Hiob & die Depression – Ein Buch der Hoffnung

Ein biblisches Buch, das mich sehr geprägt hat und das ich überaus bedeutend finde – ist das Buch Hiob, jene berühmte, weit über christliche Kreise hinaus bekannte, in allen Genres der Kultur vielfach verarbeitete Erzählung des gepeinigten Gerechten…

 

…der trotz allem, was ihm an Schlechtem widerfährt,

  • trotz der Tatsache, dass ihn sein Leid suizidal werden lässt („Ich mag nicht mehr“, Hiob 7,16)

  • und er bedauert, überhaupt geboren worden zu sein („Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, / die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen“, Hiob 3,3)

  • oder zumindest die Geburt nicht überlebt zu haben („Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, / kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“, Hiob 3,11),

der trotz all dem treu zu seinem Gott steht, deswegen von seinen Freunde verurteilt wird und am Ende den Lohn seiner Treue erhält.

Vgl. Depression als Christ – Wie kann das sein?

 

Hiob & sein Leiden

Das Aushalten des Leides als Grundvollzug des Glaubens, der den Aspekt der Verherrlichung Gottes durch den unbeirrt am Glauben festhaltenden Menschen betont, wird als Erklärungsansatz nirgendwo in der jüdisch-christlichen Tradition so deutlich erkennbar wie in der Person Hiobs. 

Durch das Leid wird seine Entscheidung, an Gott zu glauben und ihm gehorsam zu sein, nicht etwa erschüttert, sondern weiter gefestigt. Am Ende „lohnt“ sich die Treue: Hiob steigt als großer Gewinner aus seiner tiefen Lebenskrise empor.

 

Das Theodizee-Problem

Die Gespräche Hiobs mit seinen Freunden werfen die Theodizeefrage auf. Das Buch Hiob, das in den letzten 5 Jahrhunderten vor Christus immer wieder überarbeitet wurde, thematisiert damit eine Menschheitsfrage, die zeitgleich in vielen antiken Kulturen auftaucht.

Nicht zuletzt in Griechenland, durch Tragödiendichter wie Aischylos und Euripides sowie den Philosophen Epikur, der sie in die typische Trilemmaform brachte:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?

Das Trilemma besteht nun darin, dass jede konsistente Lösung des Theodizeeproblems darauf basiert, eine der 3 Gott zugeschriebenen Eigenschaften (Allgüte, Allwissen, Allmacht) zu opfern. Dies geschieht um den Preis eines fragwürdigen Gottesbildes, bei dem Gott sadistisch, ignorant oder unfähig erscheint – ein „No go“ für das Christentum, nach dem sich Gottes Liebe in Christus zeigt und die Menschwerdung dem Willen Gottes zur Identifikation erwächst, das glatte Gegenteil also von Indifferenz oder gar einer vermeintlichen „Lust am Leid“. Das Buch Hiob hat insoweit auch für die christliche Religionsphilosophie größte Bedeutung.

Die Erzählung bietet also einerseits das Glaubenszeugnis eines Menschen, nämlich Hiobs, der uns zum Vorbild gegeben wird, andererseits artikuliert es die Zweifel der Menschheit in den kritischen Anfragen der Freunde. 

Immanuel Kant erläutert an dieser Konstellation den Unterschied zwischen der von ihm entwickelten authentischen Theodizee gegenüber der doktrinalen Theodizee. Letztere will qua Vernunft eine Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts erfahrener Übel geben und erwartet, dass diese konsistent sei. Kant ironisiert dieses Vorhaben – Kern von Leibniz` Theodizee – als „vernünfteln“. 

Hier weiterlesen: Theodizee-Frage: Vom Warum zum Wozu – Ein Antwort-Versuch

 

“Außervernünftiges” Gott-Vertrauen

Hiobs Freunde versuchen sich an der doktrinalen Theodizee, an einer stringenten Erklärung für Hiobs Leid. Sie finden diese – der jüdischen Tradition gemäß – im Tun-Ergehen-Zusammenhang: Hiob habe wohl Schuld auf sich geladen und erhalte nun die gerechte Strafe. 

Hiobs Reaktionen erschöpfen sich im Vertrauen – das ist gewissermaßen nicht vernunftwidrig, sondern außervernünftig. Hiob versteht nicht, was passiert, d.h., er findet keine Antwort auf das Warum, nimmt aber das grausame Geschehen gläubig, also: vertrauend an. So realisiert er die authentische Theodizee, die allein dem Menschen nach Meinung Kants zukomme. 

Dabei vertraut Hiob nicht „blind“, er sieht vielmehr die Grenzen seiner Erkenntnismöglichkeit – und stellt daraufhin alles ihm bzw. seiner Vernunft entzogene vertrauend Gottes Barmherzigkeit anheim. Hiob ist insoweit ein Vorbild, als er nicht über Dinge grübelt, die ihm zu hoch sind, und die er nicht versteht. Und die Theodizee sei eben für uns Menschen, für unseren Verstand zu hoch, so Kant.

 

Hiob hat Theologie-, Philosophie- und Kulturgeschichte geschrieben

Doch was sagt uns das Buch für unseren Glauben in Krisenzeiten wie der, in der wir leben – zwischen Corona, Krieg und Klimawandel? Zunächst die schlechte Nachricht: Auch Hiobs Glaube und seine Treue zu Gott, der das Übel offenbar zulässt, nützen ihm nichts – er leidet.

Bis er dann am Ende all das, was er nach und nach verloren hatte, wieder erhält – mit einer ansehnlichen Treue-Prämie. Doch zunächst muss er leiden und das Leid aushalten.

Freilich sollte die großzügige Restitution als Resultat der Treue im Glauben, dieses „Hollywood-Happy End“ der Hiob-Erzählung, uns auch nicht dazu verleiten, Gott als erbsenzählenden Belohner nach menschlichem Maßstab zu denken, nachdem wir ihn schon völlig zurecht nicht als sadistischen Bestrafer sehen wollten. 

Gott straft nicht durch Krankheit oder Verlust und er belohnt nicht, indem er uns im Rahmen unserer Erfahrungswelt zurückerstattet, was wir zuvor zu opfern bereit waren. Er gibt regelmäßig nicht das, worum wir ihn konkret bitten.

Gott gibt uns viel mehr: Er gibt sich selbst, am Kreuz.

Und mit dem Blick auf das Kreuz lässt sich das Leid bewältigen und überwinden. Gott selbst gibt die Antwort auf die Theodizeefrage, er wird im Gekreuzigten zur personifizierten Theodizee. Das ist die gute Nachricht.

 

Fazit: Hiob und Depressionen

Innerweltlich ist damit nichts gewonnen. Nach menschlichen Maßstäben hat das Leid der oder des Depressiven keinen Sinn und die Frage nach Gottes Gerechtigkeit angesichts des Übels keine Antwort. Hiob steht dafür Pate – der gute Schluss ist kitschige Mär zu didaktischem Zweck. So könnte man es sehen. Doch im Glauben an Christus kann dem Menschen aufgehen, dass Gott Niemanden in seinem Leid allein lässt. Hiob nicht und uns auch nicht.

Das kann trösten. 

Zumindest tröstet es mich. 

Und gibt mir Hoffnung.

Dr. phil. Josef Bordat

Gastautor Dr. phil., Josef Bordat ist studierter Philosoph, Soziologe & Dipl.-Ing. Er arbeitet als Journalist & Autor und setzt sich dezidiert mit religiös-philosophischen Themen auseinander. Auf seinem Blog und in seinen Texten gibt er Einblicke in eigene Depressionserfahrungen und deutet sie aus christlicher Perspektive.

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