Depressive verstehen – 5 Fakten über depressive Menschen

Um depressive Menschen zu verstehen, musst Du bedenken, dass sie anders Denken und Fühlen. Dabei solltest Du diese 5 wichtigen Dinge wissen, um richtig mit Depressiven umzugehen.

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5 Dinge, die Du über Depressionen wissen solltest

 

Depressionen verstehen lernen

Psychische Leiden lassen sich schwer in Worte fassen und depressive Phasen kaum verständlich erklären. Ich hoffe, die folgenden 5 Punkte helfen, depressive Menschen verstehen zu lernen. Und dabei, dass Angehörige bzw. Partner mit der Depression besser zurechtkommen. Oft wird das Verhalten betroffener Missverstanden, siehe: Vorgetäuschte Depression erkennen und vgl. auch Langzeitfolgen der Depression – Was von der Krankheit bleibt.

 

Depressive verstehen

Depressionen sind sehr heterogen, sie verlaufen äußerst unterschiedlich, auch wenn sich tlws. Gemeinsamkeiten finden. Also: nicht jeder Betroffene hat die gleichen Symptome, Trigger oder Bewältigungsmechanismen, die ich hier aufliste.

 

1) Depressive kämpfen mit gewaltigen Ängsten

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Eines der allerschlimmsten Dinge sind in einer Depression die Ängste.

Angst, dass diese schreckliche Leere und das Gefühl der Wertlosigkeit niemals verschwindet.

Angst, es könnte noch schrecklicher werden, so dass es im Kopf nur noch einen Ausweg gibt...

Angst vor anderen, fremden Menschen, die einen verurteilen könnten.

Eine meiner größten Ängste ist es, dass Freundschaften und Beziehungen an meiner Depression kaputt gehen. Dass Menschen keinen Bock mehr haben, wenn ich wieder ein Treffen absage, weil es mir „nicht gut geht“.

Oder wenn ich mich wochenlang zurückziehe.


Was Du jetzt tun kannst?

  1. Sagen, dass Du trotzdem für denjenigen da bist. Egal wie viele schlechte Tage kommen.

  2. Und verstehen, dass es nicht an Dir liegt, wenn es Deinem Partner, Freund oder Angehörigen schlecht geht

  3. Die Ängste als Teil der Krankheit sehen, denn sie sind oft eine zusätzliche Krankheit (z.B. Angststörung) oder Symptom der Depression.

  4. Melde Dich immer wieder bei dem depressiven Menschen, der Dir nahe steht, damit er weiß, dass Du ihn nicht fallen lässt.


 

2) Depressionen sind eine reale Krankheit

Ja, depressive Phasen sind eine Geisteskrankheit – das bedeutet jedoch nicht, das mein Leiden weniger Schmerzen verursacht als ein gebrochener Arm.

Seelische Probleme schlagen sich deutlich auf körperliche und geistiger Ebene nieder.

Mehr erfährst Du hier:
Wie fühlen sich Depressionen an?

Wenn man denn unbedingt einen biologischen Beweis für die Krankheit Depression braucht:

Es gibt eine hormonelle Veränderung im Gehirn von Depressiven und psychisch kranken Menschen. Diese führen wiederum zu einem veränderten Denken, einer anderen Wahrnehmung und Beurteilung. Ob das jetzt Ursache oder eine Folge der Krankheit ist, weiß man noch nicht.

Es ist okay, wenn Du es nicht auf Anhieb nachvollziehen kannst. Das kann man von niemanden erwarten. Aber glaube dem anderen, wenn er Dir sagt, wie schlimm es ist.

 

Was Du tun kannst?

  1. Bitte sag’ nicht, es sei doch alles nicht so schlimm und nur Einbildung. Oder ein bisschen Ruhe helfe bestimmt.

  2. Das Leiden ist echt, nicht eingebildet oder einfach mit positivem Denken zu „heilen“. Solche Sätze sind extrem verletzend.

  3. Informiere Dich über Depressionen und ihre vielen Symptome, dann verstehst Du besser, warum sich Depressive in einer bestimmten Art und Weise verhalten.


 

3) Depressive sind nicht schwach & übersensibel

Um Depressive zu verstehen, ist dieser Satz überaus wichtig.

