5 Lügen der Depression – Was Deine Depression Dir einredet, aber nicht stimmt
Hat Dich die Depression im Griff, wirkt sich das direkt auf Deine Wahrnehmung und Gefühlswelt aus. Zahlreiche Studien belegen: depressive Menschen nehmen ihre Umwelt und sich selbst anders wahr als „gesunde“ Menschen. Lies hier, welche Lügen Dir Deine Depression einredet.
Depressionen sind chronische Lügner
Sie beeinflussen Deine Wahrnehmung und geben Dir Gedanken ein, die nicht wahr sind. Hier erfährst Du 5 Dinge, die eine Depression Dir vorlügt.
Depressionen lügen immer
Mit einer Depression im Nacken ist das so eine Sache. Sie ist nicht greifbar. Daher kann es helfen, ihr einen Namen zu geben bzw. zu personalisieren.
Warum? Hat 2 wichtige psychologische Effekte:
Du gewinnst Distanz zu der depressiven Gedanken-Maschine, die kein Mensch abstellen kann. Wichtig ist, Du wirst Dir bewusst: Du bist nicht Dein Gedanke und Dein Gedanke ist nicht die Wirklichkeit.
Indem Du einen harmlosen Namen wählst, verliert die Depression ihren lähmenden Schrecken. Das gibt mir Gelegenheit, sie humoristisch zu betrachten und so zu entmachten.
Meine Depression hat die typische Gewohnheit, mein Denken zu boykottieren und alles in Zweifel zu ziehen.
Sie kommt dann gerne mit Behauptungen und Anschuldigungen daher, die mir etwas weis machen sollen, das gar nicht stimmt. Meistens weiß man das aber erst, wenn man die depressive Phase überstehen konnte.
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5 Lügen der Depression
1) Du wirst Dein Leben lang leiden
– Komm’ damit klar!
Die Depression gibt mir unaufhörlich seltsame und negative Gedanken ein. Das ist nicht nur nervig, sondern auf Dauer extrem zermürbend. Bei allen Betroffenen behauptet die Depression rigoros, dass Du Dir keine Hoffnungen machen solltest.
Dein Zustand wird sich nicht mehr bessern und Du wirst Dein ganzes Leben nicht mehr Freude empfinden können.
Stimmt aber nicht.
Medizinische Untersuchungen und die Selbsterfahrung vieler depressiver Menschen beweisen: Depressionen fluktuieren – mal sind sie stärker, mal weg, mal ganz leicht, aber nicht immer gleich schlimm.
Du musst auch nicht befürchten, dass Depressionen ein unüberwindlicher Dauerzustand sind. Im Gegenteil: Therapie, Achtsamkeit, Sport etc. helfen wirklich dabei, depressive Episoden zu erleichtern oder weniger werden zu lassen.
Es braucht lediglich für Dich persönlich und individuell die passende Maßnahme. Mir hilft autogenes Training zum Beispiel nicht, auch Meditieren bei akuter Depression ist kontraproduktiv, das reißt mich noch weiter rein.
Aber Sport und andere Achtsamkeitsübungen helfen mir sehr gut. Auch das Schreiben gehört dazu.
2) Lauter negative Erinnerungen
– Deine Vergangenheit sagt alles über Dich!
Grübelzwänge und Grübelspiralen drehen sich häufig um vergangene Ereignisse. Und das in äußerst negativer Weise. Meine Depression erinnert mich gerne an ist fiese, peinliche Erfahrungen.
Da hast Du wieder kompletten Stuss verzapft! Wie dumm Du bist? Zum Schämen!
Warum ist es immer das Gleiche mit Dir? Ganz schön egoistisch, ständig über sich selbst nachzudenken. Da hat doch kein Mensch Lust, mit Dir befreundet zu sein. Wie war das mit …”
Und das sind noch die harmlosen Dinge …
Bei all den negativen Gedankenspiralen hilft nur ein Gedankenstopp.
Und Selbstgespräche, die dagegen argumentieren.
Erst einmal: Wir leben jetzt, nicht damals! Vergangenheit vorbei, Zukunft noch nicht da – was bleibt ist das Hier und Jetzt.
Und hey – aus Fehlern hast Du gelernt. Trial-and-Error, ein absolut legitimes und menschliches Lernverfahren.
