Erkenntnis & Selbsterkenntnis (in Philosophie & Theologie)
Im Rahmen verschiedener Therapieansätze ist mir oft der Begriff der Selbsterkenntnis begegnet. Sich selbst zu erkennen, das gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben, die das Leben uns stellt. Zumal die Sache mit der Erkenntnis eine ziemlich komplizierte ist.
Erkenntnis – von der Wahrnehmung zum Wissen
Philosophen haben sich schon immer gefragt, was die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis sind. Was brauchen wir, um etwas erkennen zu können?
Verstand – sagten die Rationalisten (René Descartes war so einer), denn Erkenntnis ist eine intellektuelle Leistung unseres menschlichen Geistes.
Sinne – sagten die Empiristen (etwa John Locke), denn was wir nicht wahrnehmen, können wir auch nicht erkennen.
Beides – sagt Immanuel Kant: „Der Verstand vermag nichts anzuschauen, die Sinne vermögen nicht zu denken, allein dadurch, dass sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen“. Und dadurch wird vernünftiges Handeln möglich. „Sehen – Urteilen – Handeln“, das ist auch der Dreiklang christlicher Moral.
Erkenntnis aus Wahrnehmung und Wissen ermöglicht vernünftiges Handeln
Eigentlich hochplausibel und man fragt sich, warum es ein gutes Jahrhundert dauerte, auf diesen Trichter zu kommen (und warum Kant durch diese Erkenntnis so berühmt werden konnte).
Andererseits ist das Zusammenspiel von Sinneseindrücken und Wahrnehmungen auf der einen, Gedanken und Geist auf der anderen Seite alles andere als trivial. Es ist ja bis heute ein ungelöstes Problem, warum wir überhaupt bestimmte Dinge in einer bestimmten Weise empfinden (Stichwort: Qualia-Debatte).
Das heißt: Schon die Wahrnehmung ist ein philosophisches Problem.
Hinzu kommt dann noch die Überführung in den Gedanken – jedenfalls dann, wenn dieser mehr sein soll als ein emergentistisches Korrelat, ein Äquivalent in Form elektrischer Ladung im Gehirn. Kurz gesagt: Wenn man an der Behauptung festhält, es gebe Geist.
Und dann gibt es zwischen Dingen und Gedanken noch die Sprache, also: Worte. Es gibt das Bier im Glas, das man trinkt. Es gibt den Gedanken an das Bier und wie man es trinkt. Und es gibt das Wort „Bier“ (oder „beer“, „birra“, „cerveza“). Dazwischen gibt es Zusammenhänge. Neurowissenschaftler können zeigen, dass bereits das Wort „Bier“ (wenn man weiß, was damit gemeint ist) im Gehirn Reaktionen verursacht, die denen entsprechen, die man hat, wenn man Bier trinkt.
Das heißt: Sinneswahrnehmung und Verstand (in Form von Wissen) wird in Erkenntnis und vernünftiges Handeln überführt. Wenn man weiß, dass „rot“ eine Farbe und zugleich eine Ampelphase ist und man ferner die Regel kennt, dass man zu stoppen hat, wenn die Ampel „rot“ ist und man nimmt das rote Licht der Ampel visuell wahr, dann erkennt man, dass man halten soll und tut es dann auch. Alles andere wäre unvernünftig.
Komplexe Phänomene verlangen eine Reduktionsleistung
Zugegeben, das Ampel-Beispiel ist sehr einfach. Schwieriger wird die Sache schon bei der Wahrnehmung komplexer Phänomene wie einer Pandemie oder der Migration oder dem Klimawandel.
Gerade da ist es nun wichtig, Wahrnehmung und Wissen zusammenzuführen, um wirklich erkennen zu können, was los ist – und damit fähig zu werden, nach Maßgabe praktischer Rationalität richtig zu handeln.
Das Problem ist nun oft: Gar keine, kaum oder selektive Wahrnehmung trifft auf Pseudo-Wissen. Dass daraus dann auch keine nennenswerte Erkenntnis „entspringen“ kann, liegt auf der Hand. Was das für unser Handeln bedeutet, ebenfalls. Das ist die schlechte Nachricht.
Es gibt aber auch eine gute: Man kann – mit Hilfe Kants – Erkenntnis üben. Systematisch. Zunächst mal dadurch, dass man bewusst wahrnimmt. Dass man vor allem unterscheidet zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem, was man an Prägungen, Erwartungen und Vorurteilen dahingehend mitschleppt, wie man gefälligst wahrzunehmen habe.
