Depressiven Partner in Ruhe lassen? Der Umgang mit depressiven Partnern
Ist es richtig, den depressiven Partner in Ruhe zu lassen? Das kommt darauf an: Falsch ist, sich vom Betroffenen abzuwenden. Richtig ist, Freiraum zu geben und leicht zu unterstützen.
Der Umgang mit depressiven Partnern ist nicht einfach & voller Fragen.
Soll ich meinen depressiven Partner in Ruhe lassen?
Es ist schwer, mit Depressionen in einer Beziehung umzugehen. Ich weiß es als Betroffene, ich kenne es aber auch von meiner Rolle als unterstützende Partnerin mit depressivem Ehemann. Ist der liebste Mensch mit Depressionen geschlagen, stellt sich Deine ganze Welt auf den Kopf. Und vieles wird zur Herausforderung, vor allem beim Zusammenleben.
Er oder sie leidet immens – Du selbst leidest als Helfender & Liebender – die Familie und die Freunde leiden. Der Umgang mit dem depressiven Partner wird zum beherrschenden Thema.
Vgl. Depression beim Partner erzeugen Stress, Überforderung & Probleme – und: Depressiver Partner zieht mich runter – Gründe & Tipps
“Jemanden zu lieben, der Depressionen hat,
ist wie London. Es ist die tollste Stadt
der Welt, aber es regnet jeden Tag”
© Sophie Manleitner (*1995)
Inhaltsverzeichnis
Der Alltag ist voller Fragen:
Wie soll ich mit Depressionen umgehen?
Kann oder soll ich den depressiven Partner in Ruhe lassen?
Was kann man depressiven Menschen sagen?
Ist es Teil der Depressionen, wenn Aggressionen gegen den Partner aufkommen
Mit depressiven Partnern umgehen lernen
– “ich will stark für Dich sein”
Du als unterstützender Part versuchst stark zu sein – für den anderen. Und erlebst Frust und Trauer. Du bist traurig darüber, dass nichts mehr so ist, wie es wahr. Oft kommt auch Wut auf, weil sich der andere so sehr verändert hat, vor allem innerhalb der Beziehung.
Kein Wunder, dass Du als gesunder Partner irgendwann verzweifelst: Du weißt nicht mehr weiter, drohst selbst unter der gewaltigen Verantwortung zusammenzubrechen. (vgl. Wenn die Seele nicht mehr kann)
Hier hilft nur offene Kommunikation und Verständnis für den anderen. Ich hoffe, die folgenden persönlichen Tipps helfen Dir dabei, mit Deinem depressiven Partner leichter umgehen zu lernen.
1. Informiere Dich selbst über die Krankheit Depression
M. E. der Grundstein für eure weitere Zukunft als Paar: Du musst wirklich verstehen, dass Depressionen eine echte psychische Erkrankung sind. Dein Partner ist nicht schlecht drauf oder lässt sich gehen, sondern ist so richtig ernsthaft krank. Sogar gefährlich krank!
Und diese gefährliche Krankheit ist nicht mal selten: Depressionen gehören nämlich zu den weit verbreitetsten seelischen Erkrankungen. Das Leiden und der krasse Leidensdruck, der Deinem Mann oder Deiner Frau jede Kraft rauben, sind immens. Auch wenn Du es nicht sehen kannst.
Und weil es eine Krankheit ist, kann sie niemand mit bloßer Willenskraft wegblasen. Du als Partner/in hast auch nicht die Macht, die Depressionen Deines Partners zu heilen. Dabei kann nur ein Arzt helfen.
Außerdem ist es für Dich sehr wichtig, die Symptome einer Depression zu erkennen: abweisendes, verletzendes oder egoistisches Verhalten von Depressiven ist kein Persönlichkeitszug, sondern eine Auswirkung der Krankheit.
Das ist wohl die schwerste Lektion überhaupt: Den Kontakt zum depressiven Partner zu halten, auch wenn er sich immer wieder verschließt. Nimm sein Verhalten nicht persönlich, die Depression hat nichts mit Dir zu tun. Ein depressiver Mensch braucht hin und wieder Ruhe, muss sich zurückziehen. Das ist in Ordnung.
Vgl. auch Langzeitfolgen der Depression – Was von der Krankheit bleibt
» Folgen von Depressionen – körperlich, psychosozial, beruflich
2. Achte auf Dich & sorge für Dich
Ich betone Deine Selbstfürsorge aus 2 Gründen:
1. weil Deine Selbstfürsorge nicht nur für Dich, sondern auch für Deinen Partner wichtig ist. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viele Schuldgefühle Dein Mann bzw. Deine Frau mit sich schleppt.