Viele Menschen mit Depressionen sind sehr erfolgreich in ihrem Beruf, leisten jeden Tag 100 % und werden allgemein als selbstbewusste Personen wahrgenommen.

Im Grunde ist das auch egal, wer oder was Du bist, denn Depressionen können jeden treffen – die Hausfrau von nebenan oder den Top-Manager bei Disney. Den 16-jährigen Schüler sowie die 46-jährige Journalistin.

Sätze wie:

  • „Du musst Dich zusammenreißen“

  • „Du reagierst überempfindlich“

  • “Stell Dich nicht so an”

sind für Depressive ein derber Faustschlag ins Gesicht.

 

Was Du tun kannst?

  1. Begreife, dass Krankheiten nie eine Schwäche sind, sondern ein ernsthaftes Gesundheitsproblem. Zu einem Menschen mit gebrochenem Fuß würde niemand sagen „Hüpf doch mal, und wenn‘s weh tut, dann denk dir den Schmerz einfach weg.“

  2. Im Gegenteil: Sich in Behandlung zu begeben, ist echt mutig und kostest depressive Menschen enorme Überwindung. Honoriere das bitte.

  3. Warme Worte von Dir können unheimlich motivieren, wenn der andere in einer Depression steckt: 30 liebe Sätze an einen depressiven Menschen


 

4) Depressive Phasen müssen keine logische Ursache haben

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Es gibt nicht immer einen Grund dafür, warum ich an dem einen Tag gute Laune habe und mich am nächsten Tag wie ein Häufchen Elend Zuhause verbarrikadiere.

Depressionen bzw. depressive Phasen können plötzlich kommen. Wie aus dem Nichts, ohne erklärbaren Grund.

Für mich als Depressive ist das auch schwer zu begreifen. Nicht immer erkenne ich die Vorzeichen.

Suche bitte nicht nach einem Grund, wenn Du weißt, der geliebte Mensch leidet. Es ist zermürbend und triggert Schuldgefühle, wenn Du nach Ursachen suchst, warum derjenige jetzt depressiv ist und gestern nicht.

Darüber hinaus ist diese Frage so schwer zu beantworten und raubt Energie, die depressive Menschen für bessere Dinge nutzen sollten. Zum Beispiel, um negative Verhaltensmuster zu durchbrechen, anstatt sich in erschöpfenden Analysen im Kreis zu drehen.

 

Was Du tun kannst?

  1. Es ist eine Krankheit und deren Logik schwer nachvollziehbar.

  2. Am besten Du akzeptierst die Situation einfach.

  3. Auch gut gemeinte Ratschläge sind hier leider nicht hilfreich. » Warum Ratschläge wie Schläge sind

  4. Es reicht schon, wenn Du nur zuhörst und Verständnis äußerst.


 

5) Die Depression Deines Partners, Angehörigen oder Freundes hat nichts mit Dir zu tun

Wenn ich Depressionen habe, dann hat das bestimmt nichts mit meinem Ehemann als Mensch zu tun. Es liegt nicht an seiner Person, dass es mir schlecht geht.

Genauso wenig bist Du der Grund dafür, dass es dem Menschen, der Dir nahe steht, gerade sehr schlecht geht.

Niemand ist Schuld oder der Grund, außer die Krankheit selbst.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt für eine Freundschaft oder Partnerschaft mit Depressiven. Es ist sehr wichtig, dass Du weißt, dass Dich Dein depressiver Partner oder Freund liebt.

Wir sind nur nicht immer imstande, es während einer akuten Phase zu zeigen. Bitte nimm es nicht persönlich oder sei verletzt, wenn der Betroffene absagt, allein sein möchte oder keine Lust auf gemeinsame Unternehmungen hat.

 

Was Du tun kannst?

  1. Der oder die Betroffene braucht einfach Zeit für sich.

  2. Du trägst keine Schuld an seinem oder ihrem Zustand.

  3. Und Du bist einem depressiven Menschen auch nicht weniger wert. Ganz bestimmt nicht!

  4. Er kann sich in solchen Momenten leider nicht so artikulieren, wie Du es normalerweise von demjenigen kennst.

  5. Ermutige trotzdem immer mal wieder zu gemeinsamen Unternehmungen oder Aktivitäten.

  6. Auch Gespräche helfen, wenn der Betroffene es will.


 

Körperliche Probleme bei Depressionen

Wenn wir über Depressionen sprechen, denken viele an emotionale und mentale Zustände. Doch in der Diskussion um psychische Erkrankungen sollte nicht vergessen werden, dass das Körperliche und das Psychische untrennbar miteinander verknüpft sind.