Ich weiß, das siehst Du mitten in der Depression anders. Daher ist es wichtig, dass Du Dich auf Deinen heutigen Tag konzentrierst oder die Woche.
Die Aufgabe ist es, Dir ein Blatt Papier zu schnappen und Positives darauf zu notieren. Bewusst positive Formulierungen wie:
„Gestern hab ich mir allein einen Kaffee geholt. Schon cool.“
„Heute Morgen waren die Wolken am Himmel wunderschön.“
„Jetzt gönne ich mir mal Zeit für mich. Hab ich verdient, jawohl!“
“Heute hat Sara angerufen und war sehr lieb.”
3) Dir kann nichts & niemand helfen
– Nimm es mit Eiern!
Eine der dreistesten Lügen von Depressionen: Du darfst Dir keine Hilfe nehmen und bist sowieso nur ein elender Schwächling, der die anderen lieber nicht mit so einem Quatsch belasten sollte.
Genau! Wer nichts leistet, ständig jammert, sich nicht mal selbst helfen kann – der ist nichts wert und verdient auch keine Hilfe.
Ist absoluter Müll, was Deine Depression Dir da eingibt.
Die Zahlen sprechen nämlich für sich:
Zwischen 50 und 60 % der Patienten sind nach der Behandlung durch Psychotherapie & Medikamente wieder “geheilt”.
Weitere 20–30 % benötigen kompliziertere Therapien, bei denen mehrere Medikamente kombiniert werden und auf alle Fälle auch eine intensive Psychotherapie erfolgen muss.
Noch was: Es tut gut, sich Freunden, dem Partner oder einem Familien-Mitglied anzuvertrauen.
Hauptsache, sie haben Verständnis für Dich, die Krankheit selbst müssen sie nicht verstehen. Teilweise können Deine Lieben Dir auch helfen, aus dem schwarzen Loch zu krabbeln. Ganz egal, ob es Gespräche oder gemeinsame Unternehmungen sind – probiere aus, was Dir jetzt guttut und ob es Dir guttut.
4) Bleib gefälligst allein Zuhause
– Ist eh schon alles egal
Deine Depression vegetiert gerne mit Dir auf der Couch herum. Am besten ganz allein – mit zugezogenen Vorhängen, düsteren Bildern im Kopf und jeder Menge Selbstvorwürfen. (vgl. Depression: Bilder im Kopf = Intrusionen - Was hilft?)
Bloß nicht hinausgehen, bloß keine anderen Menschen begegnen!
Und überhaupt: Bewegung ist soooooo unglaublich anstrengend! Bringt doch jetzt auch nichts mehr.
Gehst Du jetzt raus an die freie Luft und bewegst Dich ein wenig, kurbelt sich Dein Kreislauf an. Glücksgefühle (Serotonin) werden aktiviert, dazu trägt auch das Sonnenlicht und die Frischluft bei.
Am coolsten ist es natürlich, wenn Du in der Natur spazieren gehen kannst. Aber auch ein wenig strecken und recken auf dem Balkon tun es.
5) Essen wird überbewertet
– Und wenn, dann gönn’ Dir was Ungesundes
Die meisten depressiven Menschen haben während einer akuten Phase echte Probleme mit dem Essen.
In schweren Episoden bekomme ich kaum noch etwas herunter. Die Depression sorgt dafür, dass ich mich auch noch selbst bestrafe, indem sie mir das Essen zur Qual macht. Ich habe keinerlei Appetit, alles wird in meinem Mund zu Pappe. Ständig war mir übel.
Es kommt aber auch vor, dass ich es schaffte zu Essen. Allerdings dann nur total ungesundes Zeug. Die Depression sagt mir dann:
„Ey, Chips, Schokolade, Kekse – nimm Dir, was Du brauchst. Macht doch keinen Unterschied, Hauptsache Du hast was im Magen.
“Bringt Energie und is’ mega lecker. So what?”
“Guck mal, jetzt wo es Dir schlecht geht, musst Du Dir etwas gönnen.
Ungesunde Lebensmittel machen alles noch schlimmer, wenn sie über längere Zeit Deine einzige Nahrung bilden. Du isst zwar, verlierst aber weiter an Kraft und Gesundheit.