Das sind nicht nur Tonnen, das sind ganze Berge aus Ängsten, die einen Depressiven belasten. Wenn Du Dich dann auch merklich aufopferst und es Dir schlecht geht, wirft das Deinen Partner in eine weitere Dimension aus Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und pessimistischen Gedanken. So erging es mir jedenfalls.
2. Kannst Du einem Depressiven nicht helfen, wenn Du selbst total fertig bist oder krank wirst (Stichwort: Co-Depression)
Bitte achte daher gut auf Dich.
Geh spazieren
Gönn’ Dir Zeit für Dich, um allein zu sein
Triff Dich mit Freunden
mach draußen Sport
Geh ins Kino, wenn es Dir Spaß macht.
Ja, und lass Deinen depressiven Partner mal in Ruhe oder allein, das schadet überhaupt nicht. Außer er oder sie ist suizidgefährdet. Das ist natürlich eine andere Nummer.
An sich tut es Depressiven aber gut, mal Ruhe zu haben.
Ruhe hilft heilen.
3. Höre einfach nur zu, ohne zu raten & zu vergleichen
Aktives Zuhören können leider nur die wenigsten. Das ist auch verständlich, Du möchtest schließlich helfen, wenn es dem schlecht geht, den Du liebst.
Ist Dein Partner depressiv, dann lass gute Ratschläge oder eigene Sorgenberichte lieber sein. Es ist ganz wichtig, dass Du Dich in diesem Punkt zurücknimmst und wirklich nur zuhörst.
» Warum Ratschläge wie Schläge sind
Denn Dein Partner ist nicht in der Lage, die tollen Ratschläge und Aufmunterungsversuche zu erfüllen. Ganz im Gegenteil, oft fühlen sich Betroffene dadurch noch minderwertiger, unfähiger und schuldiger.
Also höre zu, frage nach, zeige Verständnis. Das ist eine ungemeine Erleichterung für Deinen Partner, um mit seinen Depressionen fertig zu werden.
4. Biete Hilfe an & ermutige sanft zu mehr Aktivität
Dein Partner benötigt jetzt dringend Deine Unterstützung, um seine Depressionen in den Griff zu bekommen. Doch wie kann man depressiven Menschen überhaupt bei der Bewältigung helfen? Oder solltest Du Deinen Partner doch lieber in Ruhe lassen?
Am besten hilfst Du, Indem Du kleine Hilfestellungen im Alltag bietest.
Depressive können kaum Energie aufbringen. Selbst Zähneputzen fällt schwer und schwierige Aufgaben sind erst recht nicht zu schaffen.
Motiviere Deinen depressiven Partner zum gemeinsamen:
Sport oder Spazierengehen
Einkaufen und Kochen
Essen und Trinken,
Körperpflege
Hobbys, wie Puzzeln, Zeichnen, Filzen, Stricken etc.
Erinnere auch immer wieder daran, dass Depressionen eine Krankheit sind und ihr zusammen etwas dagegen tun könnt. Noch viel wichtiger:
Eines der wichtigsten Dinge ist, Deinen Partner mit gesundem Essen zu versorgen
Depressive leiden oft an Appetitlosigkeit und sind zu erschöpft, um sich selbst eine gesunde Mahlzeiten zu kochen. Hier hilft eine gesunde Mahlzeit, den Körper mit der notwendigen Energie und den benötigten Vitalstoffen zu versorgen.
Biete Deinem Partner mit Depressionen daher an, gemeinsam die Mahlzeiten zu kochen. Sollte sich Dein Partner nicht in er Lage fühlen, kannst Du für ihn Mittag- oder Abendessen kochen. Das ist eine enorme Erleichterung und echte Hilfe für depressive Menschen.
Hilf bei der Suche nach einem Psychologen
bzw. Psychotherapeuten, indem Du recherchierst oder sogar für Deinen Partner Kontakt aufnimmst. Für mich war es auch entscheidend, dass mein Mann mich damals zum 1. Arztbesuch begleitete. Allein wäre ich niemals hingegangen. Und es gäbe mich heute nicht mehr.
Hast Du Angst zum Arzt zu gehen wegen Depressionen, dann lies bitte hier: Wie spreche ich Depressionen beim Arzt an?
5. Deinen depressiven Partner in Ruhe lassen & Freiraum geben
Durch die Depression beherrscht mich oft das Gefühl, ich wäre völlig ausgeliefert. Ich habe überhaupt keine Kontrolle mehr über mein Leben.
Von allen Seiten dreschen Erwartungen und Forderungen auf mich ein. Und ich kann keine Einzige erfüllen. (vgl. ich kann nicht mehr). Wenn man mir jetzt nicht Raum gibt und mich in Ruhe lässt, breche ich zusammen.
