehen zu lernen und stärkt zwischenmenschliche Beziehungen.