Depressionen: Klinik – Ja oder Nein? » Erfahrungsbericht

Wie ist das so in einer Psychiatrie oder Klinik für Psychosomatik? Die Frage "Klinik oder nicht?" stellen sich viele Betroffene. Auch ich hatte Angst vor der Klinik und den Therapien. Die Unsicherheit ist typisch für Depressionen – aber oft unbegründet.

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Viele falsche Vorstellungen

Eine Klinik für psychische Krankheiten ist anders als sie sich die meisten Leute vorstellen.

 

Bei Depression in die Klinik?

Es ist unglaublich schwer, zu sagen: Ich habe Depressionen.

Und noch schwerer sind Sätze wie: Ich habe Depressionen und war in einer psychosomatischen Klinik. Vor allem, weil ich mich wie viele Betroffene für diese Krankheit extrem schäme.

Sie macht mich schwach, unsicher und wertlos. Alles Wertungen, die kaum zu ertragen sind und den Lebenssinn ernsthaft in Zweifel ziehen.

Depressionen sind weit verbreitet und immer mehr Menschen trifft es. Trotzdem will kein Betroffener Schwäche zeigen und schon gar nicht in eine Klinik für psychische Störungen. So schlimm, wie Du jetzt vielleicht denkst, sind diese Einrichtungen aber gar nicht. Im Gegenteil: sie sind notwendig!

 

Depressionen: Ab wann in die Klinik?

Wer Depressionen hat und sich aus dem Moorast aus Schuldgefühlen, Ängsten und schwarzen Gedanken nicht mehr befreien kann, gehört in eine Klinik. Auch, wenn Du schon in Behandlung sein solltest.

Ich ging im September 2017 in die Schön Klinik bei Berchtesgaden. Dazu musste ich mich zwingen, weil ich einsah, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Ich war bereits zu schwer erkrankt.

Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Klinik. Und auch heute löst der Gedanke, wieder in eine psychosomatische Einrichtung zu müssen, krassen Stress in mir aus.

“Andere Patienten wollten gar nicht mehr weg, so schön fanden sie es dort.”

Ich will Dir nichts vorflöten. Sich für einen stationären Aufenthalt in der Klinik zu entscheiden, bedeutet anfangs starke Überwindung & jede Menge Tränen und Scham. Das ist aber nur zu Beginn so, wenn Du Deine “Reise” dort antrittst.

In kürzester Zeit stellst Du fest, dass hier alle so sind wie Du. Ihr sitzt alle im gleichen Boot. Im Ganzen bin ich daher froh, die Erfahrung gemacht zu haben. Es wäre sonst nicht weiter gegangen. Ich wäre weiter versumpft…wenn nicht sogar Schlimmeres.

 
  • Ab wann lohnt sich ein stationärer Aufenthalt in der Klinik?

In der Regel wird Dir Dein Arzt zu einem stationären Aufenthalt raten, wenn Du Deinen Alltag nicht mehr bewältigen kannst (mittelgradige & schwere Depression).

Evtl. auch interessant für Dich: Wie spreche ich Depressionen beim Hausarzt an?

  • Ab wann ist eine Tagesklinik sinnvoll?

Sind die Beschwerden milderer Natur (leichte Depression) dann können Tagesklinik oder ambulante Psychotherapie ausreichen. Ich betone: können.

 

Meine Krake:

schwere Depression – soziale Phobie

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Ich hatte Panikattacken mit einer brachialen Gewalt an Gefühlen und Körperempfindungen, die einem tödlichen Kollaps gleichen.

Vgl. Angst verstehen – Angststörungen mit Philosophie erklärt

Und dann sind da noch die hässlichen Gedanken, verletzende und zutiefst beschämende Gedanken, die sich so schwer in Worte fassen lassen.

Im Kopf herrscht Chaos – kompletter Overkill…

Trotzdem versuchst Du um jeden Preis zu funktionieren. Was soll die Welt von Dir denken? Von Dir jämmerlichen kleinen Wurm von Mensch.

Jede stinknormale Situation wird für Dich zum Spießrutenlauf, gefühlt zumindest. Irgendwann fühlst Du nur noch innere Leere und alles treibt dahin.

Die Krankheit Depression ist keine Modeerscheinung und alles andere als anormal.

 

Die Klinik schafft Raum für Deine Normalität

Den Aspekt finde ich mega wichtig. Während Du in der Außenwelt die Norm nicht erfüllst – glaubst Du zumindest – gibt es in der Klinik keine Normen. Du und die anderen Patienten bilden die Norm.

In einer Klinik für Depressionen und andere Störungen ist es unspektakulär und völlig normal zu weinen, den anderen mitfühlend zu trösten und Gemeinschaft zu leben. Fast als wären alle eine Familie oder als würde man sich seit Ewigkeiten kennen.