So fühlen sich viele depressive Menschen und wahrscheinlich auch Dein Partner. Es ist natürlich wichtig, dass Du weiter da bist und immer wieder unterstützt.
Aber die geliebte Person benötigt auch Raum, um selbst nachzudenken und Entscheidungen treffen zu können. Wenn Du wie eine Glucke über Deinen Partner wachst, könnte er sich kontrolliert, bevormundet, gedrängt und vereinnahmt fühlen.
Alles Gefühle, die Depressive ohnehin gewaltig quälen und ihre Leiden verstärken. Einen depressiven Partner in Ruhe zu lassen, ist daher völlig in Ordnung und notwendig. Zumindest von Zeit zu Zeit.
6. Wenn Dein Partner aggressiv ist, zeige ihm klare Grenzen
Doppeltes und 3-faches Ausrufezeichen!!! Wichtiger Punkt im Umgang mit einem Depressiven. So wie Du nicht in Deinen Partner hineinsehen kannst, um seine Depression zu verstehen, so kann Dein Partner auch nicht Deine Gedanken lesen.
Oft reagiere ich als Depressive auch völlig daneben, wenn ich mal wieder keine Luft bekomme. Ich bin dann tatsächlich aggressiv gegenüber meinem Ehemann, weil ich mich komplett überfordert und eingeengt fühle. Auch erwische ich mich dabei, wie ich ihm Vorwürfe mache, wenn er das oder jenes nicht bedenkt.
Vgl. auch Depression: Aggressionen in 50 % aller Fälle
Alles, weil ich mich wieder verantwortlich fühle & seine Taten oder Worte missverstehe. Diese Gefühl hängt aber nicht mit meinem Mann zusammen, sondern mit mir selbst: den erhöhten Anforderungen an mich selbst.
Zeigt Dein depressiver Partner Aggressionen gegen Dich, darfst Du offen sagen, dass Dich dieses Benehmen stört, verletzt und Du es nicht hinnimmst. Das ist ganz wichtig, damit Dein Partner merkt, dass er sich wieder in einer Spirale befindet.
Außerdem solltest Du jemanden mit Depressionen in Ruhe lassen, der sich dermaßen überfordert fühlt. Gib demjenigen Zeit, seine Gefühle rauszulassen und zu verarbeiten. Aber Du musst nicht als Boxsack herhalten!
Vgl. auch Depression bei Männern: Wut auf Partner
7. Sprich mit Deinem Partner über Deine Sorgen & Ängste
Dich als unterstützender Partner plagen sicherlich einige Zweifel:
Mach ich das überhaupt richtig?
Genügt meine Hilfe?
Verliere ich mich selbst dabei?
Was, wenn der depressive Partner sich nicht helfen lassen will?
Manchmal erscheint es einem Depressiven dann so, als würde sich die Bezugsperson von einem abwenden. In Wirklichkeit bist Du aber selbst voller Ängste und Sorgen.
Bitte sprich mit Deinem depressiven Partner darüber, wenn Du Dich überlastet fühlst. So erinnerst Du ihn gleichzeitig daran, dass auch er sich um seine Ressourcen kümmern muss und darf, um mit der Situation fertig zu werden.
8. Was kann man einem depressiven Partner sagen?
Eine häufige Frage, die mir mein Ehemann selbst schon gestellt hat und ich mir selbst als Depressive oft genug stelle. Ratschläge sind leicht misszuverstehen, das stimmt. Und seine eigenen Sorgen als Nicht-Betroffener mit denen eines Depressiven zu vergleichen, ist leider unmöglich.
Es gibt aber durchaus einige Dinge, die Du einem depressiven Menschen sagen kannst, ob Mann, Frau, Freund oder Freundin:
Du bist nicht allein.
Dieser Satz ist so ungemein wichtig. Als Depressive fühle ich mich oft einsam, allein und isoliert. Und es tut unheimlich gut zu wissen, dass Du weiterhin da bist und mich nicht fallen lässt, wenn es schwierig wird. Vgl. auch Einsamkeit in der Depression
Ich kann vielleicht nicht genau verstehen, wie Du Dich fühlst, aber denke daran, dass Du mir am Herzen liegst und ich Dir wirklich helfen will.
Meine schlimmste Angst ist, dass sich mein Partner nur dazu verpflichtet fühlt, mir zur Seite zu stehen, es aber gar nicht will und es ihn belastet. Indem Du fragst, wie Du helfen kannst, zeigst Du einem depressiven Menschen, dass Du wirklich von Dir aus helfen willst. Ideal ist es, wenn Du Deine Hilfe anbietest, bevor Dein Partner darum bitten muss.