Dann, indem man sich das Wissen zum betreffenden Gegenstand aneignet, möglichst breit, möglichst tief, möglichst kritisch. Aber auch nicht kritischer ls nötig. Und dann muss man – Kant folgend – beides miteinander in Beziehung bringen: der gebildete Verstand muss die Sinneseindrücke und Wahrnehmungen einordnen. So gelingt Erkenntnis, jenseits von unreflektierter Anekdotenevidenz und lebensferner Abstraktion.
Auch das ist einfacher gesagt als getan, zumal, wenn der Gegenstand „Migration“, „Klimawandel“ oder „Covid-19“ heißt. Die Komplexität dieser Phänomene muss reduziert werden – hinsichtlich Wahrnehmung und Wissensbildung. Man kann nicht mit jeder und jedem Geflüchteten sprechen und / oder alle Studien zum Thema Klimawandel lesen. Das geht nicht.
Und jetzt kommt der springende Punkt: Man muss zwischen „einfach“ und „banal“ unterscheiden, zwischen Vereinfachung und Banalisierung. Man muss also wissen, wie man Komplexität sinnvoll reduziert, wie man vernünftig Grenzen zieht. Das ist eine Art unerlässliche „Meta-Information“.
Wer diese nicht hat, wird Gefahr laufen, Irrelevantes wahrzunehmen und unpassende Daten und Fakten zum Wissensbestand des fraglichen Gebiets zu erheben bzw. wichtige Daten und Fakten zu ignorieren. Der wird ein schiefes Bild erhalten, weil sein Modell der Wirklichkeit mit dieser nichts zu tun hat.
Es hilft alles nichts: Wir landen bei den validen Quellen, den reliablen Studien, den verlässlichen Informanten, den vertrauenswürdigen Medien, den Autoritäten. Und damit beim Glauben. Der Glauben – es muss kein religiöser Glaube sein – klammert „Sehen – Urteilen – Handeln“.
Das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Im Gegenteil: Schämen sollte man sich eher dann, wenn man sich dieser geglaubten Annahmen selbst zu sicher ist. Andererseits muss der Zweifel auch mal ein Ende finden. Wer zweifelt, muss auch am Zweifel zweifeln.Und das geht nur mit einem Grundvertrauen – in meine individuelle Wahrnehmung, aber auch in unser kollektives Wissen.
Wissen und Nichtwissen in der Gottesexistenzfrage
Wichtig ist, sich immer der Vorläufigkeit dieses Wissens bewusst zu sein. Alles Wissen unterliegt einem Zeitindex. Es ist ein Wissensstand – hic et nunc. Gibt es umgekehrt eine Endgültigkeit des Nichtwissens?
Dazu müssen wir die Fragestellungen unterscheiden: Bei naturwissenschaftlichen Fragen könnte jedes Nichtwissen ein „Noch-nicht-wissen“ sein, bei einigen geisteswissenschaftlichen Fragen könnte es ein prinzipielles Nichtwissen geben, so dass die blochsche Hoffnung des „Noch nicht“ trügerisch ist.
Man denke etwa an die Frage nach Gott: „Existiert Gott?“ – eine Antwort darauf muss jeweils so viele untereinander inkommensurable Vorannahmen machen, dass es keine Antwort geben kann, die hinsichtlich der enthaltenen Information über die jeweils zu glaubenden Vorannahmen hinausginge und daher von der Vernunft zumindest vorläufig anerkannt werden müsste wie etwa die Antworten auf die Fragen, warum Gegenstände zu Boden fallen oder sich Verwandte ähnlich sehen.
Das ist der Unterschied zwischen einem Geheimnis (des Glaubens) und einem Rätsel (der Wissenschaft): der Anteil der Vorannahmen bei der Ergründung und der Grad der Allgemeinverbindlichkeit der Bewertung.
Und wie geht dann Selbsterkenntnis?
In Bezug auf den Ausgangspunkt bedeutet das: Selbsterkenntnis verlangt, sich richtig wahrzunehmen, also: so weit wie möglich von Vorannahme zu befreien, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, auf das zu achten, was wichtig ist und Unwichtiges zu vernachlässigen, sich vertrauenswürdige Ratgeber zu suchen (aus dem persönlichen und/oder dem professionellen Bereich), die von außen einen Blick auf die eigene Person werfen und vielleicht ganz andere Wahrnehmungen haben, andere Schlüsse ziehen und daher zu einer Erkenntnis kommen, die sich von unserer Selbsterkenntnis unterscheidet.
Vor allem bedeutet es, die Vorläufigkeit der Selbsterkenntnis zu akzeptieren, was für den Fall der Depression die hoffnungsvolle Einsicht ermöglicht, dass ich so, wie ich mich sehe, unter Umständen gar nicht bin, und sich meine negative Sicht auch einmal wird ändern können.