Der Körper ist nicht einfach nur ein Gefäß für den Geist, sondern ein aktiver Teil unserer spezifischen und individuellen Realität.

Körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetitveränderungen, Schwindel, Schwächeanfälle und Muskelverspannungen sind häufige Symptome von Depressionen oder korrekt ausgedrückt: Sie sind Teil der Krankheit selbst.

Das macht natürlich etwas mit einem Menschen. Wer ständig mit Schmerzen kämpft, keine Energie hat und nicht einmal Erholung im Schlaf findet, hat weder die gleichen Reserven noch Möglichkeiten zur Verfügung wie ein gesunder Mensch.

 

Was du jetzt tun kannst?

  1. Denke daran, dass die Beschwerden real sind, keine Einbildung

  2. Gehe verständnisvoll damit um

  3. Betroffene benötigen praktische Hilfe bei alltäglichen Aktivitäten

  4. Erinnere den anderen daran, dass körperliche Beschwerden zur Depression gehören und kein Ausdruck von Schwäche oder Übersensibilität sind

  5. Hilfreich ist es, wenn du anderen Außenstehenden den Zusammenhang von Depression und Psyche erklärst, damit der oder die Kranke nicht ständig missverstanden wird


 

Vermeide allgemeine Ratschläge

Leider werden viele Betroffene allzu oft und ungefragt mit allgemeinen Ratschlägen bombardiert. Darunter: Meditieren hilft, mach doch mal was mit Freunden, du darfst nicht am Leiden festhalten, du brauchst Sport usw.

Allgemeine Ratschläge simplifizieren die Realität und ignorieren die tiefen und oft verworrenen Gedanken- und Gefühlswelten, mit denen Betroffene kämpfen. Jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte und individuelle Herausforderungen, die bei allgemeinen Tipps nicht berücksichtigt werden.

Zudem rufen oberflächliche Verhaltensdirektiven nur Schuld- und Schamgefühle beim Gegenüber hervor. Du behauptest damit nämlich, der andere hätte sich einfach nicht genug Gedanken gemacht oder nicht genug angestrengt. 

Doch bei Depressionen gibt es keine Standard-Lösungen. Bevor du also einfache Ratschläge gibst, lass es lieber und höre einfach nur zu.

 

Depressionen sind ein komplexes Phänomen, das weit über individuelle Faktoren hinausgeht

Gesellschaftliche und soziale Aspekte spielen eine essenzielle Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Erkrankung.

Der sozioökonomische Status ist hierbei von Bedeutung. Studien zeigen, dass Menschen mit niedrigem Einkommen oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen einem höheren Risiko ausgesetzt sind, Depressionen zu entwickeln. Unsicherheit und chronischer Stress, die mit finanziellen Schwierigkeiten einhergehen, belasten die psychische Gesundheit erheblich (World Health Organization, 2014).

Ein oft übersehener Punkt sind kulturelle Stigmata. In vielen Kulturen ist das Sprechen über Depression tabu, was Betroffene immer noch davon abhält, Hilfe zu suchen. Der Druck, den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen und keine Schwäche zu zeigen, verstärkt das Gefühl der Isolation – und verschlimmert die depressiven Symptome erheblich.

 

Fazit: Depressive verstehen

Warum ist das so wichtig?

Eine Depression ist nicht ausweglos, es gibt Möglichkeiten, gegen die Krankheit vorzugehen. Das Umfeld hat für Menschen mit Depressionen eine wichtige, stützende Wirkung. Dabei ist Verständnis die wertvollste Hilfe, die Du einem Depressiven schenken kannst.

Da sich Betroffene wie ich ohnehin immer wieder mit Schuldgefühlen, Einsamkeit und Scham quälen, nimmst Du durch dein Verständnis den grausamen Druck vom anderen. Das ist unheimlich viel wert. Und ein entscheidender Beitrag, damit Menschen mit Depressionen Hoffnung finden.

Vgl. auch Einsamkeit in der Depression – existenziell einsam sein


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Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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