Ich bin da für Dich und helfe Dir in dieser schweren Zeit.
Groß ist auch die Angst, dass mein Partner es mit den Depressionssymptomen nicht mehr länger aushält, es ihm zu anstrengend wird und seine Liebe zu mir versiegt. Jetzt ist es wichtig, dem Betroffenen zu sagen, dass er nicht seine Krankheit ist, dass er nicht verrückt ist, dass die Symptome nicht seine Persönlichkeit sind und Du Verständnis hast.
Du und Deine Gefühle sind mir wichtig.
Das Selbstwertgefühl Deines depressiven Partners ist nicht nur angeschlagen, sondern regelrecht ausgehöhlt. Ich glaube in diesen Momenten, dass sich niemand – nicht mal mein Mann – wirklich für mich interessiert. Sag Deinem Partner daher, wie wichtig er und seine Gefühle für Dich sind. Das hilft ihm wieder etwas Selbstwert aufzubauen.
Mein Partner ist depressiv. Ich kann nicht mehr. Wo finde ich Hilfe für Angehörige von Depressiven?
Such Dir unbedingt ärztliche Hilfe, denn bei Überlastung besteht die große Gefahr, dass auch Du in eine psychische Störung abrutscht.
Es gibt viele Hilfsangebote für Angehörige von depressiven Menschen, zum Beispiel bei der Deutschen Depressionshilfe.
Diese Angebote gibt es, weil sich viele Menschen in ähnlicher Situation wie Du überfordert und ausgebrannt fühlen. Es ist also ganz normal, dass auch Du Hilfe brauchst.
Mein Ehemann hat psychologische Hilfsangebote auch in Anspruch genommen. Und seitdem ist vieles einfacher. Nicht immer, aber häufig. Du wirst sehe, das wird auch Dich im Umgang mit Deinem depressiven Partner entlasten. Vgl. Depressionen: Angehörige – Das unsichtbare Leid der Familie
Depressiven Partner in Ruhe lassen geht nicht, wenn...
Selbstmord-Gefahr besteht. Suizidgedanken sind manchmal gut versteckt. Es gibt die aktiven Signale wie:
viel über den Tod sprechen
direkte Selbstmordabsicht äußern
Suche nach Sterbemitteln und -Methoden
autoaggressives Verhalten
Daneben existieren aber auch passive Suizidgedanken, die selbst für Deinen depressiven Partner nicht leicht zu entlarven sind. Sie zeigt sich oft darin, dass der Tod oder entsprechende Handlungen keine Schrecken besitzen, sondern als Erlösung verstanden werden. Oder überhaupt einfach darüber nachgedacht wird, wie es wohl wäre.
Hast Du die berechtigte Befürchtung, Dein Partner leidet an Selbstmordgedanken, wende Dich bitte sofort an folgende Stellen:
In Deutschland gibt es
104 Telefonseelsorge-Stellen
die zu jeder Tages- und Nachtzeit anonym Beratung am Telefon anbieten. Unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer
0800 -111 0 111
oder
0800 - 111 0 222
kann kostenlos angerufen werden.
Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge hören Dir zu, nehmen Anteil, unterstützen Dich, Hilfe zu finden und verweisen bei Bedarf an andere Einrichtungen.
Der richtige Umgang mit depressiven Partnern ist wichtig
Warum betone ich das immer wieder?
Warum spreche ich davon, depressiven Menschen Ruhe zu gönnen, sich so und so zu verhalten und bestimmte Worte zu wählen?
Weil viele Partner und Freunde von Depressiven in guter Absicht falsch handeln und es dem Betroffenen leider noch schwerer machen.
Ja, es ist durchaus so, dass depressive Menschen mal in Ruhe gelassen werden wollen. Distanz tut manchmal gut.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Du ihn oder sie mit ihren Ängsten völlig allein lassen sollst.
Sei da, aber dränge nicht.
Hör’zu, aber vergleiche nicht.
Hilf, aber lass Freiraum.
Wenn sich Dein depressiver Partner absolut nicht helfen lassen will und sich für längere Zeit komplett verschließt, solltest Du mit Dich mit der Telefonseelsorge oder Deutschen Depressionshilfe beraten, was Du am besten tun kannst.
Vgl. auch Depression beim Partner – Stress, Überforderung & Probleme
Hier ein gelungenes Video von funk: “Das letzte Gespräch”, in dem sehr gut klar wird, mit welchen Schwierigkeiten beide Partner in der Beziehung zu kämpfen hatten.