Zudem könnte Zucker bei depressiven Menschen dazu beitragen, dass sich die Depression köstlich amüsiert und weiter wächst. Eine zuckerarme Ernährungsweise unterstützt die Depressionstherapie hingegen. Vgl. Ernährung bei Depressionen
Verwandtes Thema:
Lügen depressive Menschen?
Und lügen sie mehr?
Lügen depressive Menschen mehr als gesunde Menschen? Diese Frage beschäftigt so viele Menschen, dass sie in den letzten Jahren tausendfach bei Google eingegeben werden. Doch allein die Fragestellung scheint mir grundlegend falsch, denn sie setzt die Prämisse, dass Lügen an sich eine fatale Angelegenheit wäre. Doch in Wahrheit lügen wir alle in unserem Alltag ständig.
Laut einer bestimmten Studie lügen wir alle etwa 200 Mal am Tag (1). D. h., jeder von uns flunkert mehr oder weniger, je nach Situation, persönlichen Erfahrungen, sozialer Interaktion und dem Intimitätsstatus der jeweiligen Beziehung.
Tatsächlich scheinen die meisten Menschen damit kein Problem zu haben. In vielen Fällen sind diese Lügen harmlos und dienen dazu, das tägliche Leben zu erleichtern oder Konflikte zu vermeiden.
Depressionen sind keine Frage der Moral
Doch wie ist es, wenn jemand eine psychische Krankheit hat? Dann wird das Verhalten dieser Person oftmals auf eine moralische Waage gelegt und eindeutig aus der “gesunden Perspektive” verurteilt.
Hier ist es wichtig, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Depressionen sind eine ernsthafte Erkrankung, die das Leben von Millionen von Menschen weltweit erheblich beeinträchtigt und verschiedene Aspekte ihres Alltags beeinflusst — darunter auch ihr Verhalten und ihre Interaktionen mit anderen.
In solchen Zuständen verhalten sich Betroffene vielleicht anders, als es gesunde Menschen erwarten. Wenn Betroffene also lügen oder Informationen zurückhalten, dann tun sie das nicht aus böswilliger Absicht.
Oft lügen gesunde wie kranke Menschen in Krisenzeiten, um negative Konsequenzen zu vermeiden, sich selbst zu schützen oder eine emotionale Entlastung zu erreichen.
In anderen Kontexten ist das durchaus gesellschaftlich akzeptiert.
In spezifischen Zusammenhängen, die am meisten Solidarität und Humanität verlangen ( wie Armut, Krankheit, Migrationshintergrund, Asyl), dagegen nicht.
Stigmatisierung ist die Voraussetzung fürs Lügen
Die Fragen, ob depressive Menschen lügen oder häufiger lügen als gesunde Menschen, sind keine rein individuellen Angelegenheit, sondern umfassen ebenso gesellschaftliche Vorurteile.
In vielen Kulturen wird psychische Erkrankung oft mit Schwäche oder einem Mangel an Kontrolle über das eigene Leben assoziiert. Diese Sichtweise führt nicht nur zu einer gesellschaftlichen Stigmatisierung der Betroffenen, sondern zwingt sie dazu, ihre inneren Kämpfe zu verbergen, um nicht als „schwach“ oder „empfindlich“ abgetan zu werden.
Stigmatisierung erzeugt einen starken sozialen Druck. Lügen lassen sich in diesem Kontext als Abwehrmechanismus verstehen. Depressive Personen halten Informationen zurück oder “spielen eine Rolle” aus Angst vor Ablehnung und Missverständnissen.
Diese Verhaltensweise ist nicht einfach moralisch zu etikettieren, sondern muss im Lichte der existierenden sozialen Normen betrachtet werden.
Immer und ohne Ausnahme.
Quellen:
1) Studie Max-Planck-Gesellschaft: Wer am häufigsten lügt. Metaanalyse fasst 565 Studien zur Psychologie der Unehrlichkeit zusammen, 9.01.2019
2) Warneken F, Orlins E. Children tell white lies to make others feel better. Br J Dev Psychol. 2015 Sep;33(3):259-70. doi: 10.1111/bjdp.12083. Epub 2015 Mar 15. PMID: 25773019