 

Alltag in der Klinik – einfach strukturiert

Was macht man so in einer Klinik, die sich auf diverse psychologische Probleme spezialisiert hat? Im Grunde ganz einfache Dinge, die Deinem Tag eine leichtgewichtige Struktur verleihen und Dir sanft Möglichkeiten für neue Eindrücke eröffnen.

Meistens werden Dir für jeden Tag ca. 2-4 Therapie-Maßnahmen zugeteilt, damit Du wieder eine Tagesstruktur gewinnst. Der Stundenplan ist gut geordnet und gewährt Dir immer wieder Pausen während des Tages. Denn Hand aufs Herz: Therapie ist Scheiße anstrengend.

Und gleichzeitig erholsam. Es gibt Malkurse, Sporteinheiten, Tai-Chi oder Quigong Kurse und vieles mehr. Natürlich auch Einzelgespräche mit einem Therapeuten, das war für mich die wichtigste Behandlung.

 
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Zum Thema Antidepressiva (Medikamente)

Medikamente, Psychopharmaka, kannst Du nehmen. Aber niemand zwingt Dich, wenn Du Dich dagegen entscheidest.

Ich kann Dir für mich nur sagen: dass ich ohne die Dinger nicht mehr ich selbst wäre. Und auch längst nicht mehr am Leben.

Die Psychotherapie und Arbeit an mir selbst gelingt mir mit Hilfe der Medikamente besser.

Langfristiges Ziel ist es immer, ohne auszukommen. Aber langfristig bedeutet, Geduld zu haben.

 

In der Klinik geht es nicht um Berufe & Leistung

Anders als im herkömmlichen Alltag interessiert man sich in der Klinik wenig dafür, was Du beruflich machst und kannst.

Du musst keine Schnellpräsentation Deiner besten Leistungen hinlegen, die zeigen, wie toll Du bist.

Hier interessiert man sich für Deine Person, Dein Denken und Deine Gefühle. Bei den meisten Mitpatienten habe ich keine Ahnung, was sie vom Beruf her waren oder sind. Ich kann nur sagen, in der Klinik kommen sich Menschen auf eine tiefere Weise nahe. Sie teilen Schicksale und Probleme mit Dir wie kein anderer Deiner Liebsten.

 

Ist man nach der Klinik geheilt?

Eine Gretchenfrage: Kommst Du nach der Zeit aus der Klinik als geheilter Mensch zurück nach Hause?

Heilt die Klinik Depressionen? Kommt ganz darauf an. Wie definierst Du Heilung?

Eine Krankheit verschwindet nicht einfach durch 6-8 Wochen Intensivtherapie. Was Du in der Klinik bekommst, ist das Handwerkszeug, um mit der Depression oder einer anderen psychischen Störung umzugehen.

Und das beste daran:

Wenn es hart auf hart kommt, weißt Du, wo Du gut aufgehoben bist und behandelt wirst. Das ist ein wichtiger Punkt, an den Du denken darfst, wenn Du das Gefühl hast, zu ertrinken.

Viele Vorstellungen über psychische Erkrankungen und entsprechenden Kliniken sind schlichtweg Quatsch.

Ehrlich, die psychosomatischen Kliniken sind besser als ihr Ruf in der Allgemeinbevölkerung, von der die meisten Menschen nie die kleinste Erfahrung in einer dieser Einrichtungen gemacht haben.

 

Fazit: Klinik & Depression - Ja oder Nein?

Ich will nichts schön reden.

In einer Klinik für Psychosomatische Störungen wirst Du Deine Komfortzone verlassen müssen. Ich weiß, das ist ungemein schwer, wenn Du depressiv, angstgestört oder sonstwas bist.

Aber wirklich nötig, um wieder an Lebensqualität zurückzubekommen. Und da tut sich in einer Klinik viel: aus Erfahrung kann ich sagen, dass Du nirgendwo so viel Zeit für Dich und Deine Bedürfnisse bekommst.

Es ist unglaublich, wie warmherzig die Menschen dort sind.
Wie viel Verständnis Dir entgegen gebracht wird.
Wie viel Last von Dir abfällt, die Du nicht mehr alleine tragen musst.

Ich hoffe, mein Text nimmt Dir die Angst vor der Klinik und baut unbewusste Vorurteile ab.

Herzlichen Dank fürs Lesen! 🙏

Tamara Niebler (Inkognito-Philosophin)

Hi, ich bin Tamara, freie Journalistin & studierte Philosophin (Mag. phil.). Hier blogge ich über persönliche Erfahrungen mit Depressionen & Angst – und untersuche psychische Phänomene aus einer dezidiert philosophischen Perspektive. Zudem informiere ich fachkritisch über soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Missstände, die uns alle betreffen.

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